"Vater der Vergangenheitsbewältigung"

Biographie von Erich Müller-Gangloff, des ersten Leiters der Akademie

Einen "Propheten deutscher Nach-Weltkriegspolitik" hatte der frühere Berliner Bischof Kurt Scharf den Publizisten Erich Müller-Gangloff (1907 – 1980) genannt. Die Biographie des „engagierten Laienchristen“, die Ulrich Luig erzählt, zeigt ihn als profilierten Wegbereiter für Versöhnung und Frieden im geteilten Nachkriegsdeutschland. Die Biografie „Friedenspolitik in der Nachkriegszeit“ ist zugleich die Geschichte der ersten 20 Jahre der Evangelischen Akademie zu Berlin.

Erich Müller-Gangloff leitete die Akademie von 1951 bis 1970. Er machte sie zu einem wichtigen Gesprächsforum für aktuelle Fragen der Zeit, für Frieden und Versöhnung in Ost- und Westdeutschland. Zum Leitmotiv seiner Arbeit wurde das von ihm geprägte Wort von der "Vergangenheitsbewältigung", der Aufarbeitung der in deutschem Namen begangenen Verbrechen und des Krieges. Für den Christen Müller-Gangloff war dies eine ins Gesellschaftspolitische gewendete Form von Buße und Umkehr, die Nach-Denken und zukunftsorientiertes Handeln erforderte.

Dementsprechend wählte Erich Müller-Gangloff hellsichtig die Themen für Tagungen, deren Resonanz oft weit über die Berliner Akademie hinausgingen und die Maßstäbe in ganz Deutschland setzten: deutscher Widerstand gegen Hitler und Versöhnung mit den Juden, atomare Aufrüstung und die Kluft zwischen Nord und Süd, die Situation der Kirche und der Auftrag der christlichen Laien, Berlin und die deutsche Teilung, Versöhnung mit den östlichen Nachbarn und die Zukunft Europas. Zunehmend wichtig wurde für ihn, vom Reden zu Not-wendigem Handeln zu kommen. So gründete und begleitete er 1957 gemeinsam mit Lothar Kreyssig die Aktionsgemeinschaft "Für die Hungernden" (heute "Aktionsgemeinschaft Solidarische Welt") sowie die Friedensdienste "Aktion Sühnezeichen" (1958) und "Weltfriedensdienst" (1959). 1967 kam der "Comenius-Club" als Forum für die Begegnung mit den östlichen Nachbarn Deutschlands hinzu.

Eingebettet in kurze Darstellungen der jeweiligen politischen Entwicklungen zeichnet der Biograph ein lebendiges Bild vom Lebens- und Entwicklungsweg dieses ungewöhnlichen Mannes und "seiner" Evangelischen Akademie in Berlin. Durch die in den Text eingebundenen Zusammenfassungen von Müller-Gangloffs wichtigsten Publikationen werden Kontinuitäten und Entwicklungen in seinem Denken nachvollziehbar, das oft seiner Zeit voraus war. So enthalten seine Einsichten und Positionen auch heute noch bemerkenswerte Anstöße für Christen in einer säkularen Welt.

„Auch wenn sich die Zeiten gewandelt haben und die heutige Evangelische Akademie zu Berlin auf eine wechselvolle Geschichte zurückblickt, sind viele der grundlegenden Erkenntnisse, die Erich Müller-Gangloff der Akademiearbeit zugrunde gelegt hat, bis heute gültig und wert, immer wieder reflektiert zu werden“ sagt Rüdiger Sachau, Direktor der Akademie. Nach dem Ende des Kalten Krieges, der Zeitspanne, die Müller-Gangloffs Denken maßgeblich geprägt hatte, und nach der Transformation der Länder des ehemaligen Ostblocks bleibe die Aufgabe der Erinnerung an die Schuld der Vergangenheit ebenso wie die immer neue Suche nach Verständigung aktuell. Auch der Dialog zwischen Juden und Christen werde in einer neuen, jüngeren Generation neu zu bestimmen sein.

Ein wesentlicher Baustein des Denkens und der Arbeit Müller-Gangloffs, so Sachau, sei gegenwärtig allerdings nur schwach ausgebildet: „Er hat immer davon geträumt, dass die Akademie auch ein Ort lebendiger Gemeinschaft sein sollte.“ Darum habe Müller-Gangloff die damalige Zeitschrift der Akademie „Kommunität“ genannt. Von diesem Grundgedanken sei unter den heutigen Bedingungen einer durch Mobilität und schneller Kommunikation bestimmten Akademiearbeit wenig zu spüren, bedauert Sachau. „Vielleicht ist dies aber eine der wichtigen Herausforderungen für das Christentum des 21. Jahrhunderts.“

Ulrich Luig: „Friedenspolitik in der Nachkriegszeit, Erich Müller-Gangloff (1907 – 1980) und die Evangelische Akademie Berlin“, erschienen bei: Books on Demand GmbH, Norderstedt, www.bod.de, ISBN: 9783844801583, 148 Seiten, 12,80 Euro.

Der Freundeskreis der Evangelischen Akademie lädt zu einem Vortragsabend über den Akademiegründer Müller-Gangloff mit Dr. Ulrich Luig am Montag, 11. Juni 2012, 19.00 Uhr ein.
 

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