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Predigt zum Zehnten Gebot (2. Mose 20,17) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

 
 
Dr. Jürgen Kaiser am 18. November 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche

Predigt zum Zehnten Gebot (2. Mose 20,17) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

Dr. Jürgen Kaiser, 18. November 2012 (PDF-Dokument, 39.3 KB)

Du sollst nicht das Haus deines Nächsten begehren; du sollst nicht die Frau deines Nächsten begehren oder seinen Knecht oder seine Magd oder sein Rind oder seinen Esel oder irgendetwas, das deinem Nächsten gehört.

Liebe Gemeinde,
in der Vorbereitung auf die Predigt hat es in dieser Woche einen Schriftwechsel gegeben, der nicht uninteressant ist und den ich Ihnen deshalb nicht vorenthalten möchte. Es begann am Montag mit einer kleinen Mail von mir an den Gott:

Montag, 12. November 2012
Hochwürdigste Herrlichkeit, unser Vater,
vielen Dank für die Überlassung des vollständigen Bundesvertrags mit den Zehn Worten. Wir haben ihn in diesem ganzen Jahr durch die verschiedenen Abteilungen unseres Hauses prüfen lassen, Evangelische Akademie, EKD, zwei Gemeinden. Obgleich die Prüfung der Zusatzvereinbarung, also des Doppelgebots der Liebe in vier Wochen durch den Akademiedirektor noch aussteht, darf ich als vorläufiges Fazit schon signalisieren, dass wir mit nahezu allen Punkten einverstanden sind.
Probleme bereitet uns noch das letzte Gebot. Es könnte als eine Einmischung in unsere inneren Angelegenheiten angesehen werden, was uns unangenehm wäre. Fast alle anderen Gebote beziehen sich auf äußere Handlungen (töten, ehebrechen, stehlen). Dieses letzte aber bezieht sich mit dem Verbot des Begehrens auf eine innere Haltung, einen Affekt. Damit geht das letzte Gebot gewissermaßen ans Eingemachte. Zum Schluss wird noch einmal eine neue Dimension der Ethik aufgerufen: die Psychologie.
Das scheint nicht nur inkonsequent. Vor allem entzieht sich damit dieses Gebot jeder Kontrolle.
Wäre es also nicht besser, man beschränkte sich bei den bundesvertraglichen Vereinbarungen auf das Augenscheinliche, auf das Offensichtliche und lässt nicht nur die Gedanken sondern auch die Affekte frei, zu denen ja das Begehren gehört? Wichtig ist doch nur, was am Ende als das Tun herauskommt. Muss also diese Einmischung in die inneren Angelegenheiten unbedingt sein?
Hochachtungsvoll usw.

Darauf erhielt ich noch am gleichen Tag folgende Antwort:

Montag, 12. November 2012
Tageslosung 1.Sam 16,7:
„Ein Mensch sieht, was vor Augen ist, der HERR aber sieht das Herz an.“

Sehr geehrter Herr Pfarrer, lieber Bruder,
vielen Dank für Ihre Korrespondenz. Im Hinblick auf Ihre Bedenken in Bezug auf das 10. Gebot erlauben wir uns auf Gen 3,6 der Heiligen Schrift zu verweisen: Da sah die Frau, dass es gut wäre, von dem Baum zu essen, und dass er eine Lust für die Augen war und dass der Baum begehrenswert war, weil er wissend machte, und sie nahm von seiner Frucht und aß.
Mit freundlichen Grüßen usw.

Diese knappe Antwort hat mich ratlos und schlaflos gelassen. So schrieb ich gleich am nächsten Morgen:

Dienstag, 13. November 2012
Hochwürdigste Herrlichkeit, unser Vater,
vielen Dank für den raschen und deutlichen Hinweis. Ich verstehe: Es war das Begehren, das zur Übertretung des allerersten Gebots an die Menschheit führte. Von der Frucht dieses einen Baumes sollten sie nicht essen. Aber sie fanden es begehrenswert, wissend zu sein.
Jedoch muss ich bekennen, dass von allen Begehrlichkeiten mir die Wissbegier am begehrenswertesten erscheint. Im Grund halten wir wissenschaftliche Neugier, das Streben nach Er-kenntnis, nicht für ein Laster sondern für eine Tugend. Wo stünden wir ohne Wissenschaft, ohne Technik und Kultur. Die ganze Zivilisation setzt Erkenntnis voraus, und dies wiederum den Willen zur Erkenntnis, den Wunsch, mehr zu wissen, also Wissbegier. Daher verstehe ich nicht, warum uns von Anfang an das Wissenwollen verboten wurde.
Hochachtungsvoll usw.

Die Antwort erfolgte wieder am gleichen Tag:

Dienstag, 13. November 2012
Tageslosung Jes 55,9:
„So viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“

Sehr geehrter Herr Pfarrer, lieber Bruder,
im Hinblick auf die zuletzt aufgeworfenen Fragen verweisen wir auf den Lehrtext des heutigen Tages, 1.Kor 13,12: „Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“
Mit freundlichen Grüßen usw.

Die folgende Nacht war noch schlafloser. Am Morgen schrieb ich:

Mittwoch, 14. November 2012
Hochwürdigste Herrlichkeit, unser Vater,
vielen Dank für die gestrigen Erläuterungen. Ich verstehe: Uns fehlt der Überblick, uns fehlt der Weitblick, um allein auf uns gestellt die Folgen unserer ethischen Urteile abschätzen zu können. Das gilt insbesondere für die Anwendungen wissenschaftlicher Erkenntnisse. Darum sollte sich die durch Wissbegier gesammelte Erkenntnis in den Bahnen deiner Weisungen halten.
Nachdem Adam und Eva vom verbotenen Erkenntnisbaum gegessen hatten, gingen ihnen die Augen auf und sie konnten gut und böse unterscheiden. Daher musste ihnen und ihren Nach-fahren die Weisungen, das Gesetz gegeben werden, als Hilfe in der permanenten Notwendigkeit, zwischen gut und böse unterscheiden zu müssen.
Andererseits hat doch Eva nur deshalb von der verbotenen Frucht genommen, weil sie – mit Verlaub – durch ein Verbot darauf aufmerksam gemacht worden war. Ich bin ganz verwirrt.
Hochachtungsvoll usw.

Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.

Mittwoch, 14. November 2012
Tageslosung Ps 35,28: „Meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.“
Sehr geehrter Herr Pfarrer, lieber Bruder,
in der Verwirrung, von der du sprichst, war auch mein Apostel Paulus, heilige Schrift, Röm 7, Verse 7 und 8: Was folgt nun daraus? Dass das Gesetz Sünde sei? Gewiss nicht! Sondern: Ohne das Gesetz hätte ich die Sünde nicht kennen gelernt. Denn ich wüsste nichts vom Begehren, wenn das Gesetz nicht sagte: Du sollst nicht begehren. Die Sünde aber nutzte die Gelegenheit, die das Gebot ihr gab, und weckte in mir jegliches Begehren.
Mit freundlichen Grüßen usw.

Nach einer schlaflosen Nacht schrieb ich:

Donnerstag, 15. November 2012
Hochwürdigste Herrlichkeit, unser Vater,
tatsächlich! Als Paulus sich überlegte, warum das Gesetz, das von Gott gegeben ist und der Gerechtigkeit dienen soll, so unwirksam ist, verweist er gerade auf das 10. Gebot. Erst das Verbot der Begehrlichkeit weckt die Begehrlichkeit. Iss nicht von meinem schönen Apfel! Ach, hast du etwa einen schönen Apfel?
Dass dies so ist, führt Paulus auf die Sünde zurück. Die Sünde ist nicht nur die jeweilige Tat-sünde, sondern die grundsätzlich verkehrte Ausrichtung des Menschen, ein ständiges Bezogensein des Menschen auf sich selbst. Die Sünde ist eine Macht, die den Menschen beherrscht, die seine Affekte nicht auf Gott und den Nächsten, sondern auf sich selbst bezieht.
Eine Form der Sünde ist das zwanghafte Sich-vergleichen-müssen, das Schielen auf die anderen, das immer zu dem Ergebnis führt, dass die anderen mehr haben, schöner, angesehener, reicher, besser, gebildeter usw. sind. Kurz gesagt: Bei dem Menschen, in dem die Sünde wohnt, kommt das Begehren immer als Neid heraus.
Aber wie kann man das abstellen? Wie finde ich Genügsamkeit?
Hochachtungsvoll usw.

Abermals antwortete der Herr am gleichen Abend:

Donnerstag, 15. November 2012
Tageslosung Ps 16,11: „Du tust mir kund den Weg zum Leben.“
Sehr geehrter Herr Pfarrer, lieber Bruder,
wir erlauben uns auf Jesus Christus zu verweisen und erinnern an seine Rede nach Matth 6,31-33: Sorgt euch nicht und sagt nicht: Was werden wir essen? Oder: Was werden wir trinken? Oder: Was werden wir anziehen? … Euer himmlischer Vater weiß nämlich, dass ihr das alles braucht. Trachtet vielmehr zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch das alles dazugegeben werden.
Mit freundlichen Grüßen usw.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum:

Ich sah Salomo in all seiner Herrlichkeit auf dem Heidelberger Philosophenweg spazieren. Er ging so für sich hin und nichts zu suchen, das war sein Sinn. Im Schatten sah er eine Lilie stehen „wie Sterne leuchtend, wie Äuglein schön“ und hatte keine Lust, sie zu brechen. Er sah die Vögel unter dem Himmel und sprach: „Und ich sah, dass alle Mühe und alles geschickte Tun Neid des einen auf den anderen ist. Auch das ist nichtig und ein Greifen nach Wind.“ (Koh 4,4)
Danach sah ich eine Gestalt auf einem Berg und drei Hütten. Jemand sagte: Hier ist gut bleiben. Und ich spürte eine leichte Lust sich um mich her lagern. Eine Lust, anders als die anderen Lüste. Sie war so zufrieden, so besänftigt, so im Glück.
Danach rappelte der Wecker, es war Freitag, der 16. November. Ich schlug die Losungen auf, Daniel 3,32: „Ich verkünde die Zeichen und Wunder, die Gott der Höchste an mir getan hat“ und setzte mich an die Predigt. Und die geht nun kurz und knapp so:

Liebe Gemeinde,

wir müssen keine traurigen Asketen werden, um das 10. Gebot zu erfüllen. Das Gebot ver-langt nicht, sich das Begehren abzugewöhnen. Das Gebot lässt uns das Begehren. Denn das Begehren, das Sehnen, das Verlangen ist eine der schönsten und wichtigsten Lebensäußerungen.

Um das Gebot „Du sollst nicht begehren!“ zu erklären, verwendet der Heidelberger Katechismus zweimal das Wort „Lust“: „Wir sollen in unserem Herzen keine Lust und keinen Ge-danken aufkommen lassen, gegen ein Gebot Gottes zu handeln, sondern wir sollen jederzeit von ganzem Herzen … Lust zu aller Gerechtigkeit haben.“

Wie lustvoll es ist, das 10. Gebot zu halten!

Worauf es lediglich ankommt, ist, dem Begehren die richtigen Ziele zu setzen. Es ist nur wichtig, der Lust den schönsten Schatz zu zeigen. Sammelt euch … Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Rost sie zerfressen, wo keine Diebe einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz. (Mt 6,20f) Trachtet zuerst nach seinem Reich und seiner Gerechtigkeit, dann wird euch alles Weitere dazugegeben werden. (Mt 6,33) Wer hat je lust-voller von Gottes Reich erzählt als Jesus? Ein Freudenfest, eine Hochzeit.

Das Schielen auf meines Nächsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Esel und Rind wird ab- und umgelenkt durch den ebenso begehrlichen wie lustvollen Blick in das Haus des Herrn. Wie lieblich sind mir deine Wohnungen, HERR Zebaoth. Meine Seele sehnt sich und schmachtet nach den Vorhöfen des HERRN, mein Leib und Seele freuen sich in dem lebendigen Gott. (Ps 84,2f)

Nur die, die Gott nicht kennen, halten ihn für ein lustloses, sinnfeindliches Abstraktum. Die aber, die ihn kennen als den lebendigen Gott, wissen, wie lustvoll es ist, ihn zu hören, ihn zu schauen, seine Wortbilder, seine Gedankengemälde, die Werbungen und Lockungen des Evangeliums, all die Vorhöfe seines Heiligsten.

Wer seine Lust an den Vorhöfen des Herrn hat, dem vergeht schnell Lust auf das Haus des Nachbarn. Je mehr wir uns für die geistigen und geistlichen Dinge interessieren, desto weniger interessieren uns die materiellen Dinge.

Und die Lust am Evangelium springt über aufs Gesetz und wird zur Freude an der Tora.
Wohl dem, der nicht dem Rat der Frevler folgt und nicht auf den Weg der Sünder tritt, noch sitzt im Kreis der Spötter, sondern seine Lust hat an der Weisung des HERRN und sinnt über seiner Weisung Tag und Nacht. (Ps 1,1f)

Liebe Gemeinde, hier schließt sich der Kreis. Das 10. Gebot „Du sollst nicht begehren deines nächsten Eigentum“ nimmt unsere innere Verfasstheit in den Blick. Es schließt damit wieder am ersten Gebot an, das dies ebenso tut.

Wir haben die Zehn Gebote ein Manifest der Freiheit genannt. Das erste und das letzte Gebot hegen die Freiheit der Kinder Gottes. Das erste Gebot die geistige Freiheit, indem es mich an den einzigen Gott bindet, der Freiheit gewährt, der mich befreit von allerlei Göttern und Götzen, von Meinungen und Moden, von Ansprüchen und Ideologien, die uns in ihren Bann ziehen wollen. Geistige Freiheit!

Und das letzte Gebot schützt unsere Freiheit in materieller Hinsicht. Die Lust auf Gott und sein Wort macht mich frei vom Zwang, nach den Dingen der anderen zu schielen.

Wir lassen uns genügen an seiner Gnade und finden in Gott unser Vergnügen.

Amen

 

 
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