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Nachlese zur Tagung Friedensethik

 
 
Nachlese zur Tagung

Friedensethik – politisch auf verlorenem Posten?

© EAzB

 

Es gilt, auf die Menschen im Konflikt zu hören. Den Stimmen der Betroffenen in einem Konflikt Gehör zu schenken, ist nach Auffassung von Professor Fernando Enns eine wichtige Voraussetzung dafür, Möglichkeiten für ein gewaltfreies Handeln zu eruieren. Vor dem Hintergrund der humanitären Katastrophe im Syrien-Konflikt widmete sich der Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen" an der Universität Hamburg bei der Tagung „Friedensethik – politisch auf verlorenem Posten? Kritische Erwägungen anlässlich der Präsentation des Handbuchs Friedensethik“ am 27. März der Frage „Was kann gewaltfreies Engagement hier noch ausrichten?“ Eine theoretische Skizze des Spannungsverhältnisses von Friedensethik, Friedenspolitik und Friedensforschung unternahm Professor Thorsten Bonacker vom Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg. Norbert Röttgen, CDU-Abgeordneter und Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, machte in seinem Statement deutlich, dass Friedensethik und Realpolitik nicht in einem Gegensatz zu sehen seien.

Studienleiter Uwe Trittmann wies in seiner Einführung zur Tagung darauf hin, dass der Krieg in Syrien vom UN-Hochkommissar für Menschenrechte als „der schlimmsten von Menschen verursachten Katastrophe“  bezeichnet wurde. Trittmann stellte die Bedeutung der Prävention als „Problem für die friedensethische Debatte wie für die politische Entscheidungsfindung“ heraus. Allerdings müsse auch ehrlich die Frage diskutiert werden, ob „ein früheres gewaltsames Eingreifen der internationalen Gemeinschaft“ nicht unendlich viel menschliches Leid hätte verhindern können.

Professor Fernando Enns benannte die Voraussetzungen für das Gelingen gewaltfreien Handelns am Beispiel einer christlichen Gemeinschaft am Rande der syrischen Kleinstadt Quayatein, die sich der Begegnung mit dem Islam verschrieben hat. Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, gehöre dazu ebenso wie ein langjähriges Engagement für Frieden und Versöhnung, das Vertrauen und Beziehungen wachsen lässt. Außerdem seien die Verbannung von Waffen und die Einbindung der Bevölkerung vor Ort „als Träger der gewaltfreien Konfliktunterbrechung“ unabdingbar. Als hinderlich benannte der Theologe eine einseitige Parteinahme von außen für eine bestimmte Gruppe des Konflikts, die das Vertrauen untereinander zerstöre. Auch die Unglaubwürdigkeit derjenigen, die einen Konflikt von außen befrieden wollen, behindere die Möglichkeiten gewaltfreier Lösungen.

Unterstützt werden müssen indes „die Kräfte, die für einen gewaltfreien Wandel vor Ort eintreten“, betonte Enns. Auch die Entsendung von Beobachtern könne nicht nur „Schlimmstes verhindern“, sondern auch für eine objektive Berichterstattung sorgen. „Gerade die spirituelle Verwurzelung im Glauben verschiedener Religionen“ kann dem Friedenstheologen zufolge zu mutigen Schritten führen. Voraussetzung sei jedoch „die empathische Beziehungsbildung zu anders Glaubenden“. Nicht zuletzt wies er auf die Bedeutung von Gebeten in diesem Zusammenhang hin. Das Gebet als „Ort der Besinnung, des Innehaltens und des Hörens“ sei ein „Rekurs auf ‚ewige’ Weisheit“, das den Horizont weiten könne für neues, kreatives Handeln und die Begrenztheit der eigenen Möglichkeiten.

Was unter Frieden zu verstehen ist und wo die Grenzen des Friedens verlaufen stellt sich aus Sicht der Friedensethik, der Friedenspolitik und der Friedensforschung höchst unterschiedlich dar, sagte Professor Thorsten Bonacker in seinem Statement. Friedensethische Perspektiven betonten in der Regel „die Unvereinbarkeit von universalistischen und zeit- und kulturbedingten, also partikularen Friedensvorstellungen“. Für die Friedenspolitik gehe es um machtpolitische Barrieren: „Friedenspolitik bewegt sich stets zwischen der Welt des politisch Möglichen und der Welt des Wünschbaren.“ In der Friedensforschung werde die Grenze des Friedens „zeitlich aufgeschlüsselt“. Frieden werde als Prozess abnehmender Gewalt angesehen.

Vor dem Hintergrund, dass Friedensethik und Realpolitik nicht in einem Gegensatz zu sehen seien, betonte Norbert Röttgen einerseits die präventive Zielrichtung von Außenpolitik: „Undt rotzdem müssen wir dranbleiben im Sinne verantwortlicher Politik, weil das präventive Politik ist“. Andererseits zeige die Erfahrung, dass in manchen Fällen die Eindämmung von Gewalt mit Gegengewalt mehr Tote und mehr Krieg verhindern könne.

Außenpolitik, die „auf der Suche nach Halt und festem Boden ist“, finde in der Friedensethik wie in  der Friedensforschung sehr unterschiedliche Antworten, unterstrich Thorsten Bonacker. „Sie kreisen um die drei Leitbegriffe Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit“. Während Gerechtigkeit im Widerspruch zu Friedenserfordernissen stehen könne, verliere umgekehrt ein Friedensbegriff, der den Bezug auf Gerechtigkeit vermeidet, jeden Wert. Ebenso seien auch die „friedensgefährdenden Implikationen des Sicherheitsbegriffs“ zu berücksichtigen. Auch der „verbindenden Kraft des Rechts“ seien Grenzen gesetzt, betonte Bonacker: „Ein Frieden, der bloß auf Rechtsverhältnissen beruht und Fragen globaler Gerechtigkeit außer Acht lasst, bleibt ein brüchiger Frieden.“

Friedensethik sei vor dem Hintergrund der skizzierten Spannungsverhältnisse ein Auftrag, der diese Spannungsverhältnisse in Forschung und Politik nicht aus dem Auge verlieren dürfte. „Denn eine Außenpolitik, die sich einseitig auf Sicherheit oder Gerechtigkeit konzentriert, setzt mit ziemlicher Sicherheit den Frieden aufs Spiel.“

Die Einführung von Uwe Trittmann lesen Sie hier. (PDF-Dokument, 199.8 KB)

Den Vortrag von Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach SJ lesen Sie hier. (PDF-Dokument, 304.1 KB)

Das Statement von Prof. Thorsten Bonacker lesen Sie hier. (PDF-Dokument, 207.3 KB)

Den gesamten Vortrag von Prof. Fernando Enns finden Sie hier. (PDF-Dokument, 386.4 KB)

Einen Mitschnitt des Statements von Dr. Norbert Röttgen finden Sie unter www.deutschlandfunk.de/friedensethik-auf-verlorenem-posten.886.de.html?dram:article_id=382515.

 
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