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Predigt zum Ersten Gebot (2.Mose 20,3) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

 
 
OKR Jochen Muhs am 19. Februar 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche

Predigt zum Ersten Gebot (2.Mose 20,3) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

OKR Jochen Muhs am 19. Februar 2012

 

Liebe Gemeinde,

wer die Ankündigung der Evangelischen Akademie zu diesem Gottesdienst gelesen hat, wird wissen, dass ich hier dem Ersten Gebot: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“ das bekannte Wort Friedrichs des Großen gegenüber gestellt habe: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“ Denn man könnte ja meinen, dass das Erste Gebot mit seinem Ausschließlichkeitsanspruch auch die Toleranz ausschließt, zumindest aber nicht fördert. Das schien mir ein lohnender Predigtgedanke zu sein, zumal in einer Kirche, die sich eben dem Staat jenes Preußenkönigs verdankt und der in ihm gepflegten religiösen und nationalen Toleranz.

Ich werde darauf auch zurückkommen, aber beginnen möchte ich mit einem Wort des Apostels Paulus, das mir wie ein Kommentar zum Ersten Gebot und seiner in ihm verborgen liegenden Freiheitsverheißung zu klingen scheint. Dieses Wort steht am Ende des 8. Kapitels des Römerbriefes, jenes eindrücklichen und großartigen Kapitels, in dem der Apostel das sehnsüchtige Warten der ganzen Schöpfung auf die Offenbarung der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes schildert, seine eigene Hoffnung und zugleich seine Schwachheit und sein Unvermögen, sie zu realisieren, ja sie nicht einmal anständig zu bezeugen, seine Entbehrungen und Mühsalen, seine Bedrängnisse, Verfolgungen und Verletzungen um Gottes willen. Und er schließt mit den ergreifenden Worten: „Was sollen wir nun dazu sagen? Ist Gott für uns, wer mag gegen uns sein? Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? Trübsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Entbehrung oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wir sind geachtet wie Schlachtschafe. Aber in dem allen überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgend eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“

Unserem einzigen Herrn, könnte man im Sinne des Ersten Gebots hinzufügen. Denn der Apostel zählt hier all´ die Götter auf, die wir nach dem Gebot gerade nicht haben sollen, von denen wir uns nicht beherrschen lassen sollen: Keine irdischen und keine himmlischen Mächte und Gewalten, weder Engel noch Teufel, keine religiösen und politischen Führer und Richtungen, weder Heilspropheten noch Demagogen, weder Aberglauben noch Ideologien, weder das, was wir für besonders wichtig und hochstehend halten, noch das Gegenteil davon. Gar nichts soll uns gefangen nehmen, besetzt halten, trennen und abwenden von der Liebe des wahren, lebendigen, einzigen Gottes.

Das alles, das Hohe und Tiefe, Große und Kleine, mag wichtig sein für uns und die Welt, so wie der Kampf um Währungen und Wachstum und um die fast religiös mystifizierten Märkte. Das alles mag die Medien und die Welt in Atem halten. Schon Martin Luther stellte ganz zu Beginn der bürgerlichen Geld- und Marktwirtschaft fest, dass der allergewöhnlichste Abgott der Geldbeutel ist. Doch es mag auch viele andere Götter und Götzen geben: feinsinnig philosophische und plump materielle. Die Propheten wie Jeremia spotten über die selbst gefertigten Götterbilder, mögen sie auch noch so kostbar, prächtig und kunstvoll daherkommen. Sie können nicht hören, sie können nicht reden, sie können nicht gehen, müssen getragen werden bei den prunkvollen Prozessionen. Der Gott Jeremias ging mit seinem Volk überall hin: durch Meer und Wüste, in das Exil nach Babylon, in die Diaspora des Römischen Reiches, die Ghettos des Mittelalters und selbst in die Lager von Treblinka und Auschwitz. Die scheinbar viel größeren Götter der anderen Völker werden heute allenfalls im Museum bestaunt, der Gott vom Sinai wird noch heute gehört.

Die vielen Götter und Götzen, Idole und Stars, Ideen und Ideologien, sie mögen uns wichtig und verlockend erscheinen – und sie hätten ja nicht eine solche Faszination und Macht über uns, wenn sie in der Tat nicht wichtig und mächtig wären, so dass sie Menschen und Völker bewegen. Aber sie verlieren doch schnell an Bedeutung, wenn es darum geht, was mein Leben in Wahrheit letztlich trägt, wenn es dahin kommt, was der Apostel beschreibt, zu meinen Entbehrungen und Gefahren, zu meinen Versuchungen und Anfechtungen, zu meinen Ängsten und Trübsalen, Versäumnissen und Versagungen. Alle jene Götter, die uns tagaus tagein so über die Maßen beschäftigen, können doch unserem Leben nicht eine Handspanne zusetzen, wie Jesus in der Bergpredigt sagt. Diese Herren und Götter aufzugeben und zu verlieren, bedeutet darum, sich selbst zu finden. Das erste Gebot, so ausschließlich es auf Gott allein bezogen ist, hat zutiefst etwas mit meiner eigenen Identität zu tun.

„Wer bin ich?“ lautet ein Gedicht von Dietrich Bonhoeffer aus seiner Untersuchungshaft im Militärgefängnis Tegel.

„Sie sagen mir oft,
Ich träte aus meiner Zelle
Gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloß.

Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selber von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle...?

Wer bin ich? Der oder jener?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“

So wird das Erste Gebot erfüllt. Es kann nicht erfüllt werden mit der Hände Werk, nicht mit Spenden und Opfern, Messen und Andachten, frommen Werken und sozialer Gesinnung, nicht einmal durch das Halten aller nachfolgenden 9 Gebote, sondern es wird allein erfüllt mit dem Herzen, dem Glauben: „Dein bin ich, o Gott.“ Wer das sagen kann, der hat das Erste Gebot erfüllt. „Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten, lieben und vertrauen.“, erklärt Luther im Kleinen Katechismus. Und von Lieben, Fürchten, Vertrauen und Ehren redet auch der Heidelberger Katechismus. Lauter Regungen unseres Herzens, die wir nicht beherrschen. Wir können uns nicht zur Furcht, zur Liebe oder zum Vertrauen zwingen. Sie fallen uns zu, oder wir haben sie eben nicht. Alle folgenden 9 Gebote können durch mein Tun und Lassen erfüllt werden, das Erste Gebot zu erfüllen geschieht allein im Herzen, eigentlich durch Gott selber. Er schenkt uns  - wenn es gut geht – Liebe und Vertrauen.

Warum steht es dann da als Gebot, wenn es doch von uns aus unerfüllbar ist? Damit wir es hören, wieder und wieder hören, was unsere eigentliche Bestimmung ist seit Adam her: dass wir frei sein sollen von all´ den Göttern, Herren und Mächten, die nach uns greifen, die uns in ihren Bann ziehen wollen, mit Beschlag belegen wollen, die uns Großes vorgaukeln, Heil und Sieg versprechen, Glück und Wohlstand – oder uns drohen mit Bestrafung, Verlust und Ausgrenzung, falls wir ihnen nicht folgen. Und wir haben gerade in der vergangenen Woche erlebt, wie nahe Aufstieg und Fall beieinander liegen bei den Göttern von Glamour und Karriere. Sie führen in höchste Ämter und über rote Teppiche, bewundert, bejubelt und manchmal beneidet. Ja, sie verheißen Ruhm und Einfluss, doch sie verlangen auch ihre Opfer. Und wenn wir sie am dringendsten brauchen, lassen sie uns einsam zurück in einem Hotelzimmer. Wir gehören ihnen nicht, das sollen wir hören! Wir gehören nicht einmal uns selber, unseren Wünschen und Sehnsüchten, unseren Ansprüchen und Erwartungen, aber auch nicht unseren Ängsten, Enttäuschungen und Depressionen, und wir sollen uns deshalb ihnen nicht hingeben.

Ja, das alles sind sehr starke Mächte, die uns in ihrem Bann halten – und wir können uns davon wohl nicht selber befreien. Das Erste Gebot nennt sie Götter, und es leugnet ihre Existenz und Macht keineswegs. Das Erste Gebot vertritt keinen strikten Monotheismus. Es rechnet mit der Konkurrenz der anderen Götter. Aber während jene ihre Herrschaft über den Menschen darauf anlegen, ihn zu beherrschen und zu bevormunden, legt dieser einzigartige und darum einzige Gott mit seiner eigentümlichen Herrschaft es darauf an, den Menschen gerade zu befreien und zur Mündigkeit zu führen. „Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus, geführt hat.“, heißt es unmittelbar vor dem Ersten Gebot. Und Paulus schließt an: „Zur Freiheit hat euch Christus befreit, darum steht fest und lasst euch nicht wieder unter ein Joch der Sklaverei zwingen.“ Auch im Freiheitspathos entsprechen sich Altes und Neues Testament, Israel und Christenheit.

Darum können wir von uns aus das Erste Gebot nicht erfüllen: weil wir uns nicht selbst befreien können. Wir laufen immer irgendwelchen Herren hinterher. Irgendetwas hält uns immer besetzt – und manchmal sogar in Atem. Irgendetwas treibt uns immer um – und manchmal vor sich her, so dass wir uns wie Getriebene vorkommen. Irgendetwas bedroht uns immer und macht uns zuweilen Angst. Wir sind eine besorgte und unfreie Existenz. Wir haben immer einen Herrn. Aber es kommt darauf an, wer dieser Herr ist: ob er uns versklavt, bevormundet und unruhig macht, oder ob er uns befreit von dem allen und Ruhe schenkt. „Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle gelassen, heiter und fest...“ Kann es sein, dass dort, wo der wahre Gott mein Herr wird, ich gelassen, heiter und fest werde – selbst noch hinter einer Zellentür? Kann es sein, wenn ich weiß, wohin und wem ich gehöre, dass mich das selbstgewiss macht, dass mir das Mut und Hoffnung und Zuversicht schenkt? Und kann es sein, wenn ich so meinen Ort, meine Heimat, meine Identität, mich selber gefunden habe, dass ich dann selbstbewusst, offen und freimütig auftreten kann?

Und damit komme ich am Schluss zur Toleranz; denn auch sie ist ein Ausdruck von Freiheit, wenn sie nicht bloß Beliebigkeit und Gleichgültigkeit gegenüber den Werten und Empfindungen anderer meint. Und ich gestehe, bei unserem alten Fritz mit seinem aufklärerischen und wohl auch antiklerikalen Pathos habe ich den Verdacht, dass es eher auf solche etwas überhebliche Ignoranz gegenüber allem Religiösen hinausläuft. Wirkliche Toleranz, solche, die den anderen und seine Einstellung und Überzeugung ernst nimmt und für ihn gelten lässt, setzt voraus, dass man sich des eigenen Standpunkts sicher, sich selbst gewiss ist. Intoleranz ist eher ein Zeichen von Schwäche, Unsicherheit und Angst.

Nun ist aber der Gott der Bibel ein eifersüchtiger Gott, wie er sich gleich nach dem 2.Gebot ausdrücklich vorstellt, was wohl auch gerade für das Erste Gebot gilt; denn es gibt eine logische Intoleranz der Freiheit gegen alle Unfreiheit. Man kann die Freiheit nicht teilen oder begrenzen. Dann ist sie nicht mehr Freiheit. Hier heißt es Entweder – Oder: Entweder die Freiheit – oder die Unfreiheit, in wie viel tausend Facetten und Nuancen sie sich auch kleiden mag. Mit der Freiheit ist es wie mit Gott selber: Entweder vertraue ich Gott – oder eben einem Götzen. Und wir müssen wohl zugeben, dass wir allzu oft, eigentlich immer, anderen Götzen und Göttern nachlaufen in Gedanken, Worten und Werken. Wo es Gott gelingt, uns zurück zu rufen zu ihm, so dass wir in den wenigen Momenten nur ihn allein fürchten, lieben und vertrauen und sonst nichts auf der Welt, eben über alle Dinge, wie Luther sagt, da verlieren die fremden Herren ihre Macht über uns, da leuchtet Freiheit auf und zugleich Geborgenheit und Gewissheit. Da hört der Zwang zur Selbstbehauptung und Selbstrechtfertigung auf. Da kann ich all´ die Menschen um mich herum erkennen als genauso Verführte und Verirrte wie ich selber, die genauso wie ich selber immer wieder der Befreiung  durch den wahren Herrn der Welt bedürfen. Dann werde ich nicht anmaßend und unduldsam, sondern geduldig und solidarisch. Und ich werde trotzdem nicht schweigen von Gott und der Freiheit.

Toleranz heißt nicht alles zu akzeptieren, aber alles zu verstehen. Unter anderem deshalb gehören das Erste Gebot und das Gebot der Nächstenliebe zusammen und werden in rabbinischer Tradition und von Jesus gemeinsam als die wichtigsten bezeichnet: „Du sollst Gott lieben und deinen Nächsten wie dich selbst.“
Amen

 

 
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