Weizsäcker ist jetzt Geschichte

Berliner Tagung reflektiert Leben und Werk des früheren Bundespräsidenten

Weizsäcker ist jetzt Geschichte

© EAzB

Berlin (epd). Als großer Staatsmann und Protestant wurde Richard von Weizsäcker vor gut zwei Monaten betrauert. Wissenschaftler und Zeitgenossen haben sich seinem Jahrhundertleben nun respektvoll, aber durchaus auch kritisch genähert.

Richard von Weizsäcker wäre am 15. April 95 Jahre alt geworden. Nach seinem Tod am 31. Januar trafen sich erstmals Wegbegleiter, Historiker und Journalisten zum Fachgespräch, um sein Leben und Wirken einzuordnen. "Erste Schritte zu einer Historisierung Weizsäckers" nannte es Zeitgeschichtler Paul Nolte, der Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin. Die Akademietagung in Berlin war lange geplant - ursprünglich im Beisein des Jubilars. Nun musste die Expertenrunde, die am Samstag zu Ende ging, auf mögliche Einwürfe und Kommentare des früheren Bundespräsidenten verzichten.

Nachdem Weizsäcker in vielen Nachrufen als Jahrhundertgestalt gewürdigt wurde, verlief die Berliner Annäherung an den Staatsmann respektvoll, aber durchaus kritisch. Schon zu Lebzeiten haben sich Historiker mit Weizsäcker auseinandergesetzt: In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen hatte er als junger Jurist bei der Verteidigung seines Vaters Ernst geholfen, der den Nazis als Staatssekretär gedient hatte.

In die Geschichtsbücher eingegangen ist Weizsäcker auch mit seiner berühmten Rede vom 8. Mai 1985. Zum 40. Jahrestag hatte er als erster deutscher Spitzenrepräsentant das Ende des Zweiten Weltkriegs als Befreiung bezeichnet - und den Blick damit von der Perspektive des Zusammenbruchs des Deutschen Reiches weggelenkt.

Der Direktor des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, sagte, der damalige Bundespräsident habe in dieser Rede mit empathischer Erinnerung an die Opfer der NS-Verbrechen den Weg zur Versöhnung geebnet. Während die umfassende Nennung der verschiedenen Opfergruppen des NS-Terrors neu für die deutsche Öffentlichkeit gewesen sei, habe Weizsäcker allerdings bei der Bennennung der Täter nicht den Stand der Geschichtsforschung eingenommen, der 1985 schon weiter ging.

Weizsäcker habe stark auf die Schuld des Diktators Adolf Hitler abgehoben und den Versailler Friedensvertrag von 1919 als Hauptursache für den Aufstieg des Nationalsozialismus betont, sagte Wirsching. Dagegen habe die Wissenschaft in den 80er Jahren bereits das Versagen der deutschen Eliten in der Weimarer Republik thematisiert.

Weizsäcker habe versucht, seine Familie zu rehabilitieren, erinnerte sich der frühere Regierende Bürgermeister von Berlin, Eberhard Diepgen (CDU). "Richard von Weizsäcker war Repräsentant eines Bildungsbürgertums, das mit den Niederungen, die Parteien, aber auch Gemeindekreise haben, nichts zu tun haben wollte", sagte Diepgen über seinen Amtsvorgänger. Auch der Umgang des Christdemokraten mit seiner Partei sei von Skepsis geprägt gewesen. Als Politiker habe er nicht vertragen können, in Abhängigkeit zu stehen: "Im Grunde hat er seine Position vertreten."

Auch in der Kontroverse sei Weizsäcker stets nobel gewesen, stellte Wolfgang Huber, der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), fest. In vielen kirchlichen Gremien hat er mit ihm um Positionen gerungen - etwa in der EKD-Kammer für öffentliche Verantwortung oder im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Als Grenzüberschreiter charakterisierte ihn Paul Nolte, der an der Freien Universität Berlin lehrt.

Weizsäcker sei der "Idealtyp eines Bundespräsidenten" gewesen, sagte Historiker Nolte. Protestanten wie er hätten das höchste Staatsamt mit evangelischer Nüchternheit geprägt, in Arbeitsteilung zum oft pragmatischen Regierungsstil der katholischen Kanzler wie Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Als Kohl im Rheinland-Pfalz der 60er Jahre Weizsäcker aus der Wirtschaft in die Politik holte, war dieser bereits im Protestantismus engagiert. Ab 1964 war er Präsident des Deutschen Evangelischen Kirchentags, es folgten Ämter in Synode und Rat der EKD. Er schrieb an der Ostdenkschrift der EKD mit - das Papier propagierte bereits 1965 den Verzicht auf die verlorenen Gebiete im Osten und war heftig umstritten.

Die Aussöhnung insbesondere mit Polen wurde zum Lebensthema - in diesem Land hatte Weizsäcker "Primärerfahrungen im Übermaß" gemacht, wie Historiker Wirsching konstatierte. Weizsäcker war als Soldat bereits am 1. September 1939 am Überfall auf das Nachbarland beteiligt, einen Tag später fiel dort ein Bruder. Der polnische Botschafter in Deutschland, Jerzy Marganski, lobte Richard von Weizsäcker als Brückenbauer, der aber nicht nur "Polen-Fan" gewesen sei: "Er brachte uns auch schwierige Wahrheiten bei", sagte der Diplomat - etwa bei der Positionierung im Irak-Krieg. "Vielleicht hat er doch recht gehabt", räumte Marganski im Rückblick ein.

Von Thomas Schiller (epd) 13.04.2015

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