Bericht Markt der Religionen

„Markt der Religionen in Berlin?“

Bericht

© VRD/fotolia

Religion ist weltweit ein integraler Bestandteil zeitgenössischer Stadtkultur. Diese These vertrat der Sozialgeograph Stephan Lanz bei der Tagung „Markt der Religionen in Berlin?“ am 11. Februar. Den Bericht von Projektstudienleiter Dr. Christopher Zarnow über die vierte Veranstaltung in der Reihe TheoLab lesen Sie im Folgenden:

 

Gibt es einen Markt der Religionen in Berlin? Diese Frage enthält (mindestens) zwei Dimensionen. Zum einen steht die religiöse Vielfalt Berlins in Geschichte und Gegenwart zur Debatte. Welche religiösen Gruppierungen und Gemeinschaften sind aktiv in Berlin? Wie sind sie entstanden, in welche Untergruppen differenzieren sie sich und welche Verbindungen bestehen zwischen ihnen? Das sind Fragen sind der empirischen Religionsforschung und Religionsgeschichte Berlins. Zum anderen stellt sich die Frage nach theoretischen Modellen, in denen diese Vielfalt konzeptionell zu begreifen ist. Ein eben solches, sehr populäres Modell ist der Marktbegriff. Er suggeriert, dass sich Religion in der Stadt als Ware präsentiert. Aber ist das überhaupt und der Fall? Und wenn ja: Unter welchen Bedingungen kommt es dazu, dass religiöse Angebote auf einem Markt ausgestellt sind und miteinander um die Gunst der Konsumenten konkurrieren?

Dieser Thematik war ein konzentrierter Fachtag des Theologischen Labors Berlin am 11. Februar im Raum Casalis unter der Französischen Friedrichstadtkirche gewidmet. Hartmut Zinser, Religionswissenschaftler der FU und intimer Kenner der Religionsgeschichte Berlins, zeichnete die historische Entwicklung der Zuwanderungsströme nach, die Berlin nicht nur politisch und kulturell, sondern auch religiös als Migrationsstadt geprägt haben. Positive Voraussetzung hierfür war u.a. die Religionspolitik Friedrich des Großen, die im Effekt zu einer hochgradigen Pluralisierung der religiösen Lage führte. Diese Pluralisierung sei aber keine bloß soziale Tatsache, betonte Zinser. Sie setze sich vielmehr als innere Pluralität der religiösen Einstellungen am Ort des einzelnen Individuums fort. Während Zinsers Vortrag die Fülle religiöser Gruppierungen, Akteure und Glaubensgemeinschaften in Berlin plastisch vor Augen führte, fokussierte Andreas Goetze, Landespfarrer der EKBO, auf die sich daran anschließenden Herausforderungen für den interreligiösen Dialog. Von der Aufgabe, mögliche Dialogpartner ausfindig zu machen, über den Abgleich sehr verschiedener Dialoginteressen bis hin zur Verständigung über Gemeinsames und Trennendes handle es sich dabei um einen immer neuen Aushandlungsprozess, betonte Goetze. Der im engeren Sinne „religiöse“ Dialog stünde im besten Fall am Ende, nicht aber am Anfang dieses Prozesses.

Religion stellt einen integralen Bestandteil zeitgenössischer Stadtkultur dar – und zwar weltweit. Das war die aufregende These des Vortrags von Stephan Lanz, Sozialgeograph und Mitglied der MetroZones, mit der er die traditionelle Gleichsetzung von Urbanisierung und Säkularisierung gründlich durcheinanderwirbelte. In präzisen Interaktionsanalysen zwischen religiösen Akteuren und ihrem städtischen Umfeld aus Lagos, Istanbul, Sao Paolo und Berlin legte er dar, welche immense öffentliche Rolle die Religion in den Städten und Metropolen der Gegenwart spielt. Der Vortrag von Rolf Schieder, Professor für Praktische Theologie der Humboldt Universität, knüpfte hier nahtlos an. Schieder kritisierte zum einen die Bezeichnung von Religion als Ware und die Rekonstruktion religiöser Präferenzen nach dem rational-choice-Modell als Verkürzung und dem Selbstverständnis religiöser Menschen nicht angemessen. Zum anderen rekonstruierte er im Anschluss an Olivier Roy die Bedingungen, unter denen sich Religiosität kulturell entwurzeln und damit in der Tat zur Ware werden kann, die mit anderen Sinnangeboten um die Gunst der Kunden konkurriert.

In der Gesamtheit der Beiträge wurde eindrücklich, wie sich globale Transformationsprozesse der religiösen Gegenwartskultur brennpunktartig in der Großstadt verdichten. Die Stadt als Fluchtpunkt von Migrationsbewegungen ist der Ort, an dem verschiedenste importierte Glaubensweise aufeinander treffen. Sie ist zugleich der Ort, an dem religiöse Identitäten in Fluss geraten und verschiedenste Verbindungen mit sozialen Akteuren und kulturellen Initiativen eingehen, um im Gemeinwesen Fuß zu fassen. Zugleich ist sie aber auch der Ort religiöser Entwurzelung und Entfremdung. Erst das Zusammenspiel dieser drei Faktoren erklärt die Herausbildung einer marktförmigen Religionskultur in den Metropolen der Gegenwart.

Weitere Informationen zum TheoLab finden Sie unter www.tempelhof-evangelisch.de/theologie-der-stadt

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