Vortrag Nolte Irritationen

„Irritationen der Zivilgesellschaft “

Vortrag von Paul Nolte bei der EKD-Synode

© Andreas Schoelzel

Protestbewegungen wie „Pegida“ missbrauchen das Christentum zur Legitimation für die Abwehr einer offenen Gesellschaft und fordern evangelische Christen damit zur Positionsbestimmung. Dies betonte Dr. Paul Nolte, Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin, in seinem Vortrag „Irritationen der Zivilgesellschaft. Protest, Entfremdung, Gewalt“ bei der Synode der EKD am 1. Mai in Würzburg.

Der Protestantismus habe die Entwicklung nach 1945 hin zu einer „partizipatorischen Demokratie“ mitvollzogen und wesentlich befördert, so der Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin. Der Begriff der Zivilgesellschaft sei dabei zugleich „als die ‚gute Seite‘ von Gesellschaft und Politik“ hochgradig normativ aufgeladen worden. Daher ist die vielfach verbreitete Irritation über die „schmutzige Seite der Zivilgesellschaft“, die sich durch Populismus, kurzsichtiges Eigeninteresse, Ressentiment und Gewalt zeigt, Nolte zufolge „gut erklärbar“.

Der Historiker, der Mitglied der 12. Synode der EKD ist, wies aber auch darauf hin, dass solche Seiten im längeren historischen Rückblick schon früher hervorgetreten sind, etwa im Blick auf den auch christlichen „Aktivismus“ in Deutschland, der sich protestierend, ausgrenzend und gewaltsam gegen Juden richtete. Der neue deutsche Populismus ist aus Noltes Sicht daher „eher die Wiederkehr älterer Phänomene“. Gleichwohl spiegle dieser neue Populismus auch Veränderungen, die sich in Gesellschaft, Politik und Kultur vollzogen haben. Der Historiker weist in diesem Zusammenhang auf die Auflösungsprozesse gesellschaftlicher Milieus und den Mitgliederschwund in verbandsförmigen Organisationen hin. Vertreter der Politik und Eliten würden nicht mehr als Repräsentanten, sondern potenziell feindliches Gegenüber angesehen, die digitalen und „sozialen“ Medien unterstützten auch einen anti-elitären und populistischen Trend. Nolte diagnostiziert, dass mit dem neuen Populismus oft auch verschwörungstheoretische Denkmuster verbunden sind, in denen auch Religion eine Rolle spielt.

Als gemeinsamen Nenner all dieser Phänomene macht er „die Überforderung durch Komplexität, Vielfalt und Beschleunigung der Moderne“ aus. In Bewegungen wie „Pegida“ zeige sich der Protest derjenigen, die sich vom Mainstream sehr dynamischer Veränderungsprozesse der letzten Jahrzehnte – „von der Globalisierung bis zur ethnischen Heterogenität durch Migration“ – abgekoppelt fühlten. „Darin drückt sich eine gefährliche Spaltung der Gesellschaft aus“.

Religion und Glaubensüberzeugungen werden Nolte zufolge vor diesem Hintergrund „zum Medium des Ausdrucks von Überforderung“. Sie versuchten eine Einheitlichkeit der Welt wiederherzustellen; als Folge zeigten sich vermehrte „Schuldzuweisungen“ an Religion als Quelle von Intoleranz, Hass und Gewalt.

Als Konsequenz der beschriebenen Phänomene sieht er die evangelische Kirche zu einer „entschiedenen Verteidigung der demokratischen ‚Obrigkeit‘“ herausgefordert. Zu stärken seien außerdem die „Vernunftpotenziale von Religion“: „Evangelischer Glaube und evangelische Sozialethik sind mit verschwörungstheoretischen Untergangsszenarien schwer vereinbar. Aus Heilsvertrauen kommt Weltvertrauen und Arbeiten an der Welt“, sagte Paul Nolte und betonte, dass Religion zivilisiere, sich selber aber dem Anspruch der Zivilisierung stellen müsse. „Sie ist selbstverständlicher Teil der Welt und ihrer öffentlichen Sphären, aber taugt nicht zur Überwältigung der Welt“.

Eine Zusammenfassung des Vortrags in Thesen finden Sie hier (PDF-Dokument, 93.8 KB).

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