Wie viele Kirchen braucht die Stadt?

Aufgeben oder umnutzen - Was tun mit den vielen Kirchen der Stadt?

Die Lehre von der Kirche, meint der Lübecker Pastor Dr. Bernd Schwarze, denke Kirche stets auf die Menschen bezogen, die sich in einem bestimmten Geiste versammeln. Die Räume seien zunächst eher Nebensache. „Von daher könnte man doch eigentlich bei allen Fragen um die Schließung, den Verkauf, den Abriss von Kirchengebäuden ganz entspannt ans Werk gehen.“ Diese provokante These bildete einen der Ausgangspunkte in Schwarzes Ausführungen über Kirchenräume als „theologische Herausforderung“ im Rahmen der Tagung „Wie viele Kirchen braucht die Stadt?“

Schwarze begründete im Folgenden, warum es mit der „Entspannung“ in diesem Punkt nicht weit her sein kann. Was geschieht, fragte er beispielsweise, „wenn in einem Problemviertel mit wenig Charme und zusammengebrochener Infrastruktur auch noch der Kirchturm fällt? Mag ja sein, dass das gottesdienstliche Leben vielleicht schon seit Jahren nicht mehr funktionierte. Aber wenn es den besonderen Ort gar nicht mehr gibt und niemanden mehr, der da ein bisschen feinfühlig aufpasst auf die Entwicklungen in der Nachbarschaft?“

Nutzungserweiterung heißt für viele Gemeinden in ganz Deutschland das Zauberwort. Ideen dafür gibt es genug. Wie schwierig eine solche Nutzungserweiterung in der Realität sein kann, darauf verwies Marcus Nitschke, vom Büro für Kirche und Kultur (Berlin): Für die vielen Kirchen, die zwar nominell noch in Verwendung seien, in vielen Fällen aber längst ihre Nutzungsdauer überschritten hätten und von den Gemeinden nur noch notdürftig instand gehalten werden könnten, sei der Nutzwert solcher Ideen begrenzt. Nitschke zeichnete „die schwierigen Wege in die Zukunft“ in diesem Bereich anhand von sieben Thesen. Er betonte, dass Kirchen keine gesuchten Marktobjekte seien, und dass ein aufwändiger Umbau für eine Mehrfachnutzung für die allermeisten Gemeinden schlichtweg nicht finanzierbar sei. Er verwies auf die Notwendigkeit neuer staatskirchenrechtlicher Vereinbarungen, da die Gemeinden mit der Trägerschaft der Gebäude überfordert seien. Ungenutzte Kirchen stünden in Konkurrenz zu leeren Gebäuden anderer Träger; konkrete Projekte zur Nutzungserweiterung bedürften außerdem der Unterstützung durch die Medien. Die Rettung von Kirchen erfordere einen ‚Masterplan’, der mehr bringe als „die Summe ehrbarer Einzelinitiativen“. Speziell für Berlin sei schließlich eine neue „religiöse Topografie“ wünschenswert.

Konkrete realistische Möglichkeiten für die Nutzungserweiterung von Kirchen konnte auch Bernd Schwarze aus seiner langjährigen Tätigkeit in Lübeck benennen. So berichtete er von gelungenen Projekten wie dem „Stadt-Osterfrühstück“, dem „Volksfestgottesdienst“ und den „Petrivisionen“. Was genau sich hinter diesen Begriffen verbirgt, erfahren Sie, wenn Sie sich den kompletten Vortrag als pdf-Datei downloaden.

"Die schwierigen Wege in die Zukunft" von Marcus Nitschke

"Kirchenräume – eine theologische Herausforderung" von Pastor Dr. Bernd Schwarze
 


Berlin, 10. und 11.09.2010