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Predigt Vorwort Predigtreihe

 
 
Dr. Jürgen Kaiser am 15. Januar 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche

Eröffnung der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den 10 Geboten

„Und Gott redete alle diese Worte: Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe.“ (2.Mose 20,1-2)

Dr. Jürgen Kaiser, 15. Januar 2012 (PDF-Dokument, 119.5 KB)

Prolog: Fingerübung

Liebe Schwester, lieber Bruder,

Freiheit hat Gott, der Herr, dir gegeben, und zehn Finger. Mit den zehn Fingern wirst du die Freiheit, die Gott, der Herr dir gegeben hat, handhaben. Denn zu jedem der zehn Finger gibt es je ein Wort, das dir die Freiheit gestaltet.

Eine ungestaltete Freiheit ist wie die Wüste. Das Leben in ihr wird schnell zur Qual. Oder ist wie ein großer, völlig leerer Parkplatz. Versuchen Sie mal auf einem großen völlig leeren Parkplatz zu parken.

Wer in ein weites Land ein paar Hecken und Zäune setzt und an Wasserbächen einen Baum pflanzt, hat noch kein Gefängnis. Er macht dem Auge nur die Aussicht freundlicher und verhindert, dass die Freiheit der Seele leid wird.

Zehn Finger, zehn Gebote, die machen noch kein Gefängnis. Im Gegenteil, sie manifestieren die Freiheit. Manifestum ist das, was handgreiflich ist. Die Zehn Gebote sind ein Manifest der Freiheit, weil wir unsere Freiheit vor Augen haben und mit Händen greifen können.

 

I. Kinderspiel

Ein Kind will Regeln und kann mit Freiheit nichts anfangen. Ein Jugendlicher will Freiheit und kann mit Regeln nichts mehr anfangen. Erwachsen aber sind wir, wenn wir uns der Freiheit freuen, weil sie geregelt ist.

Ein Kind braucht Regeln und Eltern, die ihm sagen, was es darf und was es nicht darf. Manche Eltern überfordern ihre Kinder, indem sie ihnen zu früh zu viel Selbstständigkeit zumuten, sie erwachsener machen als sie sind. Das ist nicht nur ein Erziehungsfehler. Das ist auch eine Form von Unbarmherzigkeit. Kinder brauchen klare Ansagen und sie wollen klare Ansagen.

Als die Kinder Israel noch klein und in Ägypten waren, bekamen sie ihre Nahrung aus Fleischtöpfen und klare Ansagen vom Pharao. Aber dann wurden sie größer und größer und wollten sich nichts mehr sagen lassen. Je größer sie wurde, desto mächtiger wurde auch der Wunsch nach Freiheit.

Jugendliche wollen frei sein. Sie opponieren gegen Autoritäten. Sie ertragen nicht mehr die Imperative: „Du sollst“, oder „Du darf nicht!“ Sie schütteln die alten Autoritäten ab und suchen sich neue. Oft sind sie lange auf der Suche und probieren dieses und jenes aus, Idole, Helden, Moden.

Als die Kinder Israel älter geworden waren, zogen sie aus von Zuhause und gingen auf Wanderschaft. Das war früher auch bei uns eine gute Sitte.

Das, woraus sie auszogen, nennt die Lutherbibel „Knechtschaft“. Ich mag das Wort Knechtschaft. Es lässt noch eine andere Seite anklingen als das kalte und nüchterne Wort Sklavenhaus. Ein Knecht ist einer, der zwar Befehle ausführen und hart arbeiten muss, für den sein Herr aber auch sorgt. Knechtschaft bezeichnet genau die Ambivalenz, die die Adoleszenz zu so einer schwierigen Zeit macht: Jugendliche stellen die Autoritäten ihrer Kindheit in Frage und sehnen sich doch nach der Geborgenheit der Kindheit.

Meine Großmutter nannte mich immer ihren Knecht. Das war eine liebevolle Anrede; aber als ich konfirmiert wurde, gebot ich ihr: Du sollst mich nicht „mein Knecht“ nennen!

Als die Kinder Israel ihre Knechtschaft los waren, hat Gott, der Herr, sie konfirmiert. Er gab ihnen zwei Tafeln mit Zehn Worten. Aber wie das so ist mit solchen moralischen Konfirmationsgeschenken – sie treffen zunächst nicht auf große Gegenliebe. Die frisch befreiten Kinder Israel pubertierten erst einmal weiter und liebäugelten mit goldenen Kälbern und anderen Verlockungen.

Es brauchte Jahre, bis sie erkannten, dass die beiden Tafeln mit den Zehn Worten ein Navigationssystem durch die Wüste war und das Überleben in der Freiheit ermöglichte.

Manchmal braucht es eben 40 Jahre, um erwachsen zu werden. Man verläuft sich, man verrennt sich, man sucht seinen Weg. Man murrt, man bellt und stößt sich seine goldenen Kalbshörner ab. Manchmal braucht es 40 Jahre, um seine Erfahrungen mit der Freiheit zu machen. Aber irgendwann träumst du nicht mehr von den Fleischtöpfen, sondern findest wieder Geschmack an Kinderspeise, an Milch und Honig, die Gebote, Vorschriften und Weisungen, gegen die du dich jahrelang gesträubt hast, schmecken dir wieder und gegen das „Du sollst nicht“ bist du nicht mehr allergisch.

Im gelobten Land hatten die Kinder Israel ihre Lust an den Weisungen des Herrn und sannen darüber Tag und Nacht. Für ihr Konfirmationsgeschenk, die beiden Tafeln, bauten sie einen Tempel, denn sie erkannten darin nicht nur ein Manifest der Freiheit, sondern auch eine Gabe der Liebe.

Die Zehn Worte wurden ihnen durch viele Fingerübung ganz geläufig, sie hatten ihre Freiheit in der Hand. Allein den ersten Satz, den sagten sie sich wieder und wieder, denn das war der Satz der Liebe: „Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe. Du wirst…“ Da ist viel Liebe drin, viel herzliche Beziehung, Honig in der Grammatik, nämlich in den fürsprechenden Fürwörtern: Ich und Du, mein und dein, dich und mich. Dampft man in diesem Satz die Milch, die verflüssigenden Verben und Nomen ein, hat man die Liebe im Konzentrat, schmeckt man den Honig und die ganz Süße des Satzes. Das klingt dann so: „Ich .. dein.., der ich dich…, du...“ So poetisch stammeln nur die Verliebten.

Der, der da so verliebt Ich sagt, und es nicht anders kann, als gleich Du mit zu sagen, weil dieses Ich und dieser Herr und Gott gar nicht Ich sagen und Herr und Gott sein will ohne das Du anzufügen und mitzudenken - den Menschen, du und ich -, der erinnert auch gleich an die Taten der Liebe, weil die Verliebten immer sich erinnern müssen ihrer Liebestaten: „... der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe...“

So macht die Liebe Lust am Gesetz des Herrn und das Erwachsensein zum Kinderspiel.

 

II. Die Moral in der Geschicht

Liebe Gemeinde, es ist von entscheidender Bedeutung, dass sich die zehn Gebote, dieses älteste, wichtigste, einflussreichste Dokument materialer Ethik, als eine Geschichte der Freiheit und zugleich eine Geschichte des Erwachsenwerdens erzählen lässt. Mit der Einbettung der Zehn Gebote in eine erzählbare und erinnerbare Emanzipationsgeschichte wird die Bibel dem Umstand gerecht, dass uns Werte und Moral keineswegs von Natur aus gegeben sind, sondern sich uns in einem komplizierten Gefüge von Beziehungen einpflanzen. Dieses Gefüge von Beziehungen wird sowohl von biologischen als auch gesellschaftlichen Voraussetzungen bestimmt. Wie sich die moralische Urteilsbildung in einem Menschen entwickelt, hängt von seiner physischen und seiner psychischen Reife, von seinem unmittelbaren Umfeld ab, aber auch vom gesellschaftlichen Makroklima, von seiner Bildung und schließlich sogar von so ganz schwer fassbaren Faktoren wie Charakter oder Mentalität. Es gibt darüber unendlich viele wissenschaftliche Untersuchungen. Hilfreicher und aufschlussreicher als diese Untersuchungen zu studieren, ist es, Tag und Nacht über der Tora zu sinnen und beim Durchgang durch diese abenteuerliche Geschichte, die sie erzählt, all diese Worte lieb zu gewinnen und Wert zu achten, die Gott, der Herr, zu Mose sprach. Das Sinnen über dem Gesetz, über der Tora, über der ganzen Bibel stellt die Beziehung her, die am nachhaltigsten die Werte in uns einpflanzt, die wir für unverzichtbar halten. Denn die an sich immer abstrakten Werte werden in der Bibel in erzählbare Geschichten verflüssigt und so erlebbar und erfahrbar. So ist also das Sinnen über dem Gesetz die beste Schule fürs Leben.

 

III: Die Moral ohne die Geschicht

In der christlichen Theologie und Frömmigkeit wurden die Zehn Gebote aus ihrer Einbettung in eine erzählte Befreiungsgeschichte herausgerissen und in den Kontext eines Lehrzusammenhangs gesetzt, in dem auch die Wörter Gesetz und Sünde zu Hause sind. Schon für Paulus war das Gesetz eine abstrakte Heilsgröße und kollidierte bei ihm mit Jesus Christus, der bei Paulus eine nicht weniger abstrakte Heilsgröße ist. Das Problem, wieso die Heilsgröße Gesetz als solche nicht funktioniert, hat er besonders im Römerbrief feinsinnig, letztlich aber nicht abschließend traktiert, weshalb sich auch alle Theologen nach ihm daran abgearbeitet haben. Zwar nicht in der Theologie, aber im Leben der Kirche und in der Frömmigkeit gerieten die Zehn Gebote für mindestens tausend Jahre in Vergessenheit. Sie tauchten erst im späten Mittelalter, nun aber in einem fatalen Zusammenhang wieder auf, nämlich als Beichtspiegel. Der Priester fragte in der Beichte nach den konkreten Sünden und orientierte sich an den Zehn Geboten. Das Zehn-Gebote-Lied von Luther, das wir vorhin gesungen haben, zeigt diesen Zusammenhang noch deutlich. Nicht nur dass es im Gesangbuch unter der Rubrik Beichte steht. Sondern Luther erklärt in den beiden letzten Strophen:

11. „All die Gebot uns geben sind,

dass du dein Sünd, o Menschenkind,

erkennen sollst und lernen wohl,

wie man vor Gott leben soll.

12. Das helf uns der Herr Jesus Christ,

der unser Mittler worden ist;

es ist mit unserm Tun verlorn,

verdienen doch eitel Zorn.“

Das Gesetz und die Gebote seien dazu da, unsere Sünde aufzudecken und davon zu überzeugen, dass wir auf Gottes Gnade angewiesen sind.

Wenn wir uns in unseren Gottesdiensten die Gebote am Anfang vorlesen lassen, gefolgt von einem als Schuldbekenntnis formulierten Gebet und einem biblischen Trostwort, dann nehmen wir die Gebote noch in dieser Funktion des Beichtspiegels wahr.

In seinem Kleinen Katechismus hat Luther die Zehn Gebote liebvoll und positiv ausgelegt, hat jeder Auslegung den Satz: Wir sollen Gott fürchten und Lieben vorangestellt und so unterstrichen, dass die Gabe der Gebote ein Beleg der Liebe Gottes zu uns und das Halten der Gebote ein Beleg unserer Liebe zu Gott sind. Der Heidelberger Katechismus bringt die Gebote im letzten Teil unter der Überschrift „Von der Dankbarkeit“ und hat damit diesen unglücklichen dogmatischen Zusammenhang von Gebote und Sündenerkenntnis aufgebrochen.

 

Epilog: Zweite Fingerübung

Gott hat die Gebote nicht gegeben, um uns des Ungehorsams und der Sünde zu überführen. Gott hat keine Gebote gegeben, die unerfüllbar sind, sondern er hat uns Weisungen gegeben, die man halten kann.

Zehn, mehr nicht. So viele, wie er uns Finger gegeben hat. Ein Manifest der Freiheit. Damit wir die Freiheit, die er uns gegeben hat, mit Händen greifen und gestalten können.

Die Zehn Gebote, das „Ewig-Kurzgefasste“, nannte es Thomas Mann. Man sollte die kurzen Gebote der zweiten Tafel so kurz halten wie im Hebräischen und gar nicht ein „Du sollst“ oder „Du wirst“ oder „Du darfst“ davor setzen. Die Kinder, wenn sie ihre Regeln lernen, sagen auch nur kurz: Nicht töten, nicht stehlen, nicht lügen, nicht haben wollen. 5, 6, 7, 8, 9, 10. Fingerübung und Kinderspiel für erwachsene Menschen.

Und die ersten Gebote, die langen, denen es um uns und den lieben Gott geht? Auch die sind Kinderspiel und Fingerübung. Du verschränkst die zehn Finger und faltest die Hände zum Gebet. Wer zu dem Gott betet, der die Kinder Israel befreit hat und der der Vater unseres Herrn Jesus Christus ist, der uns erlöst und durch Christus zu seinen Kindern gemacht hat, wer zu diesem Gott betet, der hält das erste Gebot und betet zum rechten Gott, und hält das zweite Gebot und macht sich kein falsches Bild und hält das dritte Gebot und ehrt seinen Namen und hält das vierte Gebot und ruht von seiner Hände Arbeit, weil er seine Fingern gerade nötig braucht zum Beten. So werden auch die ersten Gebote zur Fingerübung und zum Kinderspiel. 1, 2, 3, 4.

So lasst uns nun singen und dann die Finger falten und beten. Amen.

 
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