Wie entlässt die Revolution ihre Kinder?

In der DDR-Opposition engagierte Mütter und Väter lebten in einem besonderen Spannungsverhältnis zwischen dem oft gefährlichen Einsatz für politische Reformen einerseits und elterlicher Fürsorge andererseits. Das eigene Verantwortungsbewusstsein der Eltern wirkte sich unmittelbar auf das Leben ihrer Töchter und Söhne aus. „Wie entlässt die Revolution ihre Kinder?“ fragt die Evangelische Akademie zu Berlin gemeinsam mit der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Im Rahmen eines Abendforums berichten am 26. Januar unter dieser Überschrift unter anderem Vera Lengsfeld und ihr ältester Sohn, Dr. Philipp Lengsfeld von ihren Erinnerungen.

Die Veranstaltung knüpft an die Fachtagung „Verpflichtet zum aufrechtem Gang oder gebeugt von der Last der Vergangenheit? - Spätfolgen der SED-Diktatur“ aus dem Vorjahr an, deren Ergebnisse diskutiert werden sollen: „Wir spüren den Geschichtsbildern und Prägungen in Familien der DDR-Opposition nach“, kündigt Jacqueline Boysen, Studienleiterin der Akademie, an. „Die Mütter und Väter wollten – wie alle Eltern – eine bessere Welt für ihre Kinder, und sie nahmen dafür ein Leben in Unsicherheit in Kauf. Auch ihre Kinder wurden in der Schule oft an den Rand gedrängt, Abitur oder Studium waren ihnen verwehrt, sie und ihre Eltern störten aus Sicht der Staatspartei die sozialistische Gesellschaft. Wenn die Eltern von Haft bedroht wurden, waren nicht zuletzt auch die Töchter und Söhne die Leidtragenden. „Hier zeigt sich die ganze Ambivalenz“, so Jacqueline Boysen, „denn wer zu Hause unabhängiges und freies Denken lernt, den Mut der Eltern sieht und ihr konsequentes Handeln erlebt, der hat schließlich allen Grund, die Eltern als Vorbilder zu sehen“.

Die Veranstaltung nimmt die kirchliche wie die außerkirchliche Opposition in den Blick. „Wir fragen, wie geschichtliche Brüche und Systemwechsel in den Familien der Protagonisten von damals diskutiert werden.“ Neben den persönlichen Erinnerungen und den Reflexionen der DDR-Bürgerrechtlerin Lengsfeld und ihrem Sohn aus erster Ehe, der heute als Physiker arbeitet, wird das Thema grundsätzlich eingeordnet: Das Institut für Demoskopie Allensbach hat nach dem innerfamiliären Umgang mit Geschichte in postdiktatorischen Gesellschaften gefragt. Den Untersuchungen zufolge dauert es mindestens 13 Jahre, bis in Familien Gespräche über die gemeinsame von Widerstand und Repression geprägte Vergangenheit möglich sind. Zunächst müssten die Betroffenen – Eltern und Kinder – Distanz zum Gewesenen gewinnen. Dr. Thomas Petersen vom Allensbach-Institut stellt die Ergebnisse der unterschiedlichen Befragungen über Prägungen und Werte vor.

Wie gehen die Kinder von Oppositionellen mit dem historischen und innerfamiliären Erbe um, was bedeutet es für ihre Lebensentwürfe? Im Rahmen des Abendforums, an dem auch Pfarrer Curt Stauss, Beauftragter des Rates der EKD für Seelsorge und Beratung von Opfern der SED-Kirchenpolitik, teilnimmt, sollen Antworten gefunden werden. Die Veranstaltung in der Französischen Friedrichstadtkirche beginnt um 19:00 Uhr, der Eintritt ist frei.

Weitere Informationen finden Sie hier.