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Starke Schau eines Schwachen

 
 
Dr. Rüdiger Sachau: Predigt zu 2. Korinther 12, 1 ff

Starke Schau eines Schwachen

© privat

 

Reihe Visionen
Berliner Dom, Sonntag, 11. November 2007, 18 Uhr

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1  Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt,
    so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
2  Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren
    - ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es -,
    da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
3  Und ich kenne denselben Menschen
    - ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es -,
4  der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
5  Für denselben will ich mich rühmen;
    für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
Was war bloß geschehen?
Es war eine unglaubliche Erfahrung, die ihn überrascht hatte, so dass ihm die Worte dafür fehlten. Ausgerechnet ihm, der so genial mit der Sprache umzugehen verstand. Er hatte Stimmen gehört, ihr Sinn war ihm verständlich, es ging um Gott, oder besser, die himmlischen Heerscharen, die lobten Gott.
Aber wie und was sie sagten, das konnte er beim besten Willen nicht in Worte bringen.
Wo war er überhaupt? Zeit und Raum waren über ihm eingestürzt, es gab kein Oben und Unten, kein Gestern und Morgen, die Koordinaten des normalen Lebens waren ihm entschwunden, er trieb im puren hier und jetzt.
War er noch er selbst? Oder war sein Ich verschwunden, war er zum bloßen Zeugen seiner Auflösung in die selige Gegenwart des Ewigen geworden?

Liebe Gemeinde,
es ist eine unbegreifliche Erfahrung auf die der Apostel Paulus zu sprechen kommt. Eine Erfahrung jenseits unserer Normalität, abseits des vernünftigen Menschenverstandes, fern aller Beschreibbarkeit.
Schon einmal war ihm eine besondere Vision widerfahren, als er unterwegs war mit seinen Helfern, um die Christen in Damaskus zu verfolgen. Da war ihm Jesus erschienen, hatte sich als der Christus erwiesen und ihn vom Verfolger zum Verkünder gemacht.
Das war aber eine andere Geschichte, und wenn er daran dachte, dann überkam ihn eine Mischung aus Scham und Liebe.
Beschämt war über seine eigenen Irrtümer und seine Schuld an den Christen, die er verfolgt hatte, und beglückt war er von der tiefen Liebe mit der Christus ihn, den eifrigen Kämpfer überwältigt hatte.
Aber die Umkehr in seinem Leben lag schon lange zurück. Aber dann gab es noch diese andere Vision, diese Reise in den Himmel, es war so anders, so schön und doch so fremd. So hinreißend und so eigenartig. Vierzehn Jahre war es her, und er hatte davon kaum je-mandem erzählt. Nun aber, da in Korinth alle möglichen Prediger von ihren besonderen Visi-onen prahlten und die staunende Gemeinde in ihren Bann schlugen, da musste auch er sein Geheimnis erzählen.
Aber wie nur, denn der Wettbewerb um die größte Erfahrung war ihm zuwider, ja es erschien ihm, als würde Christus selber damit runter gezogen in den Wettstreit und missbraucht für das persönliche Ansehen.

Der einzige Weg, den er sieht, ist die Distanz und die Position der Schwäche.
So, als ginge ihn nichts an, schreibt er von seiner Vision, von der Entzückung, die ihn hingerissen hatte schreibt er, dass er sich nicht mehr erinnern könnte. Wie von einem Fremden schreibt Paulus von sich selbst, damit deutlich wird: es geht nicht um mich, es geht allein um Gottes Wirken, demgegenüber ist meine Leistung nicht vorhanden.
Ein Wort Jesu klingt wieder und wieder in seinen Ohren, danach will er sich richten, was auch immer seine Konkurrenten von ihm denken:
„Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Und er fährt fort:
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. (V.9)

Visionen zwischen Krankheit und Gottesnähe
Ist das noch normal, was Paulus da beschreibt, war er vielleicht krank, Epileptiker oder psy-chisch labil?
Über die Möglichen Krankheiten des Apostels ist viel in der theologischen Literatur spekuliert worden. Aber wir kommen nicht weiter, denn der Patient ist vor mehr als 1900 Jahren ver-storben, die Diagnose nicht mehr seriös möglich.
Es geht auch nicht um Halluzinationen, Psychosen, Drogenmissbrauch. Nein, es gibt sie wohl, die religiöse Visionen, deren Wahrheit man sich nicht einfach durch medizinische Di-agnosen entziehen kann.
Und was würde es uns nützen, wenn wir diese oder jene Krankheit beim Apostel Paulus er-kennen könnten? Wäre er weniger glaubwürdig, wenn er ein kranker Mann gewesen war? Oder müssten wir nicht grade dann ganz stille werden und staunen, wie sich Gott den Schwachen, den Kranken und Belasteten als seinen Zeugen erwählt?
Ist damit nicht eine Linie erkennbar, die bei der Geburt des Erlösers in der Krippe beginnt, im peinlichen Strohlager, und über Heimatlosigkeit und Verachtung des Wanderpredigers bis zu seinem Schandtod am römischen Galgen führte?

Liebe Gemeinde, bevor wir dem nachgehen, dass es grade der Schwache ist, dem eine starke Schau zuteil wird, möchte ich einen Blick auf unsere Zeit werfen.
Gibt es denn das, dass ein Mensch in den dritten Himmel reist? Was sollen wir uns darunter vorstellen, sicherlich nicht irgendeine Reise zu „Wolke sieben“.

C.F. von Weizsäcker
Denn es gibt auch heute Menschen die von Visionen überrascht werden, nicht nur die Mysti-ker des Mittelalters. Einen Bericht will ich vortragen, verfasst von dem Physiker, Philosophen und Naturwissenschaftler Carl Friedrich von Weizsäcker, der in diesem Jahr hoch betagt starb. In seiner autobiographischen Schrift „Der Garten des Menschlichen“ schildert er im Anhang die Erfahrung, die ihm 1969 während einer Indienreise am Grab eines Yogis wider-fuhr und sein Leben veränderte.
Ich will anmerken, dass ihn dieses nicht von seinem christlichen Glauben abgebracht hat, mancher unter uns wird Carl Friedrich von Weizsäcker auf den Kirchentagen gehört haben.
Er selber schreibt:
"Der Leser möge entschuldigen, daß ich das, was nicht zu schildern ist, nicht eigentlich schildere, und doch davon spreche; ….
Als ich die Schuhe ausgezogen hatte und im Ashram vor das Grab des Maharshi trat, wußte ich im Blitz: 'Ja, das ist es.' Eigentlich waren schon alle Fragen beantwortet. Wir erhielten im freundlichen Kreis auf grünen großen Blättern ein wohlschmeckendes Mittagessen. Danach saß ich neben dem Grab auf dem Steinboden. Das Wissen war da, und in einer halben Stunde war alles geschehen. Ich nahm die Umwelt noch wahr, den harten Sitz, die surren-den Moskitos, das Licht auf den Steinen. Aber im Flug waren die Schichten, die Zwiebel-schalen durchstoßen, die durch Worte nur anzudeuten sind: 'Du' - 'Ich' - 'Ja'. Tränen der Se-ligkeit. Seligkeit ohne Tränen.
Ganz behutsam ließ die Erfahrung mich zur Erde zurück. Ich wußte nun, welche Liebe der Sinn der irdischen Liebe ist. Ich wußte alle Gefahren, alle Schrecken, aber in dieser Erfahrung waren sie keine Schrecken. …
Ich war jetzt ein völlig anderer geworden: der, der ich immer gewesen war. Ein junger deut-scher Angehöriger des Ashrams führte mich in einen Raum, in dem drei ältere Inder waren. Wir begrüßten uns mit einem Blick und saßen schweigend eine Stunde beisammen. … Mit unendlicher Sanftheit verließ mich langsam die Erfahrung in den kommenden Tagen und Wochen. Ihre Substanz ist immer bei mir."
Die religiöse Erfahrung, die von Weizsäcker beschreibt, ist außeralltäglich und für ihn einma-lig, sie ist unverfügbar und überkommt ihn plötzlich und überwältigend. Alle Fragen und Zweifel an ihrer Echtheit treten für ihn zurück. Wir können sie nicht überprüfen, nicht nach-vollziehen, denn die Sprache, die eine solche Erfahrung beschreibt, ist eine Sprache des Stammelns und der Paradoxie.

Wie geht man damit um?
Was von Weizsäcker so vorsichtig behandelt, sieht ganz anders in den Regalen jeder nor-malen Buchhandlung aus, wenn wir uns im Bereich Esoterik umschauen. Die wundersams-ten Visionen und Offenbarungen werden da gehandelt. Und das ganz offensichtlich mit Er-folg, denn die Bücher stehen ja nicht im Regal um dort zu verstauben.
Wer sich in der Szene umsieht, stößt schnell auf Menschen, die besondere Erkenntnisse beanspruchen, die sie auch uns allzu gern vermitteln wollen.
Wenn ein Mensch besondere Erfahrungen andeutet, werde ich ihm in der Regel nicht wider-sprechen und seine Erfahrungen bestreiten. Denn die Welt Gottes ist größer als unser Verstand. Aber das lässt uns demütig gegenüber Gott werden, nicht aber unterwürfig gegen-über denen, die besondere Erkenntnisse beanspruchen.
Hier ist der zentrale Unterschied der esoterischen Visionen und Erkenntnisse gegenüber Paulus zu erkennen. Der verzichtet nämlich auf jede Spekulation. Er erklärt nicht, wie das geht mit der himmlischen Reise, er verrät nicht, was er gehört hat, er behauptet eben kein höheres Wissen.
Das ist mein Maßstab, wenn ich Menschen begegne, die von ihren religiösen Erfahrungen berichten, ich bestreite nicht die Erfahrung, aber ich widerspreche jedem Anspruch auf Macht und Vorrang, wenn er daraus abgeleitet wird.
Es ist eine ideologiekritische Haltung, die aus dem Geist des paulinischen Denkens zu uns kommt, eine Aufdeckung des Missbrauchs von Religion für menschliche Machtinteressen, selbst, wenn sie ganz unbewusst sind.
Und von Paulus nehme ich mit: Den wahren Boten erkennt man an seiner Bescheidenheit, er stellt nicht sich selbst in den Vordergrund, auch nicht trickreich, sondern verweist auf den, der größer ist als alle Vernunft

Ruhm – Demut und das geschickte Selbstmarketing
„Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
Dieser Spitzensatz des Neuen Testaments ist immer wieder zur Unterdrückung missbraucht worden. Darum zum Schluss eine wichtige Bemerkung:
Paulus setzte sich mit einer Gruppe von geistigen Gegnern auseinander, die sich frank und frei ihrer besonderen Begabungen rühmten. Die offen ihren Stolz vor sich hertrugen und dar-aus besondere Aufmerksamkeit ableiteten. Demgegenüber stellt er seine Schwäche heraus, die ihn vor Selbstüberschätzung, Eigenlob und falschem Rühmen bewahrt. Das war damals die richtige Medizin, und auch heute fallen mir durchaus Situationen ein, wo ich mir von dem einen oder anderen Auftritt etwas mehr Bescheidenheit wünschte. Dazu gibt das politische und kulturelle Berlin täglich genügend Beispiele.
Aber die Lage nach Paulus ist verwickelter, denn wir haben inzwischen die paulinische De-mut in die christlichen Lebenswelten integriert.
Die Demut wurde selber zur Forderung und damit zur Leistung, genau gegen die Absicht des Apostels, doch allein auf Gott hinzuweisen. Aus dem Wettbewerb der der Starken wurde eine Demonstration der Demütigen.
Der Film „Jesus –Camp“, der grade in den Kinos läuft, erzählt von jungen Menschen die un-ter dem Diktat und dem Terror der Demutsforderung zerbrechen. Das ist ganz sicher nicht Gottes Wille!
Viele Menschen im christlichen Raum haben in ihrem Leben unter diesem Druck gestanden. Ihnen muss gegen die paulinischen Worte erst einmal wieder Selbstachtung und Würde, ein berechtigter Stolz auf sich selbst vermittelt werden.
Paulus kritisiert den Wettbewerb des Selbstruhms, aber er will sicher auch nicht, dass dar-aus ein anderer Wettbewerb – einer der Selbstdemütigung wird. Denn die demonstrative Demut ist im Kern nur eine andere Form von Stolz.

Liebe Gemeinde,
die starke Schau eines Schwachen hat uns heute bis in den Himmel geführt und zurück auf die Erde, mitten in unseren Alltag.
Am Ende sollte das stehen, was ich einen fröhlichen Stolz nennen möchte, geboren aus der Liebe zu Gott, entsprungen aus der faszinierenden Liebe Jesu.
Nicht Spekulation, nicht religiös überhöhter Machtanspruch, nicht fromme Demutsübertrei-bung sind von uns gefordert, nur die Bereitschaft, Gott zuzulassen, in unserem Leben, in unserem Alltag.
Wie wir ihn erfahren, davon sollen wir uns überraschen lassen.
„Lass Dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“
 Amen

 
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