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Predigt zum Achten Gebot (2. Mose 20,15) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

 
 
OKR Thorsten Leißer am 16. September 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche

Predigt zum Achten Gebot (2. Mose 20,15) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

OKR Thorsten Leißer am 16. September 2012 (PDF-Dokument, 32.1 KB)

Gnade sei uns und Friede von Gott unserem Vater und unserem Bruder Jesus Christus. Amen.

Liebe Schwestern und Brüder,

Anak Tunggal ist wütend. Soeben hat er erfahren, dass seine Klage vor Gericht abgewiesen wurde. Zusammen mit anderen Bauern hat Anak versucht, auf dem Rechtsweg gegen den weitreichenden Ankauf von Land durch einen multinationalen Investor zu protestieren. Das Land, das seine Familie in West Papua seit Generationen bewirtschaftet, war vom indonesischen Staat gepachtet. Nun ist der Pachtvertrag ausgelaufen. Und statt ihn zu erneuern, hat die Regierung das Land an einen jener multinationalen Konzerne vergeben, die im großen Stil Monokulturen zur Gewinnung von Palmöl anpflanzen. Es ist ein lohnendes Geschäft, mit der „Ware Land“ zu spekulieren oder fruchtbare Böden für die Produktion von Agrotreibstoff zu verwenden, statt Reis oder Gerste anzubauen, damit die Menschen satt werden. „Landgrabbing“ nennt man dieses Vorgehen, bei dem immer mehr Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren. Die Großinvestoren scheren sich nicht um die Versorgung der Bevölkerung vor Ort. Ihre ökonomischen Interessen haben Vorrang. Egal, ob in West Papua, Äthiopien, Brasilien oder Madagaskar.

Du sollst nicht stehlen. Kurzer Satz, klare Worte. Eigentlich nicht der Rede wert, könnte man meinen. Denn es ist doch klar, was hier mit dem achten Gebot gemeint ist: Du sollst nicht stehlen, nicht klauen, d.h. du sollst dir nicht aneignen, was dir nicht gehört. Oder um es einmal positiv zu formulieren: Du sollst das Eigentum deines Nächsten achten.

Schon beim zweiten Hören erscheint der Wert, der dem Eigentum in diesem zentralen Text der biblischen Ethik beigemessen wird, recht ungewöhnlich: Früher galt doch die radikale Parole „Eigentum ist Diebstahl“. Kritikerinnen und Kritiker des ungezügelten Kapitalismus berufen sich mit gutem Recht auf so Leute wie Elia und seinen alttestamentlichen Prophetenkollegen. Wir haben es vorhin in der Lesung gehört: Die Machenschaften von König Ahab und seiner Frau Isebel nehmen kein gutes Ende. Denn der Gott Israels duldet keinen Landraub und keinen unrechtmäßigen Besitz der Großen auf Kosten der Kleinen. Im Ohr ist auch zugleich das Wort Jesu vom Kamel, das leichter den Weg durch ein Nadelöhr findet, als ein Reicher, also ein Eigentümer, in das Himmelreich.

Auf beruhigende Weise ist uns diese beunruhigende ethische Linie vertraut. Selbst die Kampagne „Anders Wachsen“ der Evangelischen Kirche setzt ein kritisches Verständnis von Besitz voraus. Und nun, in Paragraph 8 des biblischen Strafgesetzbuches wird das Eigentum durch ein göttliches Gebot geschützt. Wie geht das zusammen?

Nun, erstens zielt der berühmte Satz von Pierre-Joseph Proudhon („Eigentum ist Diebstahl.“) nicht auf das Eigentum an sich, sondern kritisiert nur das „arbeitslose“ Eigentum.
„Der Eigentümer erntet ohne zu säen“ – so Proudhon. Sein Eigentum vermehrt sich durch Zinsen oder die Arbeit anderer. (Die Spekulation mit Aktien, oder eben mit Land und Lebensmitteln würde man heute noch ergänzen müssen.) Eigentum, das nicht aus der eigenen Hände Arbeit erwächst, sondern sich auf Kosten anderer vergrößert, ist schädlich für das Gemeinwesen – so jedenfalls die Schlussfolgerung in der Rezeption durch Karl Marx.

Zweitens greift die biblische Besitzstandwahrung des Dekalogs viel tiefer. Sie greift hinein in unsere Welt, in die Welt von Anak Tunggal und seine MitstreiterInnen. „Du sollst nicht stehlen“ – das bedeutet im Kontext der wirtschaftlichen Verflochtenheiten einer globalisierten Welt: Du sollst nicht Land rauben und nicht Landräuber unterstützen. Du sollst die Lebensgrundlage anderer Menschen nicht antasten, ihnen nicht die Möglichkeit entziehen, selbstbestimmt und sinnerfüllt zu leben – mit anderen Worten: Du sollst ihre gottgegebene Menschenwürde nicht einschränken.

Mit einem solchen Verständnis vom achten Gebot bietet sich gleich eine ganze Reihe von Beispielen an, wo genau dagegen verstoßen wird. Nicht nur beim „Landgrabbing“, sondern auch bei uns: Ob die mittlerweile vom Bundesverfassungsgericht für verfassungswidrig erklärten Sätze des Asylbewerberleistungsgesetzes oder der in Berlin geplante Abschiebungsknast, der als allererstes schon fertig ist – übrigens lange bevor überhaupt feststeht, wann der neue Großflughafen eröffnet wird. Ob bei der Verharmlosung rassistischer Gewalt als „Döner-Morde“ oder bei der Debatte um die Integrationswilligkeit von Kopftuchmädchen. In all diesen Debatte muss immer wieder das achte Gebot erhoben werden: „Du sollst nicht Menschenwürde stehlen.“

Die Würde des Menschen ist nicht nur unantastbar, wie es etwa das deutsche Grundgesetz konstatiert. Nein, die Menschenwürde ist göttlichen Ursprungs. Zumindest für uns als Christinnen und Christen ist dies ein kleines, wenn auch entscheidendes Detail bei der Frage dessen, was eigentlich nicht gestohlen werden soll.
Es ist gewiss kein überlieferungsgeschichtlicher Zufall, dass die priesterlichen Komponisten die Erzählung von den Zehn Geboten in der Wüste verorten. Das Gottesvolk ist gerade auf dem Weg in die Freiheit, ins gelobte Land. Oder sollten wir besser sagen: auf der Flucht vor bedrückenden Verhältnissen, in der Hoffnung auf ein besseres Leben? Wie das mit der Freiheit aber so ist: Wenn sie konkret werden soll, scheint auch ihre bedrohliche Seite auf. In der Wüste bewahrheitet es sich auf schmerzliche Weise, dass Freiheit nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden darf. Im Angesicht der Sanddünen sind die Israeliten ohne Orientierung verloren. Sie heben ihre Augen auf zu den Bergen. Woher kommt ihnen Hilfe?

Der Dekalog gibt Orientierung. Zehn Gebote, zehn deutliche Aussagen, die in der existentiell bedrohlichen Situation unmissverständlich sind. Wenn man so will, fungiert der Dekalog im biblischen Erzählzusammenhang als Navigationssystem durch die Wüste. Das Ziel der Route ist die gestaltete Freiheit im gelobten Land, wo jeder und jede zu seinem und ihrem Recht kommt.
Dieser Rahmen, den das Exodusgeschehen bildet, zeigt: Den Geboten geht es nicht um Nebensächlichkeiten. Hier, in der Wüste, am Rande der Existenz, geht es vielmehr ans Eingemachte:
 
Freiheit, Transzendenz, Ruhe, Solidarität zwischen den Generationen, Unversehrtheit des Lebens, Schutz der Intimsphäre, rechtstaatliche Grundzüge, Respekt der Lebensbereiche des Nächsten – und eben der Schutz der Lebensgrundlagen, die es für die Menschenwürde braucht:

Du sollst nicht stehlen. Gerade in Abgrenzung zum 10. Gebot zeigt sich der universale Charakter des 8. Gebots, das weit über den konkreten aufzählbaren Bereich hinausgeht. „Du sollst nicht stehlen.“ Diese klaren Worte beziehen sich eben nicht auf Haus, Weib, Knecht, Magd, Ochse, Esel, oder summarisch alles andere, was einem selbst nicht gehört. Das geht weiter und endet letztlich beim Raub der Menschenwürde.

Jedes dieser Gebote steht für sich und eröffnet einen eigenen kleinen Kosmos, ein Schutzzone, in der Leben möglich wird und möglich bleibt, auch angesichts gravierender Infragestellungen. Doch vielleicht ist das 8. Gebot unter den auf das zwischenmenschliche Miteinander bezogenen Geboten das umfassendste – mal vom Tötungsverbot abgesehen –, denn es stellt die Menschenwürde als Grundvoraussetzung für gelingendes Leben unter einen besonderen Schutz.

Bleibt noch die Frage: Warum ist dieser Schutz nicht positiv formuliert? Ja, warum ist der Dekalog überwiegend im negativen Imperativ gehalten? Man bekommt schnell den Eindruck, es handele sich nicht um Gebote, sondern um Verbote. Eine kleine Umfrage unter Konfirmandinnen und Konfirmanden würde diesen Eindruck vermutlich sehr verstärken.

Bei einem Seitenblick in den hebräischen Urtext fällt auf, dass hier ein Übersetzungsproblem vorliegt. Denn im Hebräischen gibt es eine bestimmte Zeitform, die man im Deutschen nicht so einfach wiedergeben kann. Die Zehn Gebote sind im Jussiv formuliert. Der Jussiv kann im Deutschen klassisch als Imperativ verstanden werden. Doch wenn es um seine verneinten Formen geht, dann zielt die Bedeutung eher in die Zukunft. „Du sollst nicht stehlen“ müsste eigentlich übersetzt werden mit „Du wirst nicht stehlen“.

Und da sind wir nahe dran an der Orientierung, welche die Zehn Gebote (nicht: Verbote) geben wollen. Im Subtext der Grammatik wird den Kundigen der hebräischen Sprache vermittelt: Wenn du dich an die Gebote Gottes hältst, wenn du sie ernst nimmst in deinem Leben, dann wird dein Leben gesegnet sein. Dann wirst du nicht töten. Du wirst nicht ehebrechen. Du wirst nicht stehlen, ja du wirst nicht Menschen am anderen Ende der Welt ihre Lebensgrundlage entziehen oder sie ihrer Möglichkeiten berauben.

So klingen die 10 Gebote nicht nach einer Liste mit Verboten, sondern mehr nach einer großen Verheißung.  Stellen wir uns das mal vor: Eine Welt, in der niemand mehr töten wird, in der niemand die persönlichen Grenzen seiner Mitmenschen übertreten wird, wo niemand mehr übers Ohr gehauen wird und niemand aufgrund seiner Herkunft diskriminiert wird. Wäre das nicht ein Stück heile Welt, ein Funken vom Paradies? Der Dekalog hat mit unserem Zusammenleben heute mehr zu tun, als es auf den ersten Blick erkennbar ist. Und das 8. Gebot zielt auf einen der Kernbereiche des Lebens in Würde.

Anak Tunggal, dem Bauer aus West Papua, ist das alles wahrscheinlich egal. Er und seine Kollegen werden in Revision gehen und weiterhin gegen den Landraub protestieren.

Aber wenn immer mehr Menschen überall auf der Erde im Bewusstsein dieser anderen Wirklichkeit leben und in ihrem Konsum, ihrer Mobilität und ihrem Lebensstil einen Hauch globaler Verantwortung ausleben, gibt es Hoffnung.

Aber, ehrlich gesagt, Hoffnung gibt es immer, so wahr Gott lebt. Amen.

Und der Friede Gottes, der all unsere menschliche Vernunft übersteigt, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen

 

 
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