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Tschernobyl als europäische Herausforderung

 
 
25. Jahrestag der Katastrophe und ihre Folgen

Tschernobyl als europäische Herausforderung

© EAzB

Eine szenische Kollage junger Europäer zum 25. Jahrestag der Katastrophe

 

Rückblick auf die Tagung am 26. April 2011 zum 25. Jahrestag der Katastrophe und ihre Folgen

„Nach Fukushima gibt es die Chance, dass ein führendes Industrieland den Beweis antritt, dass eine sichere und bezahlbare Energieversorgung mit erneuerbaren Energien in absehbarer Zeit möglich ist.“ Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, plädierte für neue Wege in der deutschen Energiepolitik. Im Rahmen der Tagung „Tschernobyl als europäische Herausforderung“ zum 25. Jahrestag der Katastrophe wurden neben politischen auch die drastischen gesundheitlichen Folgen des Unfalls vor 25 Jahren thematisiert.

„Die Vorträge und Diskussionen haben unzweifelhaft deutlich gemacht, wie stark die Nutzung der Atomenergie mit all ihren Folgen in die Zukunft der ganzen Welt eingreift“, sagt Ulrike Kind, Studienleiterin der Evangelischen Akademie zu Berlin. „Doch so zynisch es klingen mag: Die damalige Reaktorkatastrophe hat auch Positives bewirkt.“ Tschernobyl habe einen maßgeblichen Beitrag zum Zerfall der Sowjetunion geleistet, ist Kind sicher. Außerdem habe sich nach 1989 eine einmalige europaweite Solidaritätsbewegung entwickelt. In vielen europäischen Ländern, aber auch über Europa hinaus hätten sich Initiativen gebildet, um die dramatischen Folgen des Reaktorunfalls für die Menschen vor Ort zu mildern. Die damals geknüpften Kontakte, betont die Studienleiterin, wirkten oft bis heute fort.

„Gleichzeitig sind es neben der Endlagerproblematik besonders die noch immer spürbaren Folgen der Katastrophe in Tschernobyl – vor allem die in der 2. und 3. Generation erkennbaren genetischen Schäden – die uns bis heute beschäftigen“, unterstreicht Kind. Strahlenschutzexperte Wolfram König hob hervor, dass das Risiko der Atomenergiegewinnung in den Jahren nach Tschernobyl mehr und mehr akzeptiert worden sei: „Es wurde eine feine Linie gezogen zwischen Reaktortypen westlicher und östlicher Bauart“. Den „traurigen Höhepunkt“ dieser Entwicklung sieht der Präsident des Strahlenschutzamtes in den Zusagen an Staaten zum Bau von Kernkraftwerken im Nahen und Fernen Osten, die noch vor nicht allzu langer Zeit in der Reihe der so genannten ‚Schurkenstaaten‘ genannt worden seien. „Und wenn am heutigen Tag Raketen der NATO-Partner auf die Hauptstadt von Libyen zielen, dann muss daran erinnert werden, dass vor nicht einmal vier Jahren Frankreichs Präsident Sarkozy mit Gaddafi eine Vereinbarung über die Lieferung eines Kernkraftwerks geschlossen hatte“, betonte König.

Die Auswirkungen des jüngsten Unfalls in Japan sind nach Einschätzung des Strahlenschutzexperten heute noch kaum abzusehen. Eine grundlegende Infragestellung der Nutzung der Kernenergie durch die Bundesregierung sei vor 25 Jahren ausgeblieben – dies sei heute anders. Von der Ethikkommission zu übergreifenden Fragen der Zukunft der Energieversorgung ohne Kernenergie erhofft sich König, dass auch der Uran-Abbau mit seinen Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit der dortigen Beschäftigten, sowie die indirekten Subventionierungen – etwa die Versicherungsbegrenzung der Kernkraftwerke der Energieerzeugungsunternehmen auf 2,5 Milliarden Euro – auf den Prüfstand kommen werden.

Als Vertreter der IPPNW(International Physicians for the Prevention of Nuclear War) stellte der Mediziner Winfried Eisenberg die gesundheitlichen Folgen des Reaktorunfalls von Tschernobyl in den Mittelpunkt seines Beitrags. Er wies darauf hin, dass das wahre Ausmaß der Katastrophe erst allmählich deutlich würde, weil viele strahleninduzierte Erkrankungen eine Latenzzeit von mehr als 25 Jahren hätten. Bei den so genannten Liquidatoren und den zu spät evakuierten Menschen sei indes ein neues Krankheitsbild festzustellen: das extreme vorzeitige Altern mit typischen Altersdiagnosen bei Vierzigjährigen. Von den vielen hunderttausend Liquidatoren seien 125.000 bereits verstorben, die noch Lebenden litten zumeist an mehreren Krankheiten gleichzeitig. „Die Botschaft ist klar: Wir müssen das Nuklearzeitalter umgehend beenden“, so die Bilanz des Mediziners.

Diese Ansicht teilten die Vertreter des europäischen Geschichtsnetzwerks EUSTORY. Die jungen Europäer hatten im Vorfeld der Tagung das Erinnern an Tschernobyl in ihren Ländern untersucht. In einer abschließenden Resolution forderten sie eine umfassende europäische Energiepolitik, die unabhängig vom Import von Energie sein und auf erneuerbaren Energien basieren sollte.

Die Tagung „Tschernobyl als europäische Herausforderung“  führte die Evangelische Akademie gemeinsam mit dem Internationalen Bildungs- und Begegnungswerk (IBB) in Dortmund, der Stiftung Mercator, der Internationalen Bildungs- und Begegnungsstätte „Johannes Rau“ (IBB) in Minsk und dem History Network für Young Europeans EUSTORY durch.

Die vorliegenden Textbeiträge zur Tagung finden Sie hier:

Wolfram König, Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, Eröffnungsvortrag (PDF-Dokument, 51.1 KB)

Dr. med. Winfried Eisenberg, Kinderarzt, Statement (PDF-Dokument, 66.9 KB)

A Manifesto of young Europeans (PDF-Dokument, 1.2 MB)

 

 
 
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