Glaube als Grundhaltung und Grundhoffnung

Glaube als „Grundhaltung und Grundhoffnung“

Julia von Blumenthal zu ihrem Abschied als Vizepräsidentin

© Heide Fest

Die Gegensätze zwischen Stadt und Land, Zentrum und Peripherie zu bearbeiten, wird in unserer Gesellschaft wichtiger, sagt unsere scheidende Vizepräsidentin Julia von Blumenthal. Die künftige Präsidentin der Humboldt-Universität erkennt hierin eine bleibende Aufgabe der Evangelischen Akademie zu Berlin. In ihrem Abschiedsinterview spricht sie auch über den „unfreiwilligen Sprung“ der Akademie in die Zukunft und die Kraft des Glaubens als „Widerhaken“ gegen Pessimismus.

Als Vizepräsidentin der Akademie hatte von Blumenthal seit dem Ausscheiden von Präsident Paul Nolte an der Spitze der Gesellschafterversammlung gestanden. Der neuen Gesellschafterversammlung, die sich am 8. September konstitutiert, wird sie wegen ihrer neuen Aufgabe an der Humboldt-Universität nicht mehr angehören.

Drei Jahre haben Sie die Akademie als Vizepräsidentin der Gesellschafterversammlung beraten und begleitet. Welches persönliche Fazit ziehen Sie nach dieser Zeit?

Julia von Blumenthal: Ich durfte in einer Zeit mitwirken, die von großen Umbrüchen geprägt war. Die wichtigste Aufgabe bestand in dieser Zeit sicherlich darin, eine neue Direktion zu finden. Ich bin sehr froh, dass dies gelungen ist und dass sich die Akademie unter der Leitung von Dr. Friederike Krippner so gut entwickelt hat und weiter entwickelt. Friederike Krippner hat neue Akzente gesetzt und neue Formate auf den Weg gebracht. Ich bin dankbar, dass ich sie bei ihrem Start in das neue Amt begleiten durfte.
Ein beherrschendes Thema war natürlich auch die Covid-19-Pandemie. Wie viele Institutionen, die Veranstaltungen anbieten, stand auch die Akademie vor großen Herausforderungen. Zunächst gab es eine gewisse Lähmung, weil Präsenzveranstaltungen nicht mehr möglich waren. Doch dann entwickelte sich ein Bewusstsein für die digitalen Möglichkeiten und Formate. Diese haben ihre großen Vorteile gezeigt: Wenn Teilnehmende nicht reisen müssen, können Veranstaltungen bundesweit angeboten werden. Und vielleicht kam es dem einen oder der anderen auch gelegen, einfach nur am Rechner zu sitzen und zuzuhören, ohne selbst sichtbar zu sein. Gleichzeitig wurde uns umso bewusster, welche Stärke und Bedeutung persönliche Begegnungen haben. Ich möchte die digitalen und die präsentischen Formate nicht gegeneinander ausspielen; es wird immer zu entscheiden sein, welche Form für welchen Inhalt am besten geeignet ist. Fest steht, dass auch die Akademie durch die Pandemie einen „unfreiwilligen“ Sprung in die Zukunft getan hat.

Was möchten Sie der Akademie und ihren Mitarbeitenden mit Blick auf anstehende Herausforderungen mit auf den weiteren Weg geben?

Von Blumenthal: Aus meiner Sicht ist es wichtig, dass die Akademie immer wieder reflektiert, für welche Themen sie steht, und welche Themen sie aufgreifen möchte. Die Bandbreite der möglichen Beteiligungen an theologischen und politischen Debatten ist enorm. Es ist eine Stärke der Akademie, dass sie dieses große Spektrum in den Blick nehmen, und Verbindungslinien zwischen den Themen herstellen kann. Die Reflexion darüber, was – im Unterschied zu vergleichbaren Institutionen – das Ziel gerade der Evangelischen Akademie ist, bleibt ihre dauernde Aufgabe.

Eine weitere Herausforderung besteht darin, dass die Akademie ihre Strahlkraft nicht allein in der Hauptstadt behält und ausbaut. Sie ist auch die Akademie der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und hat als solche die Aufgabe, sich mit den Gegensätzen zwischen Stadt und Land, Zentrum und Peripherie zu beschäftigen. Die Akademie nimmt sich dieser Aufgabe an. Ich denke, dass die Auseinandersetzung mit diesen Themen in unserer Gesellschaft immer wichtiger werden wird.

Wird das Protestantische für Sie eine Rolle spielen im Blick auf Ihre neue Tätigkeit als Präsidentin der Humboldt-Universität?

Von Blumenthal: Das wird es sicher, aber auf eine andere Art als bei der Evangelischen Akademie. Dort muss man nicht begründen, warum man evangelisch ist, glaubt und bestimmte religiöse Überzeugungen hat. An einer Universität wird immer wieder neu ausgehandelt, welchen Stellenwert religiöse Überzeugungen haben sollen. Die Humboldt-Universität hat sich entschieden, ein säkularer Ort der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu sein - nicht im Sinne einer strikten Trennung von Religion, sondern der Offenheit für Theologien. Als Präsidentin stehe ich hinter dem Modell der offenen Universität. Persönlich erhalte ich durch mein Evangelisch-Sein eine ethische Grundierung, eine Vorstellung von der Verantwortung für die Welt, in der wir stehen.

Warum ist der evangelische Blickwinkel ein wichtiger für unsere Gesellschaft?

Von Blumenthal: Evangelisch-Sein ist ein Weg, Orientierung zu finden. Wir erleben gerade, dass sehr viele Menschen auf der Suche sind. Für mich ist der evangelische Glaube nie eine einfache Orientierung, sondern eine Grundhaltung und eine Grundhoffnung. Unsere Gesellschaft braucht eine Vorstellung von der Welt und vom Leben, die nicht dystopisch ist. Der Krieg in der Ukraine, die Bedrohung des Klimas auf der Erde – es gibt viele gute Gründe für Pessimismus. Glaube ist ein Widerhaken gegen diesen Pessimismus, er setzt ihm eine grundlegende Hoffnung entgegen.

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