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Der Mann mit dem 'dicken Strich'

 
 
Tadeusz Mazowiecki am 05. Oktober 2010 zu Gast in Berlin

Der Mann mit dem 'dicken Strich'

 

Tadeusz Mazowiecki trat im September 1989 als erster nichtkommunistischer Ministerpräsident Polens an die Spitze einer aus halbfreien Wahlen hervorgegangenen Regierung. Im Gespräch in der Französischen Friedrichstadtkirche, zu dem die Evangelische Akademie eingeladen hatte, berichtete er über seinen Weg dorthin, sein Menschen- und Weltbild sowie viele Erlebnisse und Erfahrungen.

Der unvermeidliche Systemübergang in Polen war mit Teilen der alten, kompromittierten Führung sowie dem überkommenen Funktionärs- und Beamtenapparat zu leisten gewesen, der Staat stand vor dem wirtschaftlichen und finanziellen Ruin. In seiner Regierungserklärung sprach Mazowiecki damals von einer "dicken Linie", die die Verantwortung seiner Vorgänger für die Lage im Land von den Maßnahmen der neuen Regierung trenne. An einen "dicken Strich", der die Aufarbeitung von vergangener Willkürherrschaft verweigert, sei, so Mazowiecki, nie gedacht worden. Gleichwohl galt es zwei Millionen Mitglieder der kommunistischen Partei in das neue System zu integrieren und im Gegensatz zur vorausgegangenen diktatorischen Praxis keine politischen Schauprozesse zu führen, sondern in der Demokratie die juristische Aufarbeitung durch eine unabhängige Gerichtsbarkeit zu gewährleisten. Humorvoll-resignativ fügte sich Mazowiecki in das missverständliche Etikett, mit dem seine Amtszeit versehen wurde: "Für Wirtschaftsminister Balcerowicz bleiben die Reformen auf dem Weg zur Marktwirtschaft das Markenzeichen und für Sozialminister Kuron die Sozialprogramme. Für mich bleibt ‚der dicke Strich’".
Die sich zur gleichen Zeit vollziehende deutsche Einheit war für Mazowiecki keineswegs ein Schreckensszenario, stieß sie doch das ersehnte Tor nach Westen, nach Europa weit auf. Sein Bild von Deutschland war nach den Kindheitserlebnissen während der brutalen NS-Besatzungsherrschaft besonders durch Menschen wie Dietrich Bonhoeffer, die Botschafter von Aktion Sühnezeichen oder jene oft vergessenen christlichen Oppositionellen in der DDR geprägt, die engen Kontakt nach Polen hielten. Nein, Furcht habe er nicht vor diesem Deutschland verspürt. Allerdings wäre es gut gewesen, der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl hätte seinem berühmten "Zehn-Punkte-Plan" zur deutschen Einheit einen elften hinzugefügt: die endgültige Anerkennung der Grenzen Polens.

 

 
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