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Heilsamer Humor

 
 
46. Workshop Medizinethik

Heilsamer Humor

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Wenn das Lachen die Anspannung löst: Der 46. Workshop Medizinethik von Evangelischer Akademie zu Berlin und St. Joseph-Krankenhaus Berlin Tempelhof widmete sich dem unterschätzten Thema „Humor im Krankenhaus“

Frau Kummer befindet sich schon seit einiger Zeit auf der Palliativstation. Ihr Krebsleiden ist unheilbar, sie wirkt niedergeschlagen, sogar verbittert.  Die Witze, die ihre mit rheinischem Frohsinn gesegnete Mitpatientin Frau Heiter ihr zur Aufmunterung aus einer Zeitschrift vorliest, machen die Sache auch nicht besser.  Die Pointen sind zugegebenermaßen auch nicht ganz taufrisch. Ein Beispiel? „Sie gefallen mir gar nicht“, sagt der Doktor zu seiner Patientin. „Naja, der Schönste sind Sie auch nicht“, erwidert diese. So geht das eine Weile: Frau Heiter lässt nicht locker, sie hat schon den nächsten Witz auf Lager, auch wenn Frau Kummer längst müde abwinkt: Kommt ein Skelett zum Arzt. „Na, Sie kommen aber reichlich spät“, sagt der mit strengem Blick.  Darüber muss Frau Kummer dann doch ein wenig schmunzeln.

Welche Rolle kann Humor im Krankenhaus spielen, in dem der Alltag doch von existenziellen Problemen, von Ungewissheit, Schmerzen, Ängsten und Anspannung der Patienten und ihrer Angehörigen geprägt ist, nicht zuletzt aber auch von Hektik und Stress durch die hohe Arbeitsbelastung der Mitarbeiter? Diese Frage stellten die Evangelische Akademie zu Berlin und das St. Joseph-Krankenhaus Berlin-Tempelhof bei ihrem 46. gemeinsamen Workshop Medizinethik. Eingeleitet wurde die beliebte Veranstaltung durch die gerade vorgestellte kleine Szene mit den beiden Palliativ-Patientinnen, die der Arbeitskreis ethische Anspielungen des St Joseph-Krankenhauses darbot.

Als Leiter des PalliativCentrums Dresden machte PD Dr. med. Ulrich Schuler bei diesem Workshop deutlich, welche Formen (vermeintlichen) Humors in einem Krankenhaus unangebracht sind: Zunächst natürlich Scherze, mit denen Patienten von Ärzten und Pflegekräften zum (meist wehrlosen) Objekt gemacht und möglicherweise sogar abgewertet  werden. Problematisch sind aber auch Bemerkungen, die zwar humorvoll sind, aber eigentlich den Zweck haben, eine Barriere gegen echte Kommunikation zu errichten. „Die wichtigste Frage ist also nicht, ob eine Bemerkung lustig, sondern ob sie angemessen ist.“  Um das entscheiden zu können, empfiehlt Schuler dreierlei: „Beobachten, beobachten, beobachten!“

Wenn er in die Situation passt, womöglich sogar aus ihr heraus entsteht, kann Humor aber durchaus heilsam wirken. Und das sogar, wenn die Krankheit selbst unheilbar ist. Der Palliativmediziner zitierte dazu eine australische Studie, die im Jahr 2005 im „Journal of Clinical Oncology“ erschien. Rebecca Hagerty und ihre Mitarbeiter widmeten sich darin der Frage, welcher Kommunikationsstil der behandelnden Onkologen  Krebspatienten im metastasierten Stadium Hoffnung vermittelt. Neben dem Eindruck, dass Arzt oder Ärztin kompetent sind, sich auf dem neuesten Stand der Forschung befinden und Schmerzen werden kontrollieren können,  ist es demnach für die Mehrheit der unheilbar Kranken besonders wichtig, dass die Mediziner bei passender Gelegenheit humorvolle Bemerkungen machen: 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie daraus Hoffnung schöpfen.

„Humor kann ein Einstieg in ein schwieriges Gespräch sein“, befand auch Christine Knop, die als Palliative Care-Fachkraft im Berliner Johannes-Stift tätig ist. Leider werde dem in den Lehrbüchern der Palliativ- und Hospizarbeit so gut wie keine Aufmerksamkeit geschenkt. „Es ist aber kein Widerspruch, neben dem tiefen Ernst am Lebensende auch zu lachen.“ Ihrer Erfahrung nach lassen sich Menschen gerade in dieser Situation gern dazu hinreißen. Knop hält es hier mit dem großen Psychologen und Psychotherapeuten Viktor Frankl, der den Humor als die „Trotzmacht des Geistes“ betrachtete.

Auch für den Clown, Coach, Trainer, Schauspieler und Pädagogen Paul Kustermann, den Gründer und Leiter von „HiP – Humor in der Praxis“, ist der Humor als „integrative kognitive Kompetenz“ eine „Königsleistung des Verstandes“. In Krisensituationen stehe diese Fähigkeit, mit der sich Distanz zum Geschehen erreichen lässt, Menschen aber nicht auf Anhieb zur Verfügung. „Wir müssen erst deeskalieren und Vertrauen schaffen, damit eine Situation entsteht, in der der Humor blühen kann.“ Auch dann könne man selbstverständlich keinen Menschen zum Lachen zwingen. „Auch dass ein Clown ins Krankenzimmer kommt, ist ein Angebot, das angenommen oder abgelehnt werden kann.“

Der Berliner Psychologe und Psychotherapeut Dr. phil Wolfgang Krüger empfindet das Angebot der Visiten von „Clown-Doktors“ generell als ausgesprochen hilfreich. Krüger ist er der festen Überzeugung, dass man eine humorvolle Lebenseinstellung lernen kann. Wie, das erläutert er in seinem Buch „Humor für Anfänger und Fortgeschrittene“. Beim Workshop ließ Krüger die Teilnehmer an den wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Thema teilhaben und machte praktische Vorschläge zu deren Umsetzung.

Dabei denkt Krüger zunächst an Menschen, die selbst in therapeutischen Berufen tätig sind. „Wir sollten auch als Behandler neugierig darauf sein, wie wir unser Leben humorvoll gestalten können. Müsste nicht jeder Chefarzt, jeder Assistenzarzt und jede Pflegekraft sich prüfen: Wie ist mein Humor?“ Ein „Lach-Tagebuch“ könne eine Starthilfe dafür bieten, Techniken wie „Lach-Yoga“ könnten unterstützend wirken. Die Fähigkeit, Lebenssituationen humorvoll zu nehmen, beruhe letztlich aber immer auf einer großen Ich-Stärke.

 In einer Psychotherapie könne man Menschen dabei helfen, sich selbst zu verstehen und mutiger zu werden, übergroße Schamgefühle zu überwinden oder ihre Partnerschaftsprobleme zu lösen, und so ihr Ich stärken. „Aber das dauert oft viele Jahre, also Zeit, die Patienten im Krankenhaus nicht haben.“ Krüger hat deshalb viel über „Humorbeschleuniger“ nachgedacht, an deren Entwicklung man arbeiten kann: Selbstbewusstsein, soziale Verankerung, Lust am Überwinden von Schwierigkeiten und nicht zuletzt Achtsamkeit.  „Um sie zu entwickeln, braucht man Zeit, die man bewusst allein verbringt und in der man auf die eigene innere Stimme hört.“

Welche Rolle spielen in diesem Geschehen Spiritualität und Glaube? Können sie womöglich dazu beitragen, dass in christlichen Krankenhäusern Humor und Lachen solider verankert sind?  „Wo Glaube ist, da ist auch Lachen.“ Mit diesem Ausspruch Martin Luthers begann Anne Heimendahl, Landespfarrerin für Krankenhausseelsorge der Evangelischen Kirche in Berlin- Brandenburg-schlesische Oberlausitz, ihren Vortrag.

Sie zeichnete jedoch auch Etappen im Lebensweg des Reformators nach, die von Angst geprägt waren. „Es gibt keine Überwindung der Angst, wenn sie nicht zunächst einmal angenommen und ausgehalten wird.“ Gerade im Krankenhaus werde jeder, ob nun Patient oder Patientin, Angehörige, Mitarbeitende oder Ehrenamtliche, täglich mit Unvollkommenheit, Endlichkeit, Sterben und Tod konfrontiert. Sich damit auseinanderzusetzen sei heute dadurch erschwert, „dass wir im Krankenhaus in einem System arbeiten, das mit stetigen Leistungssteigerungen rechnet und höchste Ansprüche an möglichst perfektes Personal hat“. Eine Entwicklung, von der alle Krankenhäuser betroffen sind, unabhängig von ihrer Trägerschaft. In der Diskussion wurde ergänzt, dass in Kliniken teilweise immer noch steile Hierarchien einen entspannten, angstfreien und heiteren Umgangston der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen untereinander erschweren.  Krankenhäuser sind mithin Orte, die geprägt sind von schweren Leiden und großem seelischem Leid auf der einen, erheblichem Leistungsdruck auf der anderen Seite.

Humor ist aber bekanntlich, „wenn man trotzdem lacht“. Heimendahl deutete dieses „Trotzdem“ im viel zitierten Aphorismus des Schriftstellers und Journalisten Otto Julius Bierbaum (1865-1910) als den  Versuch, sich von Widrigkeiten und Schwierigkeiten nicht beherrschen zu lassen, „sondern letztlich lachend zu ihnen auf Distanz zu gehen, lachend Widerstand zu leisten“. Klinikseelsorger können Angebote für Gespräche machen, die auch bei schwerkranken Menschen in einem längeren Prozess schließlich zu diesem heilsamen Abstand führen. Ihr großer Vorteil dabei: Sie haben mehr Zeit für diese vertrauensvolle Art der Kommunikation.  

Dabei besuchen sie heute im Krankenhaus viele Menschen, die ihnen signalisieren, dass sie mit dem christlichen Glauben nichts oder nicht viel anfangen können. Auch aus diesem Grund hat Klinikpfarrerin Heimendahl Luthers Satz vom Lachen und vom Glauben für sich leicht abgewandelt: „Wo Vertrauen ist, da entsteht auch Leichtigkeit.“  Wie bedeutsam Leichtigkeit, Lachen und menschenfreundlicher Humor in Medizin, Pflege und Krankenhausseelsorge sind, bestätigten an diesem Samstagvormittag alle Referenten und Diskutanten.  

Besonders stimmig war, dass der 46. Workshop Medizinethik sich selbst durch eine auffallend heitere Atmosphäre auszeichnete. „Aller höhere Humor fängt damit an, dass man die eigene Person nicht mehr ernst nimmt“, befand einst der Dichter Hermann Hesse. In glücklichen Momenten mag das auch in einem Krankenhaus gelingen.   

Adelheid Müller-Lissner

 
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