Bericht der Tagung Ev. Identitäten

Freikirchen und Landeskirchen gemeinsam vor 2017

Bericht zur Tagung

© EAzB

Das Reformationsjubiläum 2017 stellt vor die Frage, was das denn ist, „das Evangelische“. Und eine kurze Antwort könnte lauten: Evangelisch – das ist eine Großfamilie an Kirchen, Vielfalt in Freiheit, als versöhnte Vielfalt erhofft. Die Tagung „Evangelische Identitäten: Freikirchen und Landeskirchen vor dem Reformationsjubiläum“ ging dieser evangelische Vielfalt nach. Die Tagung war eine Kooperation mit der Theologischen Hochschule Elstal, der theologischen Ausbildungsstätte des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden. Vier große Themen standen im Mittelpunkt der Tagung: Lutherbilder, das Verhältnis zwischen Kirche und Staat, die Rolle der Bibel und der Bekenntnisse und schließlich die Frage nach unterschiedlichen Gottesdienststilen. Zu jedem Thema kamen jeweils eine freikirchliche Perspektive und eine landeskirchliche Perspektive zu Wort.

Lange Zeit war es üblich, die Evangelischen anhand der Frage; „Wie hältst Du es mit dem Staat?“ zu kategorisieren. Hier die Landeskirchen, geprägt von der alten Tradition der Einheit von Thron und Altar, an kulturellen und gesellschaftlichen Einfluss lange gewohnt – dort die Freikirchen, jeder Einmischung des Staates in kirchliche Angelegenheiten skeptisch gegenüber, in Deutschland an einen Minderheitenstatus gewohnt. Aber seit bald 100 Jahren gibt es keine Staatskirche mehr in Deutschland. So ist die Unterscheidung zwischen Freikirchen und Landeskirchen in mancher Hinsicht durchlässiger geworden. Vielleicht wäre heute eher zwischen „Volkskirche“ und Freikirche zu unterscheiden, so der Göttinger Kirchenrechtler Dr. Hendrik Munsonius: die Mitgliedszahl der EKD sei mit etwa 23 Millionen eben doch eine echte „Hausnummer“.

Freikirchliche Wege zu Luther können schwierig sein angesichts der drastischen Äußerungen Luthers gegen die Täufer der Reformationszeit. Der methodistische Kirchengeschichtler Dr. Thomas Hahn-Bruckart (Universität Mainz) lud dazu ein, über Luther hinauszuschauen und die Breite der reformatorischen Bewegungen stärker wahrzunehmen. Evangelische, die sich deutlich in der Tradition Luthers und des landeskirchlichen Protestantismus sehen, haben hier nach wie vor einiges zu lernen. Zugleich gibt es an Luther auch für freikirchliche Evangelische einiges zu entdecken. Luther ist eine evangelische Schicksalsfigur.

Nach 500 Jahren, nach unzähligen Jubiläen, Deutungen, Missdeutungen und Instrumentalisierungen ist es eine Herausforderung, eigene Zugänge zu Luther zu finden. Mancher ist schon jetzt des Jubiläums müde und möchte am liebsten ein Jahr Urlaub davon nehmen. Luther ist eine Projektionsfläche, die über die Jahrhunderte unzählige Assoziationen angesammelt hat. Und was wundert‘s? Aus der Sicht der medialen Vermittlung, so Pastorin Andrea Schneider, die Rundfunkbeauftragte der Vereinigung Evangelischer Freikirchen, eignet sich Luther mit all den schönen Legenden, die an ihm hängen, herrlich zur Vermarktung. Kein Wunder, dass es von der Luthersocke („hier stehe ich“) über die Luther-Playmobil-Figur (inklusive unlesbarer Plastikbibel) bis zur Luther-Badeente so ziemlich alles gibt, was das Konsumentenherz begehren mag. Hinter all dem Getriebe und Getue noch zu sehen, noch zu spüren, was an Luther dran ist, kann sich zu einem mühsamen Unternehmen auswachsen!

Für Prof. Dr. Albrecht Beutel (Universität Münster) sagen die Lutherbilder jeweils mehr über ihre eigene Zeit aus als über den Reformator selbst oder sein Denken – und so sind sie wiederum interessant als Indikator ihrer Zeiten. Nach einem Luthergedanken gefragt, der für heute inspiriert, verwies Albrecht Beutel auf den folgenden Gedanken: „Man soll arbeiten, als würde man ewig leben – und so gesinnt sein, als würde man morgen sterben.“ Dankbarkeit für die Gabe des eigenen Lebens, Ernst, Leichtigkeit, Zuversicht und ein Aushalten der Spannungen kommen darin zusammen.

Evangelische Identitäten: Weitet man den Blick über die eigene Kirche hinaus, wird mit einem Mal eine weite evangelische Landschaft sichtbar – und sie beginnt gleich vor der Haustür. Einen Einblick in die evangelische Vielfalt Berlins erhielt das Tagungspublikum beim Abend der Begegnung. Die Berliner Mennoniten-Gemeinde, die Evangelisch-methodistische Kirche, die Herrnhuter Brüdergemeine, die Freie evangelische Gemeinde Berlin-Moabit, die Selbständige Evangelisch-Lutherische Kirche, der Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden und der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden stellten sich vor (und auch dies bedeutete eine kleine Auswahl aus der evangelischen Vielfalt Berlins).

Es gibt noch viel zu entdecken; Berührungsängste sind ganz und gar unangebracht. 2017 bietet eine besondere Chance, tiefer miteinander ins Gespräch unter den verschiedenen evangelischen Kirchen einzutreten – darin waren sich am Ende der Tagung OKR PD Dr. Martin Illert, Ökumenebeauftragter im EKD-Kirchenamt und Pastor Peter Jörgensen, der Beauftragte der Vereinigung evangelischer Freikirchen am Sitz der Bundesregierung, einig.

PD Dr. Eva Harasta

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