knappes Gut 42. Workshop Medizinethik

Knappes Gut

42. Workshop Medizinethik

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Hektik in Zeiten der DRGs (Diagnosis Related Groups / Fallpauschalen): Der 42. Workshop Medizinethik von St. Joseph Krankenhaus Berlin-Tempelhof und Evangelischer Akademie lotete die Spielräume aus, die Krankenhaus-Mitarbeitern bleiben.

Es ist noch sehr früh am Morgen. Frau Lotter liegt hellwach in ihrem Krankenhausbett. Sie hat ein künstliches Hüftgelenk bekommen. Obwohl das keine lebensbedrohliche Krankheit ist, obwohl sie dank guter Medikation praktisch keine Schmerzen hat und obwohl es bei ihr im „Schnell-Läufer-Programm“ mit dem Wieder-auf-die Beine-Kommen besonders fix gehen soll, hat die ältere Dame schlecht geschlafen. Sie war geplagt von Gedanken daran, ob und wie schnell sie es wohl wieder in ihre Wohnung schaffen würde, in den zweiten Stock ohne Aufzug. Sie wartet darauf, dass die  Stationsärztin kommt, oder die sympathische, zugewandte Schwester Petra.

Die streift sich gerade ihren Kittel über. Alles war hektisch heute Morgen: Frühdienst, der Wecker hat um halb fünf geklingelt, doch es wurde knapp, weil das Kind gehustet hat und zur Oma statt in die Kita gebracht werden musste. Auf Station wird es nicht ruhiger werden. „Ich hetze durch den Tag und habe ständig Angst, Fehler zu machen“, sagt Petra.

Zeit ist ein Thema im Krankenhaus. „Die einen haben zu viel, die anderen haben zu wenig“, philosophiert Frau Lotter. Durch das Fallpauschalensystem ist zwar die Verweildauer der Patienten in den Krankenhäusern deutlich geschrumpft. Endlose Wochenenden, in denen medizinisch „nichts passierte“, verbringen Kranke dort kaum noch.  Für Menschen, die ein neues Hüft- oder Kniegelenk brauchen, hat sich ihr Aufenthalt in den letzten 20 Jahren auf ein Viertel reduziert. Andererseits ist noch klarer geworden, dass Zeit Geld ist, die Kliniken im Normalfall aber nicht für mehr Zeit, sondern für den besonders „günstigen“ und passgenauen Fall mehr Geld bekommen.

Grund genug für Prof. Dr. med. Thomas Poralla, Ärztlicher Direktor des St. Joseph-Krankenhauses Berlin-Tempelhof, und für die Theologin und Gesundheitsmanagerin Simone Ehm, Studienleiterin für Ethik in den Naturwissenschaften an der Evangelischen Akademie zu Berlin, den Workshop Medizinethik, den beide Institutionen am 12. März schon zum 42. Mal gemeinsam veranstalteten, diesmal dem leidigen Thema zu widmen. „Behandlung im Akkord? Ethische Überlegungen zum Umgang mit Zeit im Krankenhaus“, so der Titel des Workshops, der diesmal im St. Joseph-Krankenhaus stattfand. Die lebensnahen Szenen um Frau Lotter und Schwester Petra, die dort zum Einstieg vorgespielt wurden, hat sich der dortige Arbeitskreis Ethische Anspielungen ausgedacht.

Rund 4000 Babys erblicken in diesem Krankenhaus in jedem Jahr das Licht der Welt. Bevor ihr Leben beginnt, sind Neugeborene wie sie im DRG-System schon „Fälle“: Kommen sie komplikationslos und auf natürlichem Weg auf die Welt, ist die Vergütung geringer als etwa bei einem Kaiserschnitt. Haben wir womöglich also schon die auf Ertrag ausgelegte „pauschale Geburt“, wie im Jahr 2014 Alexandra Bruns vom Verein Geburt e.V. in Schleswig-Holstein in einem kritischen Kommentar im Deutschen Ärzteblatt bedauernd konstatierte? Prof. Dr. med Michael Abou-Dakn, Chefarzt der Gynäkologie und Geburtshilfe im St. Joseph-Krankenhaus, stellte in seinem Vortrag ethische Überlegungen zum Umgang mit Zeit in der Geburtshilfe an. Auch er konstatierte zunächst, dass es abrechnungstechnisch zu einer „eigentlich völlig schrägen“ Abwertung der zeitintensiveren Geburtshilfe und einer „Aufwertung der Hochtechnik“ gekommen sei. Dabei sei es gerade in der Geburtshilfe oft entscheidend, erst einmal abzuwarten, sich Zeit zu nehmen und den Familien Zeit zu geben, letztlich also die Geduld zur „gekonnten Nicht-Intervention“ aufzubringen. Nur so könne eine Entbindungsklinik wirklich „in die Bindung hinein entbinden“. Der Geburtshelfer, der sich auch im Hebammen-Studiengang der Evangelischen Hochschule Berlin engagiert, gab zu bedenken, dass sich die Zeitnot in Entbindungskliniken letztlich sogar in weniger Geburten niederschlagen könne – falls Frauen bei ihrer ersten Niederkunft traumatische Erfahrungen machen. „Sie sind dann möglicherweise weniger bereit, nochmals in diesen Prozess zu gehen.“ Aus eigener Erfahrung berichtete er: „Wenn Patientinnen unzufrieden sind, stelle ich oft fest, dass ich nicht genug Zeit hatte.“ Ein Kardinalfehler, der von mangelnder Professionalität zeugt und den es auf jeden Fall zu vermeiden gilt, ist es in seinen Augen, wenn Ärzte und Pflegepersonal vor den Patienten thematisieren, dass sie keine Zeit haben.

Die Ordensschwester, die im Haus lebte und sich auch spät nachts noch an das Bett eines Kranken setzte, machte diesen Fehler sicher nicht. Doch kann man auch heute noch behaupten, dass konfessionelle Häuser mehr um das leidige Zeit-Thema ringen? Auch viele andere Träger haben schließlich Leitbilder, in denen die mitmenschliche Zuwendung großgeschrieben wird. Nicht jeder hat allerdings einen eigenen „Zentralbereich Wertemanagement“ wie die Vinzenz Gruppe Krankenhausbeteiligungs- und –management GmbH in Wien. Der Theologe und Psychotherapeut Rainer Kinast, der diesen Bereich leitet, will mit seiner Arbeit dazu beitragen, dass an den acht Standorten seiner Holding von den über 6000 Mitarbeitern „wenigstens zeichenhaft Kontrastkultur“ zur von ihm kritisierten „neoliberalen ‚Hol-raus-was-geht‘-Einstellung“ gelebt werden kann. Sieben thematische Eckpfeiler, von „Zuwendung“ bis zu „Verwurzelung in christlicher Wertorientierung“, sollen den Mitarbeitern diese Absicht bewusst halten.

„So anders sind wir konfessionellen Krankenhäuser auch nicht“, bekannte allerdings der Betriebswirt Thomas Wüstner, Geschäftsführer des Krankenhauses St. Elisabeth und St. Barbara in Halle an der Saale. Er ist als langjähriger Mitarbeiter privater Krankenhausträger – unter anderem als Geschäftsführer mehrerer Helios-Kliniken – ein Kenner „beider Seiten“. Und er weiß, dass Kennzahlen und Gewinne heute die privaten, die frei-gemeinnützigen wie die öffentlichen Träger beschäftigen. „In konfessionellen Häusern ist Wirtschaftlichkeit allerdings eher ein Mittel zum Zweck.“ Um den eigenen Wertvorstellungen gemäß arbeiten zu können, also zum Beispiel mehr Zeit für die Patienten zu haben, müsse man aber durchaus aufs Geld schauen. „Wir lassen viel Geld auf der Straße liegen, weil wir nicht so effizient abrechnen wie private Träger.“

Auch mit der Zeit lässt sich möglicherweise – ungeachtet aller grundsätzlichen Kritik am derzeitigen Finanzierungssystem für Krankenhäuser – effizienter umgehen. „Zeit lässt sich oft nicht vermehren, aber vertiefen“, sagte jedenfalls Dr. theol. Werner Weinholt, Theologischer Leiter der Paul-Gerhardt-Diakonie e.V. Dort wurde ein Konzept für Kurzgespräche im Krankenhaus entwickelt. In den „Drei-Minuten-Gesprächen“ soll jede Profession darauf achten, in ihrer Rolle zu bleiben, aus den Anliegen und Nöten der Patienten konkrete Aufträge zur Problemlösung für sich abzuleiten und das Gespräch mit einem erkennbaren Ergebnis abzuschließen. Die Akademie der Paul-Gerhardt-Diakonie bietet nun Schulungen in diesem Konzept an, auch für interprofessionelle Teams. Ein Allheilmittel ist es selbstverständlich nicht: „Wir sind Teil eines Systems, in dem der Druck immer stärker wird“, musste auch Weinholt eingestehen.

In ihren Studien hat Prof. Dr. Eva Senghaas-Knobloch vom artech-Forschungszentrum der Universität Bremen immer wieder festgestellt, dass der Druck vor allem die Pflegekräfte stark belastet. „Eine von fünf Krankenschwestern denkt mehrmals in der Woche darüber nach, ihren Beruf aufzugeben. 74 Prozent der Befragten glauben, dass sie ihn nicht bis zum Rentenalter ausüben können“, berichtete die Sozialwissenschaftlerin. „Man ist die ganze Zeit am Rennen und kommt trotzdem immer zu spät“, sagten auch die befragten Ärztinnen und Ärzte. Senghaas-Knobloch sieht die Gefahr, dass sich aus diesen Erfahrungen heraus auf die Dauer „zynische oder komplizenhafte Organisationskulturen verfestigen“. Ändern könne das nur eine Politik, die sich hüte, „industrielle Managementkonzepte auf Krankheits- und Heilungsprozesse zu übertragen“ und stattdessen „nicht messbare Aspekte im Zeitbudget explizit anerkennt“.

Und Frau Lotter, die ältere Dame mit der Hüft-OP? Dass Schwester Petra an diesem Vormittag schließlich doch noch ein paar Minuten Zeit für ein Schwätzchen gefunden hat, hat ihr gut getan. Sie empfindet es auch als hilfreich, dass ihr „Schnell-Läufer-Programm“ gut organisiert ist: Schon vor dem Eingriff können sich die zukünftigen Patienten untereinander austauschen und von den Erfahrungen einiger schon Operierter profitieren, wie Dr. med. Elke Johnen, Chefärztin der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie am St. Joseph-Krankenhaus, beim Workshop berichtete. Außerdem kümmert sich der Sozialdienst darum, dass die Reha sich nahtlos an den Krankenhaus-Aufenthalt anschließt, und die Operierten bekommen zweimal täglich Physiotherapie, auch am Wochenende. Was sich übrigens trotz des Zeitaufwands lohnt, wie Johnen berichtete.

Keine Frage: Mit ihrer Mischung aus politischen und pragmatisch-praktischen Gedanken zum Thema Zeit im Krankenhaus  stießen die Referenten des Workshops bei den teilnehmenden Ärzten, Pflegekräften, Krankenhaus-Seelsorgern und interessierten Laien auf reges Interesse. Im Anschluss aber eilten an diesem Samstagnachmittag alle schnell nach Hause: Ein wenig von ihrer knappen Zeit sollte schließlich auch noch für Privates übrig bleiben.

Adelheid Müller-Lissner    

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