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Predigt zum Dritten Gebot (2. Mose 20,7) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

 
 
Dr. Matthias Loerbroks am 15. April 2012 in der Französischen Friedrichstadtkirche

Predigt zum Dritten Gebot (2. Mose 20,7) in der Predigtreihe „Klare Worte“ zu den Zehn Geboten

Dr. Matthias Loerbroks am 15. April 2012 (PDF-Dokument, 34.2 KB)

 

Das Evangelium geht dem Gesetz voraus, die frohe Botschaft vom Schilfmeer, die Befreiung aus der Sklaverei geschieht vor der Offenbarung der Gebote am Sinai. In Israel kann darum kein Mensch auf die Idee kommen, die auch außerhalb Israels abwegig ist, man müsse sich erst im Tun der Gebote bewähren, ehe man dann und daraufhin, als Belohnung, auf Gottes befreiendes Handeln hoffen dürfe. Es ist umgekehrt. Der Gott Israels hat sich bewährt, hat sich mit der Sklavenbefreiung einen Namen gemacht, seinen Namen. Doch er hält sein Volk nicht für klüger, anders als das Vorurteil bis heute will, nicht für politisch begabter als andere Völker, überlässt es nicht seiner Autonomie, also selbstgemachten Gesetzen. Ohne Weisungen und Richtlinien, so meint er, würde es bald wieder in Sklaverei geraten. Und für diese Vermutung hatte er auch Anhaltspunkte. Dieses Volk war ja nicht freiheitsdurstig auf die Barrikaden gegangen, es musste fast in die Freiheit geprügelt, jedenfalls kräftig gedrängelt werden. Die zehn Gebote, und die vielen anderen auch, sollen bewirken, dass das Volk bei seiner Freiheit bleibt und bei seinem Befreier. Und der glaubt nicht an eine abstrakte Freiheit ohne Ziele, ohne Inhalt, die nur darin besteht, dass mir niemand was zu sagen hat und mir tatsächlich niemand was sagt, was eher nach bitterer Einsamkeit klingt als nach lebhafter, lebendiger Freiheit. Befreiung ist in der Bibel Alten und Neuen Testaments Befreiung zum Dienst – befreit vom Sklavendienst, befreit zum Gottesdienst: lass mein Volk frei, dass es mir diene, hatte der Gott Israels dem Pharao ausrichten lassen.

Auffällig und nachdenkenswert bei dieser Weisung ist: ehe sie aufzeigt, worauf unter den Menschen besonders geachtet werden muss, damit die neu gewonnene Freiheit nicht verspielt wird, geht es in den ersten drei Geboten um die Bewahrung, den Schutz von Gottes Freiheit. Wo Gottes Freiheit gefährdet ist, eingeschränkt wird, wo Menschen versuchen, ihn für eigene Ziele einzuspannen, sich seiner zu bemächtigen – da ist auch die Freiheit der Menschen in Gefahr. Nicht alle, aber viel Gewalt beginnt damit, dass Menschen gewaltsam über ihn verfügen, ihn also vergewaltigen, kidnappen, hijacken. Und diese Gefahr gibt es in jeder Religion. Die Freiheit Gottes, seine Bewegungsfreiheit ist gefährdet, wo wir versuchen, ihn zu kombinieren, in Koalitionen zu zwängen mit allem möglichen Anderen, was uns auch noch wichtig oder sogar heilig ist, was auch noch unseren Respekt, unseren Gehorsam verlangt: irgendwelche Werte und höchsten Güter, tiefste Wahrheiten, Autoritäten. Wir gefährden seine Einzigartigkeit, seine Originalität, also seine Freiheit, sich von anderen Mächten zu unterscheiden. Die Freiheit Gottes, seine Lebendigkeit, seine Spontaneität wird eingeschränkt, wo wir versuchen, ihn auf bestimmte Bilder und Vorstellungen, auf einen Gottesbegriff festzulegen: der immer bloß liebe Gott, der also nie zornig sein darf; oder umgekehrt: der Richter, streng und gerecht, der nie sich erbarmen, seinen Zorn bereuen kann; ein Vater, der schon als solcher nicht Mutter sein kann; der mächtige König der Ehren, der partout nicht schwach sein kann, nicht jammern und klagen darf. Mit solchen Gottesbildern und Gottesbegriffen versuchen wir, uns vor überraschenden, vielleicht auch bestürzenden Gotteserfahrungen zu schützen. Aber damit nageln wir ihn fest, legen ihn lahm, machen ihn unwirksam – nicht mehr mit ihm, dem Lebendigen haben wir dann zu tun, nur noch mit unserem Produkt: mit unseren Wunsch- oder Angstvorstellungen, unserem Bild von Gott.

Das gilt nun auch für unser heutiges Thema, für den Umgang mit seinem Namen. Namen haben in der Bibel oft programmatische Bedeutung. Kain, der Erworbene, Abel, der Hauch; Noah, der Tröstende; Isaak – Lachen; Samuel – Gott hört; Saul, der Erwünschte, Erbetene. Manchmal wird diese Bedeutung noch unterstrichen durch eine Umbenennung: Abram wird Abraham, weil er zum Vater vieler Völker werden soll, und Sarai zu Sara, zur Fürstin; Jakob, der Fersenhalter, Fersenschleicher, Jakob, der Lügner, wird zu Israel, zum Gotteskämpfer, Gottesstreiter; Simon wird Petrus: der notorisch Schwankende, Wankende soll Fels der Gemeinde werden. Die Geschichte von Saulus-Paulus gehört übrigens, entgegen hartnäckigen Gerüchten, nicht dazu, aber das ist eine andere Geschichte, an anderer Stelle zu klären.

Auch Gottes Name bedeutet etwas. Zunächst und formal schlicht das, wozu jeder Eigenname dient: dass er sich mit diesem Namen von anderen Mächten, Gestalten und Wahrheiten unterscheidet. Dieser Gott ist nicht das ganz Allgemeine, das All oder das, was hinter allem, über allem Wirklichen, allem Physischen ist, das Metaphysische, der Gott der Philosophen. Er ist jemand ganz besonderes. Und noch etwas gilt für seinen wie für alle Namen: der Name macht ihn anrufbar, erreichbar. Dieser Gott ist kein stummes und schon darum rätselhaftes Schicksal, er lässt sich ins Gespräch ziehen. Wer betet, redet nicht ins Leere. Das wird noch deutlicher durch die inhaltliche Bedeutung dieses Namens. Ich werde sein, werde da sein, dabei sein, als der ich da sein werde, so hatte die Stimme aus dem brennenden Dornbusch den Namen gedeutet. Früher wurde diese Selbstvorstellung tautologisch mit Ich bin, der ich bin übersetzt und als Auskunftsverweigerung gedeutet, als habe Gott auf Moses Frage nach seinem Namen rumpelstilzchenartig „Sag ich nicht“ gesagt. Aber das ist nicht einmal die halbe Wahrheit. Der Name ist vor allem eine Zusage, ein Versprechen, eine Verheißung: Siehe, ich bin bei euch alle Tage. Wie, in welcher Gestalt, Art und Weise er dabei sein wird, das lässt er offen, behält er sich vor, da ist er für Überraschungen gut, da bewahrt er sich, das ist das Wahrheitsmoment jener alten Deutung, seine Freiheit. Ähnlich verhält es sich mit einer anderen Selbstdeutung seines Namens: barmherzig und gnädig, geduldig und von großer Güte und Treue. Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, sagt er in diesem Zusammenhang, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Das ist nicht die Auskunft eines willkürlichen, launischen Diktators. Er sagt nicht, auch wenn er manchmal so verstanden wurde: wem ich gnädig bin, bin ich gnädig, und wem ich ungnädig bin, dem bin ich ungnädig. Sondern die Selbstvorstellung eines in Freiheit Liebenden, in der Liebe Freien.

Schon zuvor hatte er sich durch Selbstbindung definiert als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs-Israels, sich an die immer wieder prekäre Kette der Zeugungen und Geburten, an die Folge der Generationen dieses Volkes gebunden. Es ist darum einstweilen fraglich, ob wahr ist, was oft leichthin behauptet wird: dass die drei abrahamitischen Religionen denselben Gott anrufen. Der Islam akzeptiert diese Selbstdefinition Gottes nicht, spricht von einer anderen Generationenfolge.

Der Name Gottes ist nicht nur sein Versprechen dabei zu sein, er ist selbst dieses Dabeisein. Er lässt seinen Namen einwohnen im Tempel, er, den alle Himmel nicht fassen können, legt sich freiwillig fest auf einen bestimmten Ort auf der Erde, macht sich dort erreichbar, und diese Einwohnung, so hat es der Prophet Ezechiel geschaut, geht dann auch mit ins Exil. Ein bekanntes biblisches Vertrauensvotum lautet darum: er führt mich auf rechter Straße um seines Namens willen, bewährt die Zusage dieses Namens. Umgekehrt ruft Israel in Bedrängnis: Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen gib Ehre um deiner Güte und Treue willen! Warum sollen die Völker sagen: wo ist denn ihr Gott? Und Israel soll seinerseits diesen Namen nicht nur anrufen, sondern ihn, wie schon Abraham, auch ausrufen, nämlich unter den Völkern seine befreienden Taten verkünden, von seinen Wundern erzählen. Die erste Bitte im Vaterunser bittet darum, dass sein Name geheiligt wird, vor den Bitten darum, dass sein Reich komme, sein Wille geschieht, vielleicht aber auch parallel und gleichbedeutend mit diesen Bitten. Heiligung des Namens, Kiddusch HaSchem, wurde im Judentum zur Bezeichnung dessen, was im Christentum Martyrium heißt.

Auch zu Beginn der zehn Gebote meldet sich Gott mit seinem Namen: Ich bin adonai, der HERR, der Ewige, der Ich bin da, und fügt hinzu: dein Gott, der dich befreit hat, legt sich fest auf diese parteiliche Bundesgenossenschaft, will nicht neutraler Vermittler und Schlichter sein im Konflikt zwischen Sklaven und Sklavenhaltern. Aber seine Zusage, dabei zu sein, mitzugehen, ist seine freie Entscheidung, sich zum Bundesgenossen von Menschen zu machen, sich zu solidarisieren, Treue zu halten. Ganz etwas anderes ist es, wenn Menschen versuchen, ihn zu beschlagnahmen, ihn zu benutzen, um mit seiner Hilfe etwas zu erreichen, durchzusetzen, was sie ohnehin wollen, ohne ernsthaft nach seinem Willen zu fragen. Dann ist Gott nicht mehr frei, sondern nur noch ein kleiner Funktionär, der bestimmte, von uns bestimmte Aufgaben zu erledigen hat. Das ist Missbrauch seines verheißungsvollen Namens. Es ist Missbrauch des Namens, wenn die konservative Partei unseres Landes sich nicht konservativ nennt, sondern christlich, und ihre Vorsitzende sogar von einer christlich-liberalen Koalition spricht.
Über Missbrauch wurde in den letzten Jahren Entsetzliches berichtet und quälend diskutiert, meist geht es um sexuellen Missbrauch, dabei aber immer auch um Missbrauch, um Ausnutzung von Macht, um mehr oder weniger gewaltsame Bemächtigung, Zerstörung von Beziehungen, von Vertrauen. Aber auch wo von Alkohol- und Medikamentenmissbrauch die Rede ist, geht es um Gewalt und Zerstörung, mindestens Selbstzerstörung, meist aber auch Zerstörung von Beziehungen. Das Gebot, den Namen nicht zu missbrauchen, soll Gott vor solch gewaltsamer Bemächtigung schützen, soll unsere Vertrauensbeziehung zu diesem Gott vor der Zerstörung bewahren. Die ersten drei Gebote, die Gottes Freiheit verteidigen, besonders aber dies dritte, schärfen das religionskritische Zeugnis der Bibel ein.

Der HERR wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht – wir müssen uns da keinen grollend und zornig strafenden Gott vorstellen, zumal wir ja gerade vor selbstgemachten Gottesbildern, Gottesvorstellungen gewarnt wurden. Es ist schlicht so: den Namen zu missbrauchen, rächt sich. Wir berauben damit nicht nur Gott seiner Freiheit, wir berauben uns selbst unseres Befreiers, verlieren Gott als unseren freien Bundesgenossen, vor allem: als unser freies Gegenüber, bleiben unter uns, bleiben mit den Produkten unserer religiösen Produktivkraft allein, reden ins Leere oder mit uns selbst, machen Gott mindestens mundtot, wenn nicht ganz tot, geraten in Teufelsküche, verstricken uns in Teufelskreise.

Doch darin zeigt sich umgekehrt auch das Evangelium, das Verheißungsvolle, das Befreiende dieses Gebots: es zu befolgen und darum auf die gewaltsame Gottesbemächtigung zu verzichten, lohnt sich. Wer auf die Zusage dieses Namens traut, wird was erleben, wird den Gott Israels immer wieder als Befreier erleben – auch aus Teufelskreisen –, wird darum etwas weniger ängstlich und eng, etwas mutiger, neugieriger. Unsere Seele ist entronnen wie ein Vogel dem Netz des Vogelfängers; das Netz ist zerrissen, und wir sind frei. Unsere Hilfe ist im Namen des HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.

Amen.

 

 

 
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