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Predigt zum Vierten Gebot (Ex 20,8-11) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

 
 
Dr. Bernhard Felmberg am 20. Mai 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche

Predigt zum Vierten Gebot (Ex 20,8-11) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

Dr. Bernhard Felmberg am 20. Mai 2012 (PDF-Dokument, 43.2 KB)

I.
„[… S]owohl bei der Erziehung der Kinder als bei der Leitung der Völker [ist] nichts ungeschickter und barbarischer als Verbote, als verbietende Gesetze und Anordnungen. […] Wie verdrießlich ist mir‘s oft, mit anzuhören, wie man die Zehn Gebote in der Kinderlehre wiederholen lässt.“ {Goethe, Wahlverwandtschaften, II, 18}
So lässt Goethe einen ehemaligen Geistlichen in seinem Roman „Wahlverwandtschaften“ sprechen. Obwohl er den Roman schon 1809 veröffentlichte, klingt das dort formulierte Unbehagen auch uns noch wohlbekannt. Lange Zeit war es im Protestantismus nicht unüblich, die Zehn Gebote im Konfirmandenunterricht mit Drohgebärden zu vermitteln, vor denen die Zuhörer unwillkürlich in Deckung gingen und den Kopf zwischen die Schultern duckten, wenn die Zehn Gebote abgefragt wurden. Fast wunderte es etwas, wenn in solchen Situationen nicht auch Rauch aufstieg und Blitze zuckten wie einst auf dem Sinai.

Die Zehn Gebote wurden oft als Zehn Verbote vermittelt, als drakonische Reißleine, die dem ungestümen menschlichen Hang zur Anarchie autoritär Grenzen setzen musste. Das „Du sollst nicht…“ ließen den erhobenen Zeigefinger und das verständnislose Kopfschütteln über fehlende Disziplin und mangelnden Respekt eines gestrengen Vaters vor dem geistigen Auge erstehen.

Dass man die Zehn Gebote jedoch ganz anders als Gebote der Freiheit hören und verstehen muss, das hat die Theologie im 20. Jahrhundert wiederentdeckt. Dass diese Gebote in die Befreiungsgeschichte des in ägyptische Fronarbeit geknechteten Volkes Israel eingeschrieben, und deshalb Wegmarken der Freiheit sind, dafür wurden sie schon manches Mal zu Recht als Manifest der Freiheit deklariert. Sie sind Punkte, an denen Freiheit manifest, handfest, handgreiflich wird. Orientierungspunkte sind sie oder auch ein Navigationssystem in der unendlichen Weite der Wüste, durch die das befreite Volk Israel stolperte. Orientierungspunkte, die diese unendliche Weite der noch wüsten Freiheit strukturierten. Eine Hilfe, diese neue Freiheit zu erhalten, denn auch Freiheit wird im Handumdrehen zur unwirtlichen Wüste, wenn sie nicht ergriffen, gestaltet und erfüllt wird.
So verstanden sind die Zehn Gebote das zweite Geschenk Gottes an sein Volk: Nach der Freiheit, diesem ersten und grundlegenden Geschenk, nun die Hilfestellung, diese Freiheit ausgestalten, leben und bewahren zu können. So verstanden können die Zehn Gebote nicht mehr mit Drohgebärden verbunden werden, sondern allenfalls mit einer wohlmeinenden Vaterstimme, die uns sagt, wie die eben errungene Freiheit ganz auszufüllen und lebbar zu machen ist.

II.
Diese Erkenntnis, dass die Zehn Gebote ein Gottesgeschenk sind, lässt sich besonders gut, geradezu exemplarisch am Sabbatgebot erkennen, das uns heute zum Nachdenken aufgegeben ist.
Schon in seiner Form fällt es aus der Gleichförmigkeit der Formulierungen der anderen Gebote heraus. Man überliest es deshalb fast schon oder nimmt es gar nicht als Gebot wahr. Schon formal sichtbar gar kein Verbot, sondern tatsächlich ein Gebot, eine positive Aufforderung inmitten der Reihe der Verneinungen.
Denke an den Sabbattag und halte ihn heilig! oder, in anderer Übersetzung: Gedenke des Sabbattages, um ihn heilig zu halten. Sechs Tage bist du daran zu arbeiten und hast getan alle deine Arbeit. Aber am siebten Tag tu keinerlei Arbeit!
Dieses Gebot erzeugt einen wohltuenden Klang in unseren Ohren. Es vermittelt ein ganz anderes Gefühl. Nicht als streng Einhalt gebietende Ermahnung erscheint es uns, einer Pflicht nachzukommen, nicht als etwas, wo man unserem Wollen Grenzen setzen müsste, oder etwas, das unserem Wollen entgegenliefe. Nein, es ist ein anderes Gefühl, tatsächlich das, etwas geschenkt zu bekommen.
Denn hier geht es um etwas, was unserem eigensinnigen Wollen ganz und gar nicht zuwider ist, sondern ihm im Gegenteil entspricht. Wer wollte nicht einmal die Arbeit ruhen lassen? Wer wollte nicht einmal die betriebsame Eile mit einer Pause unterbrechen? Wer nicht den Kopf Richtung Sonne recken? Einfach einmal Fünfe gerade sein lassen und alle Viere von sich strecken? Was so sehr unseren Bedürfnissen entgegen kommt, kann für uns kein Gebot sein. Denn ein Gebot, so meinen wir, kostet etwas.
Es kostet Handlungsfreiräume, Gedanken und Aufmerksamkeit und unserem Gewissen vor allem Schuldgefühle, wenn wir das Gebot nicht erfüllen. Ein Gebot, das nichts zu kosten scheint, das unserem inneren Wunsch entspricht, das uns anscheinend einfach nur etwas Gutes tun will, wird leicht übergangen oder gar nicht ernst genommen.
Aber ist es nicht genau umgekehrt? Gerade im Vierten Gebot wird deutlich, was für alle Zehn Gebote gilt: Sie schränken unsere Freiheit nicht ein, sondern gestalten sie aus und bewahren sie. Im Vierten Gebot lässt sich die Freiheit besonders leicht finden, denn es steckt voller Freiheit. Zuallererst fällt uns die Freiheit von der Arbeit ins Auge.
Sechs Tage bist du daran zu arbeiten und hast getan alle deine Arbeit. Aber am siebten Tag tu keinerlei Arbeit!
Am siebten Tag darfst du aufhören zu arbeiten, denn es reicht, sechs Tage lang zu arbeiten, um genug zu haben für sieben Tage.
Am siebten Tag darfst du aufhören und die Früchte deiner Arbeit genießen. Der siebte Tag gehört Gott und damit dir. Er ist dafür da, dass du dein Leben genießt, dass Du Dir Zeit nimmst es zu betrachten, über Gott und die Welt nachzudenken.
Dass diese Aufforderung eine Gabe ist, das können auch wir in unserer heutigen Arbeitswelt nur allzu gut nachvollziehen, denn vielerorts hat die Arbeit unser Leben im Griff. Auch wenn die Arbeitszeiten heute – anders als zu Beginn des industriellen Zeitalters - nach Tarifvertrag geregelt sind, so nimmt doch die Arbeitsverdichtung ständig zu, und die Flexibilität, die wir erwarten und die von uns erwartet wird, war nie höher als in unseren Tagen. Die Arbeit nimmt große Teile unseres Lebens ein. Und manchmal hat man den Eindruck: Sie arbeitet sich Stück um Stück vor und besetzt nicht zuletzt durch die neuen Kommunikationsmethoden immer weitere Teile unserer Freizeit. Sie nagt auch noch an dem letzten Zipfel freier Zeit. Und selbst, wenn wir frei haben, sollen wir, ja wollen wir erreichbar sein – und wir sind es, als ob irgendwer ein Anrecht darauf hätte. Und das Unheimliche daran ist, dass wir uns augenscheinlich in aller Freiheit diesen Einengungen nähern. Die Freiheit sagt Dir: Du kannst Deine Mails checken, du kannst chatten, du kannst dir noch einmal die neuesten online Nachrichten anschauen – und wie schwer fällt es vielen, hier einen Grenzpfahl zu setzen, um der Freiheit Raum zu geben, die Gott meint und die allein wirkliche Freiheit gibt.
"Gäbe es das Gebot der Feiertagsheiligung nicht, so müsste man es fast erfinden. Denn sonst wären wir selbst die allein verantwortliche, letzte Instanz, die sagt: Du darfst Dir diesen Tag frei halten, Du hast Dir das verdient. Um wie viel wichtiger ist es, dass man sich dies nicht selbst sagen muss, sondern, dass Gott selbst uns dies zusagt."
Wie sehr unser Leben durch die Arbeit bestimmt ist, deutet unsere Sprache an. Da haben sich neue Worte in unserem Sprachgebrauch etabliert, die die Signatur unserer modernen Arbeitswelt tragen: Da ist vom Burnout die Rede, wenn jemand vor lauter Arbeit irgendwann gar nichts mehr kann. Und der Begriff des Workaholic macht deutlich, wie auch Arbeit zur Sucht werden kann.
Jeder von uns spürt am eigenen Körper, wie die Arbeitsverdichtung an einem zehren kann. Jeder bemerkt, wie dies an die Lebensenergie geht und auf die Gesundheit schlägt.
In diesem Zusammenhang die göttliche Aufforderung zu hören, nur sechs Tage lang zu arbeiten, um am siebten Tag zur Ruhe zu kommen, das ist wirklich eine Befreiung.
Der Sabbat befreit von dem Druck, alles Leben und Handeln dem Gewinnstreben, der Betriebsamkeit und der Tüchtigkeit unterzuordnen und es damit vollständig zu verzwecken.
Hier spüren wir wirklich, wie lebensspendend der Sabbat sein kann, wenn wir ihn halten.
Und noch in einem anderen Sinne wird im Vierten Gebot unsere menschliche Freiheit besonders manifest. In seiner Begründung greift das Gebot auf die Schöpfungsgeschichte zurück. Da heißt es: Denn in sechs Tagen hat der HERR den Himmel und die Erde gemacht, das Meer und alles, was in ihnen ist, dann aber ruhte er am siebten Tag. Darum hat der HERR den Sabbattag gesegnet und ihn geheiligt.
Das erinnert uns zum einen daran, dass der Mensch in der Schöpfung als Ebenbild Gottes geschaffen wurde und deshalb zur Freiheit bestimmt ist. Es gehört zu seinem Wesen, ein von Gott freigesetztes Geschöpf zu sein, das seine Freiheit in Verantwortung ergreifen soll. Doch noch etwas anderes macht uns diese Einordnung in die Schöpfungsgeschichte klar. Sie stellt den Sabbat in einen viel größeren Zusammenhang. Der Sabbat ist, so könnte man sagen, das letzte Schöpfungswerk Gottes, er, der Sabbat – und nicht der Mensch - ist die Krone der Schöpfung.
Im Schöpfungsbericht heißt es: Und am siebten Tag vollendete Gott alles, was er gemacht hatte, indem (!) er ruhte (…).
Seinen Abschluss, seine Vollendung findet das ganze Schöpfungswerk Gottes erst im siebten Tag. Darauf strebt die ganze Schöpfung, die ganze Weltgeschichte zu. Die Welt insgesamt, aber auch jedes einzelne Werk unserer Hände braucht nach der Arbeit eine Phase der Ruhe, um vollendet zu werden. Erst diese Ruhe bringt das Entscheidende, erst darin wird das Werk vollendet.
Doch es geht nicht darum, einfach nur nichts zu tun. Es geht darum, einen Raum zu haben, für das, was allzu oft mit Arbeit zugestellt ist, eine Quelle für das, was oft im Alltag mit Arbeit verschüttet wird. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Weiß Gott!
So viel Selbstverwirklichung, Anerkennung und Erfüllung der Mensch in seiner Arbeit finden kann, seine Lebenskraft bekommt er durch Gottes Wort, durch den Zuspruch eines nicht erarbeiteten, sondern geschenkten Lebens, durch das Hören auf den, der das Leben ins Leben ruft. Den Zuspruch, dass er Geschöpf Gottes ist, der Gottes Schöpfung mitgestaltet, dass er mit seinem Lebensentwurf aufgehoben ist bei Gott, dass er selbst eingehen wird in die Vollendung dieser Schöpfung – all das verheißt ihm Gott in diesem Gebot.
Aus diesem lebendigen Wort kann man Kraft schöpfen.
An diesem Tag schauen und erleben wir alle, was Gott sehr gut genannt hat: Wie wichtig der Feiertag als gemeinschaftliches Gut ist, hat schon der römische Kaiser Konstantin erkannt und 321 n. Chr. den Sonntag als Feiertag eingeführt.
Den Sonntag als gesamtgesellschaftliche Errungenschaft hält auch unsere Verfassung fest: Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage „der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt“ {GG Art. 139}. Wir alle haben unsere eigenen Vorstellungen von dem, was uns Ruhe und Erholung, was uns „seelische Erhebung“ schenkt, womit wir unsere freie Zeit gestalten. Doch darüber vergessen wir manchmal, dass die individuelle Freiheit, die wir für uns beanspruchen, für andere bedeuten kann, dass sie arbeiten müssen.
Aus diesem Grund sind wir als Kirche vor mehr als zwei Jahren vor das Bundesverfassungsgericht gezogen, um das Recht des freien Sonntags zu verteidigen, nachdem das Land Berlin einen Generalangriff auf diesen unternommen hat durch die Öffnung der Geschäfte an vier Adventssonntagen. Auch hier wurde mit einer Freiheit argumentiert. Und wir alle wissen, wie verlockend diese Aussicht ist, die Freiheit zu haben, immer und überall alles machen zu können. Bei allem Freiheitsdrang, uns am Sonntag durch die überfüllten Einkaufstempel dieser Stadt in Masse zu schieben, haben wir auch die Menschen im Blick, die sich am Sonntag darauf freuen, nicht hinter der Kasse stehen zu müssen. Wie wir, so meinte schließlich auch das Gericht: Ja, wir brauchen weiterhin einen gemeinsamen Tag, um Zeit mit der Familie oder Freunden, in Gemeinden oder Verbänden zu verbringen. Wir brauchen einen Rhythmus, damit auch in unseren Freiräumen Beziehungen wachsen können und Begegnungen in einem ganz anderen Rahmen möglich werden. Denn wenn jeder und jede an einem anderen Tag frei hat, dann sind auch keine Verabredungen mehr möglich, dann leben wir aneinander vorbei.
Aus diesem Grund finde ich es wichtig, darauf zu achten, dass wir durch unsere Freizeitbedürfnisse Anderen ihre freie Zeit, ihren Raum für Familie, Freunde und gesellschaftliches Engagement so wenig wie nur möglich streitig machen.
Der Rhythmus der sieben Tage schenkt unserer ganzen Gesellschaft wie der gesamten Schöpfung eine Unterbrechung. Erst darin wird die Freiheit vollkommen, wenn jeder einzelne sie in sozialer Verantwortung wahrnimmt, ohne sie auf dem Rücken der anderen auszuleben. Erst dann wird sie ganz verwirklicht und für alle bewahrt.

III.
Wie dieses Juwel der Freiheit, das der Sabbat uns schenkt, auch hineinstrahlt in den Rest der Woche, in den Alltag, und alles andere durchwirkt, so durchwirkt das Sabbatgebot auch die anderen neun Gebote.
Im Sabbatgebot steht uns offensichtlich vor Augen, wie sehr das Gebot um nichts anders bemüht ist, als unsere Freiheit zu sichern und zu bewahren. Das gilt genauso auch für alle anderen neun Gebote.
Das Sabbatgebot lehrt uns, die freiheitssichernde Kraft, die auch in den anderen Geboten steckt, neu zu begreifen. In allen Zehn Geboten geht es Gott darum, den Rahmen für unsere Freiheit abzustecken, den Rahmen, in dem sich unsere Freiheit  zu allererst entfalten kann und dann auch erhalten werden kann. Und sie sichern eines jeden Freiheit nicht nur ganz individuell, sondern sie achten auch darauf, dass wir uns gegenseitig nicht unsere Freiheit beschneiden, wegnehmen oder leugnen.
Die Freiheit wird erst vollkommen, wenn sie die Freiheit des Anderen mit einschließt.
Verstehen wir die Zehn Gebote so von ihrem Zentrum, dann entdecken wir, dass die Zehn Gebote unserem wahren Wollen tatsächlich mehr entsprechen als wir zuvor dachten.
So gewendet wäre der Geistliche aus Goethes Wahlverwandtschaften wohl kaum darauf verfallen, die Zehn Gebote als Verbote ungeschickter und barbarischer Art misszuverstehen, sondern hätte in ihnen ebenso das Manifest der Freiheit der Kinder Gottes erkannt. Dass wir diese Erkenntnis immer wieder neu erhalten, das walte Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Amen.

 

 
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