Rüdiger Sachau über die Evangelischen Akademien in Deutschland

„Räume konzentrierten Nachdenkens bieten“

Rüdiger Sachau über die Evangelischen Akademien in Deutschland

© EAzB

Welche Rolle spielen Evangelische Akademien in unserer Gesellschaft? Was hat sich geändert, welches sind die Herausforderungen der Zukunft? Als Vorsitzender der Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD) analysiert Rüdiger Sachau die Situation der Akademien. Ein Gespräch in Berlin.

Herr Sachau, wie würden Sie die die Aufgabe der Evangelischen Akademien in der Vergangenheit beschreiben?

Rüdiger Sachau: Nach Ende des Krieges etablierten sich die Evangelischen Akademien als Orte des Gesprächs, wie es sie anderswo noch nicht gab. Das Konzept der Akademietagung, bei der an einem Thema Interessierte unter dem Dach der Kirche zusammenkommen, war damals unverbraucht und sehr wirksam. Ich bin sicher, dass die Kirchen durch die Arbeit ihrer Akademien wichtige Beiträge im Entstehungsprozess der Bundesrepublik geleistet haben.

Haben die Akademien heute keinen so großen Wirkungskreis mehr?

Sachau: Die Idee der Tagung als sozialer und diskursiver Ort ist inzwischen vielfach kopiert. Das ist gut so, denn erfolgreiche Konzepte sollen sich verbreiten. Allerdings verbindet sich mit dieser Entwicklung ein Inflationseffekt: Die Evangelische Akademie ist nur noch ein Ort unter vielen, die ebenfalls Tagungen und Diskussionsforen anbieten. Das stellt uns vor ein konzeptionelles Problem und vor die Frage nach dem Profil, das wir als Evangelische Akademien ausbilden wollen und müssen.

Wie könnte so ein besonderes Profil aussehen?

Sachau: Ich bin der Überzeugung, dass es uns gelingen muss – und teilweise ja auch schon gut gelingt -, insbesondere die Menschen zu erreichen, die Verantwortung in unserer Gesellschaft tragen. Das sind nicht nur Vertreterinnen und Vertreter aus Kirche, Politik, Wirtschaft, Verbänden und Interessengruppen, sondern alle, die sich aktiv in die Zivilgesellschaft einbringen. Wir laden sie ein in Räume des konzentrierten gemeinsamen Nachdenkens jenseits des täglichen Entscheidungsdrucks. Unser besonderes Pfund, mit dem wir dabei wuchern können, ist der Rückbezug auf das Evangelium. Ein Bibelwort ist zunächst ein Fremdkörper in politischen, gesellschaftlichen oder ethischen Diskussionen. Es kann einen Diskurs brechen, es kann verstörend wirken, aber auch bereichernd sein und neue Schlaglichter auf aktuell wichtige Debatten werfen.

Die Akademien fördern also die Entwicklung unserer Gesellschaft, indem sie Entscheidungsträger unterstützen?

Sachau: Ich glaube, dass viele Verantwortungsträgerinnen und –träger, die in der Öffentlichkeit stehen, es schätzen, wenn ihnen Räume der Nachdenklichkeit geboten werden. Gerade ihnen ist es zu wünschen, dass sie sich nicht nur präsentieren müssen, sondern zuhören und innehalten können. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Tagungen die größte Tiefe erreichen, wenn wir für die Gesprächsfähigkeit der Gruppe sorgen. Das gelingt durch gezielte Einladungen und die Begrenzung der Gruppengröße wie auch des zeitlichen Aufwands.

Auch die zunehmende Medialisierung hat die Rolle der Evangelischen Akademien verändert…

Sachau: … und zwar ganz wesentlich. Das den Akademien „ureigene“ Format des Streitgesprächs hat – erst im Hörfunk, dann im Fernsehen - mit der Talkshow eine Kopie gefunden, die die ursprüngliche Qualität des Formates korrumpiert: Der allergrößte Teil der Talkrunden, die jederzeit und überall abrufbar sind, haben nicht die Authentizität eines substantiellen Austauschs, sondern sind schlicht inszeniert. Dem mit einer niveauvollen, authentischen Gesprächskultur entgegenzuwirken ist nicht leicht.

Dazu kommt, dass sich Kommunikation insgesamt unter veränderten Bedingungen vollzieht. Die alten und erst recht die neuen Medien machen die Rezeption von Gesprächen unabhängig vom Ort der jeweils Beteiligten möglich.

Was bedeutet das für die Arbeit der Akademien?

Sachau: Wir haben nun die Aufgabe, neu darüber nachzudenken, welche Formate das diskursive, substantielle Gespräch voranbringen. Im Augenblick bedeutet das, dass wir vieles ausprobieren und lernen, was uns voranbringt. Natürlich experimentieren wir mit den neuen Medien, schalten Gesprächspartner unter Umständen per Skype in eine Diskussion zu, bieten kürzere Tagungsformate an, immer häufiger in der Stadtmitte. Wichtig ist, dass wir wachsam bleiben und beobachten, wie sich das Kommunikationsverhalten weiter entwickelt. Sonst werden wir nicht nur abgehängt vom allgemeinen gesellschaftlichen Diskurs, wir verlieren die Möglichkeiten, in die Gesellschaft hinein zu wirken.

Können kürzere Tagungen, schnelle „Diskussionshäppchen“ überhaupt noch Wirkung entfalten?

Sachau: Ich bin da sehr zuversichtlich. Drei konzentriert gestaltete Stunden können drei sehr wichtige Stunden sein, zumal für Entscheidungsträger. Die „Fenster der Nachdenklichkeit“ werden zwar kleiner, aber nicht unbedingt schlechter. Natürlich muss sich die Zahl der Teilnehmer danach richten. Und wir müssen sehen, wo wir unsere Angebote platzieren. Die Akademie Arnoldshain beispielsweise ist in die Großstadt Frankfurt umgezogen, in Bonn werden Veranstaltungen und Tagungen künftig unabhängig von einem festen Tagungsort mobil angeboten. Auch das Internet spielt eine zunehmend größere Rolle, als virtueller Ort, an dem Tagungen – zum Beispiel durch die Archivierung von Diskussionsbeiträgen - über den Tag hinaus effektiv sein können. Die „Nachlese“ auf unserer Website ist eine wunderbare Fundgrube für spannende Tagungsbeiträge und –ergebnisse.

Welche Rolle spielen die Akademien im innerkirchlichen Kontext?

Sachau: Auch hier hat sich eine Veränderung vollzogen. In den 50er und 60er Jahren verstanden die Akademien sich auch als eine Art „innerer Opposition“ zur verfassten Kirche, deren Aufgabe es war, der Institution durchaus auch einmal einen Spiegel vorzuhalten. Inzwischen ist dieses Verhältnis zu den Landeskirchen und in unserem Falle auch zur EKD ein gewandeltes: Wir verstehen uns als weiterhin als kritische Mitdenker, aber zugleich sind wir viel deutlicher Anwälte der kirchlichen Anliegen. Think Tank ist vielleicht ein zu großer Begriff, aber wir laden ein in inhaltlich gefüllte Räume des konzentrierten Nachdenkens und bieten Raum für den notwendigen Diskurs zwischen Kirche und Gesellschaft.

 

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