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Luthermythen

 
 
Luthermythen

"Hier stehe ich..." - und war doch ganz anders?

© Susanne Hacker - Ottmar Hörls Installation /FFFZ Düsseldorf

 

Zahlreiche Legenden ranken sich um Martin Luther. Das Forum "Hier stehe ich..." - und war doch ganz anders? am 17. Juni will aus kirchenhistorischer und systematisch-theologischer Perspektive ein zeitgemäßes Bild des Reformators entwerfen. Mit PD Dr. Alf Christophersen, Studienleiter der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt und Mitorganisator der Veranstaltung, sprechen wir im Vorfeld dieser Veranstaltung über die Notwendigkeit eines nüchternen Luther-Bildes.

 

Herr Christophersen, Sie wollen mit dem Abendforum "'Hier stehe ich …' - und war doch ganz anders?" Luthermythen zu Leibe rücken, die sich über Jahrhunderte gehalten und gefestigt haben. Welchen Wert haben diese Mythen heute?

 

Mythen sind stets ein Zeichen dafür, dass herausragende Ereignisse, Orte oder eben auch Personen Aufmerksamkeit intensiv durch die Zeiten hindurch binden. Wem jedoch daran gelegen ist, hinter die Fassade zu blicken und die Qualität des Historischen mit den Gestaltungen zu kontrastieren, die sich im Verlauf der Geschichte ereignet haben, der kommt um eine konsequente "Entmythologisierung" (Rudolf Bultmann) nicht herum.

Die Annahme aber, es dürfe keine Legenden geben und Mythen seien entsprechend zu beseitigen, halte ich für eine Illusion. Es kommt darauf an, ein reflexives Verhältnis zu Legendenbildungen zu entwickeln. Sie sagen sehr viel aus über die Bedürfnislage all' derer, die sie kreieren, vertreten und verbreiten - letztlich entspringen sie der jeweiligen Zeit und sollten auch so verstanden werden.

 

Welche Lutherlegende ist Ihre liebste?

 

Der Luther zugeschriebene, aber aus den Quellen nicht belegbare Ausspruch "Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.", gefällt mir persönlich ganz gut - ob er nun authentisch ist, oder nicht, ist zweitrangig. Eins ist sicher: Er passt zu Luther. Die hier angesprochene Problematik gilt ja übrigens auch für die Frage, welche "echten" Jesus-Worte in den Evangelien überhaupt überliefert sind! Da gibt es gewisse Strukturanalogien.

 

Trotzdem wollen Sie - aus kirchenhistorischer wie theologischer Perspektive - ein zeitgemäßes Bild des Reformators entwerfen. Welches sind dabei Ihre Schwerpunkte? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die zurzeit neu entflammte Diskussion um Luthers Antisemitismus?

 

Entscheidend ist, dass Luther auch als Theologe zur Sprache kommt. Wenn es gelingt, stets aufs Neue seine zentralen Einsichten zu entfalten und zu ergründen, dann werden auch konsequent Maßstäbe entwickelt, mit deren Hilfe Mythen- und Legendenbildungen analysiert werden können.

Sie sprechen die Antisemitismus-Debatte an: Hier ist es von maßgeblicher Bedeutung, zunächst historisch-kritisch zu prüfen, welche Haltung Luther wann, warum, wem gegenüber und wie vertreten hat. Dann ist zu fragen, welchen Stellenwert die antisemitischen Passagen des späten Luther im Verhältnis zu seinem Gesamtwerk haben. Auf dieser Basis sind anschließend die Deutungsgeschichte und die verhängnisvollen Wirkungen zu prüfen, die bis in die Gegenwart reichen.

Es muss möglich sein, in eine Art Dialog mit Luther einzutreten, in dem ihm auch massiv zu widersprechen ist. Auf jeden Fall erfordert es eine enorme Sachkenntnis, sich zu Luthers Judenfeindlichkeit so äußeren zu können, dass historischer Befund und wirkungsgeschichtliche Deutungen gleichzeitig in den Blick genommen werden können. Bei einer "Ethik des Erinnerns" kommt es darauf an, auch die gegenwärtigen moralischen Haltungen und Entwicklungen zu beurteilen, um sich wiederholenden zerstörerischen Ideologien und Menschenverachtung substanziell entgegentreten zu können.

 

Warum ist ein solcher nüchterner, erneuerter Blick auf Martin Luther aus heutiger Sicht von Bedeutung?

 

Es ist eine Stärke des Protestantismus, dass es in seinem Kontext und Geist gelingen kann, Debatten kontrovers zu führen und auszuhalten, ohne sofort danach zu suchen, wie der Diskurs am besten abgebogen, wenn nicht gar abgebrochen werden kann. Die Streitkultur ist ein herausragendes Kennzeichen des Protestantismus. Auch mit Luther lässt sich kreativ streiten und erst recht über Mythenbildner aller Art, die oft eher sich selbst im Blick haben, als den Reformator.

Um noch einmal ein Bespiel zu bringen: Es ist ein gern präsentierter Mythos, dass Luther die Kirchenspaltung beabsichtigt habe. Das ist nicht der Fall, aber die von ihm ausgelöste Reformationswelle lief - gerade auch aufgrund ihrer machtpolitischen Implikationen - mit einer ganz eigenen Zwangsläufigkeit und Dynamik darauf zu. Dieses Bewusstsein - jenseits des Mythos - muss im ökumenischen Dialog vorhanden sein, sonst werden nur die Trennungen der vergangenen Jahrhunderte prolongiert.

 

Die Tagung am 17. Juni beginnt um 19 Uhr und findet in der Französischen Friedrichstadtkirche statt. Sie wird von der Evangelischen Akademie zu Berlin und der Evangelischen Akademie Sachsen-Anhalt gemeinsam durchgeführt. Weitere Informationen und die Möglichkeit zu Anmeldung finden Sie hier.

 
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