Nachlese Bonhoeffer

„Die Pflicht, eigene Schuld zu bekennen“

Dietrich Bonhoeffer zum 110. Geburtstag

© EazB

Die Auseinandersetzung mit Schuld ist mehr eine Frage des Mutes denn der Erkenntnis. Diese Ansicht vertritt Studienleiterin PD Eva Harasta mit Blick auf die Veranstaltung „Vom Mut, sich als Kirche der Schuld zu stellen“, die am 4. und 5. Februar zur Würdigung des Theologen Dietrich Bonhoeffers stattfand. Im Interview mit Deutschlandradio Kultur betonte Studienleiterin Eva Harasta: „Es genügt nicht, sich mit Schuld zu beschäftigen, sondern es braucht auch den Mut, dem ins Auge zu blicken, die eigene Tat und die eigene Schuld zu akzeptieren“. Dies gelte für die Einzelnen, aber auch für die Kirche als Gemeinschaft. Hauptredner der Veranstaltung am 4. Februar war Bischof i. R. Prof. Dr. Dr. h.c. Wolfgang Huber.

Huber setzte den Schwerpunkt seines Festvortrags auf die Auseinandersetzung mit Dietrich Bonhoeffers Theologie. Für den Umgang mit Schuld, so Huber, legte Bonhoeffer der Kirche zwei Formen nahe: Schuldbekenntnis und Schuldübernahme. Bonhoeffers so konkreter und weitreichender eigener Vorschlag für ein Schuldbekenntnis der Kirche wurde allerdings nie als kirchliches Statement aufgenommen. Huber nannte als ein Beispiel für ein ebenso mutiges Schuldbekenntnis einer Kirche die südafrikanische Belhar Confession der Dutch Reformed Mission Church von 1982. Als ein ganz aktuelles Beispiel nannte Huber das Schuldbekenntnis von Papst Franziskus gegenüber Angehörigen anderer Kirchen vom 25. Januar 2016 an, in dem der Papst um Vergebung für die Sünde der Kirchenspaltungen bat. Dies war, so Huber, ein beeindruckendes Zeichen auf dem Weg zu 2017. Doch hielt Huber gegenüber dem römisch-katholischen Modell der „Reinigung des Gedächtnisses“ lieber das „healing of memories“ fest, also ein Suchen nach einer Hermeneutik der Schuld, die beide Seiten – die Schuldigen ebenso wie diejenigen, an denen die Schuld begangen wurde – gemeinsam entwickeln. Den Freimut zum Anerkennen und Bekennen eigener Schuld deutete Huber schließlich als einen Vollzug der Achtung der Menschenwürde des anderen. Denn die Bereitschaft zum Schuldbekenntnis rechnet mit dem Recht des anderen und mit der Möglichkeit, sich zu verfehlen – zugleich aber auch (und entscheidend!) mit der Möglichkeit der Versöhnung. Solches Handeln, das sich von der Achtung der Würde jedes anderen Menschen leiten lässt, sollte, so Huber, auch im Umgang mit Geflüchteten leitend sein – als Grundorientierung in der Flüchtlingspolitik.

Die Fachtagung am 5. Februar brachte Bonhoeffers Theologie mit drei aktuellen Kontexten ins Gespräch. Dr. Simone Sinn, Studienreferentin für öffentliche Theologie und interreligiöse Beziehungen beim Lutherischen Weltbund in Genf, sprach über den Versöhnungsprozess zwischen Lutherischen und Mennonitischen, der unter dem Leitbegriff „healing of memories“ stand und 2010 in einem Gottesdienst in Schuldbekenntnis und Versöhnungsgewissheit mündete. Pater Klaus Mertes (SJ), Direktor des Kollegs St. Blasien und vorher Direktor des Canisius-Kollegs in Berlin, in dem 2010 der Missbrauchsskandal in der deutschen römisch-katholischen Kirche seinen Ausgang nahm, sprach über die schwierigen drei Schritte Aufklärung – Sühne – Prävention im Umgang mit Schuld. Prof. Dr. Ralf Wüstenberg (Universität Flensburg) schließlich stellte zwei unterschiedliche Beispiele für politische Versöhnungsprozesse angesichts von Schuld in der Gesellschaft dar: die Arbeit der Truth and Reconciliation Commission in Südafrika und den Umgang mit Schuld im gesellschaftlichen und politischen Kontext in Deutschland nach 1989. Wüstenberg hob die Kostbarkeit des christlich-theologischen Versöhnungsbegriffs hervor, der gegenüber einer leichtfertigen politischen Verwendung des Begriffs „Versöhnung“ deutlich kritisch abzugrenzen ist. Zwei Arbeitsgruppen rundeten die Fachtagung ab. Johannes Beleites, Jurist und DDR-Zeitgeschichtler, sprach darüber, welche Aufgabe die evangelischen Kirchen in Deutschland heute für den Umgang mit gesellschaftlicher und kirchlicher Schuld aus der DDR-Zeit haben. Ao. Univ. Prof. Dr. Gunter Prüller-Jagenteufel (Universität Wien) behandelte die Frage, wie Bonhoeffers Begriff der „Vernarbung“ von Schuld in der politisch-geschichtlichen Sphäre mit seinen Gedanken zu Vergebung und Versöhnung zusammenhängt.

Am Abend des 5. Februar lud die Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus zu einem „Geburtstagsabend“ mit Lesungen von Texten Bonhoeffers und Musik, u.a. auf dem Clavicord Bonhoeffers selbst.

Die Veranstaltung wurde von der Adolf-Loges-Stiftung Heidelberg finanziell gefördert. Die Internationale Bonhoeffer Gesellschaft (Deutschsprachige Sektion) und die Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus waren Kooperationspartner der Veranstaltung.

Eva Harasta

Das Interview mit PD Dr. Eva Harasta im Deutschlandfunk finden Sie unter www.deutschlandradiokultur.de

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