Werke der Künstlerin Andrea Gubisch

Von der Form zum Inhalt

Werke der Künstlerin Andrea Gubisch in der Evangelischen Akademie

© Andrea Gubisch

„Am Anfang war das Wort“, lesen wir im Johannes-Evangelium. Der Satz ist wohlbekannt und gewichtig. Die Künstlerin Andrea Gubisch hat ihn in immer wieder geschrieben, gezeichnet, zerlegt und neu zusammengesetzt, die Buchstaben gestapelt, Reliefs angelegt und abgetragen, um letztlich unter die Oberfläche zu gelangen. Die Flächen haben ein Eigenleben entwickelt, ihre Gedanken geführt und Gefühle geweckt. “Ich habe nichts und möchte Dir alles zu Füßen legen.“ Andrea Gubisch trennt den Sinn vom Medium und das Wort von der Schrift. Sie fragt: Was geschieht, wenn allein die Graphik bleibt? Und sie lädt dazu ein, ihren Erkundungen jenseits der Worte zu folgen. Die Evangelische Akademie zeigt in ihren Räumen Arbeiten von Andrea Gubisch.

Andrea Gubisch erforscht in ihren Papier-, Acryl- und Fotoarbeiten, in welchem Verhältnis Form und Sinn zueinander stehen. Sie bildet Buchstaben in der allgegenwärtigen und betont schlichten Computerschrift Arial ab. Diese Abbildungen könnten unterschiedlicher kaum sein – nicht allein die Größe variiert: Als hauchzarte Scherenschnitte aufgespießt wie exotische Schmetterlinge hängen Buchstabenreihen in kleinen Rähmen. Daneben ziehen schwarzgelackte großformatige Wortfragmente die Blicke auf sich. Mit dem Eddingstift auf Karton gezeichnet entspricht die Schrift in einer anderen Arbeit unseren Seh- oder Lesegewohnheiten. Dem Üblichen entzieht sich dieselbe Buchstabenformation, sobald Andrea Gubisch hauchdünne, bedruckte Stoffbahnen in Wellen legt und die Buchstabenberge und -täler des Vlies´ abfotografiert. Der Betrachter erlebt in all den handwerklich präzise ausgeführten Werken statt des klassischen Schwarz aus der Druckwerkstatt Schattierungen, ohne vordergründig mit Farben konfrontiert zu werden. Gleich in welcher Erscheinungsform – die Zyklen „Hostias“ und „worauf es ankommt…“ rücken Schönheit, Dynamik und Statik der Schrift in ein neues Licht. Die Buchstaben verselbständigen sich, erheben sich über das Wort und formieren sich zum Bild – und plötzlich sagen sie das Ungesagte.      

Sie sei ein Formenmensch, sagt Andrea Gubisch. Die Form der Buchstaben bringt sie zunächst zur Geltung, indem sie Buchstaben vom Text befreit – nicht wahllos, auch nicht auf den dekorativen Effekt bedacht, sondern bewegt von der Frage, was die Gestalt der Lettern über den Text hinaus bedeutet. Damit korrespondiert ihre künstlerische Neugier mit dem Ideal unserer Akademie-Arbeit. Die intensive Auseinandersetzung mit einem Sinnzusammenhang, das Abschreiben und die Wiederholung führe sie zu einem neuen Rhythmus, zu einer unbekannten Schwingung sattsam bekannter Worte. Ihre Text- und Buchstabenerkundung hat Andrea Gubisch im Jahr 2003 zeichnerisch begonnen und in unterschiedlichen Reproduktionstechniken weiterentwickelt. Mit dem Text „Hostias“, den Mozart in seinem Requiem zum Klingen bringt, habe sie lange hantiert, sich ihm hingegeben und ihn wie ein Gebet unzählige Male wiederholt. Sie erlebe die Zeilen nach Jahren der Erkundung wie einen Traum, wie einen Spaziergang zwischen den Buchstaben. Der Text „Hostias“ werfe Schatten, sie schreite seine Bedeutung ab und gerate tiefer hinein: “Ich habe nichts und möchte Dir alles zu Füßen legen.“ Die auf das Graphische reduzierte Darstellung, die übereinandergelegten, plastisch gewordenen Lettern führten sie zu einer ungestörten Wahrnehmung des Opferns, zu Klarheit. „Ich lasse alles Überflüssige und Bekannte weg und finde, was mir wertvoll ist“, beschreibt die bildende Künstlerin Andrea Gubisch diesen Prozess.

Andrea Gubisch, 1972 in Frankfurt an der Oder geboren, hat ein Meisterschülerstudium bei Günter Hornig an der Hochschule für Bildende Kunst in Dresden absolviert, an der Grafischen Werkstatt Salzburg gearbeitet sowie einen Master of Arts am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin erworben. Als Zeichnerin war sie an archäologischen Projekten in Syrien und Pakistan beteiligt. Werke von Andrea Gubisch werden im In- und Ausland gezeigt, das Goethe-Institut hat u.a. in Syrien Ausstellungen realisiert. Andrea Gubisch lebt in Berlin und auf Mallorca. 

Text: Jacqueline Boysen

 

 

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