Paul Nolte über die AfD

"Eine Partei mit Janusgesicht"

Paul Nolte über die AfD

© EAzB Schoelzel

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist Heimat für zwei Bewegungen, deren Bündnis nicht selbstverständlich ist: Sie ist zum einen der Versuch, im politischen Spektrum den verwaisten Platz eines bürgerlichen Konservatismus neu zu definieren. Gleichzeitig ist sie der kleinbürgerlich-proletarische Aufstand der Frustrierten, der System- und Elitenverächter. So analysiert der Historiker Paul Nolte die Beschaffenheit der neuen deutschen Protestpartei. Im Berliner „Tagesspiegel“ und im Magazin „Cicero“ beschreibt der Professor für Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin die Verbindung dieser an sich widersprüchlichen Haltungen – Konservatismus und Populismus, Bürgerlichkeit und Anti-Bürgerlichkeit -  als „Janusgesicht der AfD“. Dieses ist nach Einschätzung Noltes, der auch Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin ist, Konstruktionsprinzip und zugleich Konstruktionsfehler der Partei, „auch was ihre Chancen auf dauerhafte Etablierung betrifft“.

 

Paul Nolte sieht den neuen deutschen Populismus als Teil einer größeren Bewegung in westlichen Demokratien, wie sie sich im französischen „Front National“ oder in den USA durch den Erfolg von Präsidentschaftskandidat Donald Trump zeigen. Trotzdem sei das sich in der AfD manifestierende „prekäre Bündnis von konservativen Professoren, frustrierten Kleinbürgern und völkisch-rassistischem Extremismus“ Ausdruck einer besonderen „Gelegenheitsstruktur", die in anderen Ländern so nicht existiere. Ein „politischer Zufall“ sei die AfD trotzdem nicht, betont der Historiker. Er verweist auf kulturelle Grundhaltungen und tief wurzelnde Einstellungen gegenüber der modernen Gesellschaft, die die Vertreter und Anhänger der Alternative verbinden. Ein Teil der „kulturellen DNA“ der Protestpartei ist Nolte zufolge die „Politik des Vulgären“, der Bruch mit den Konventionen des Anstands. „Das gibt sich häufig als Aufstand gegen die Zumutungen der political correctness aus, zielt aber weiter, auf ein fundamental anderes Verständnis von Politik.“ Dabei würden moralische wie rationale Politik, Gesinnungsethik und Verantwortungsethik gleichermaßen bekämpft.

Ein weiteres verbindendes Moment innerhalb der AfD erkennt Paul Nolte in der „alphapatriarchalischen Männlichkeitswelt“ der Partei begründet. Trotz markanter Frontfrauen seien beide Flügel der Partei von der "Sehnsucht nach der guten alten Welt vor Frauenbewegung, Emanzipation und Gleichberechtigung" durchzogen. Nolte mahnt, den Antifeminismus der neuen Protestbürger "nicht nur als eine Randerscheinung "zu sehen.

Die kulturelle Gemeinsamkeit innerhalb der AfD lasse sich „als Widerstand gegen den Verlust von Eindeutigkeit in der komplizierten Moderne des 21. Jahrhunderts“ deuten. Diese Sehnsucht eine „den intellektuellen Snobismus der bürgerlichen Edelkonservativen und die proletenhaften Instinkte abgesunkener Restmännlichkeit an der Peripherie der Gesellschaft“. Trotz dieser kulturellen Gemeinsamkeiten, so Noltes Fazit, werde die Koalition des neuen deutschen Populismus eine brüchige bleiben. Für wichtiger als die möglichen Zukunftsszenarien der AfD hält der Akademiepräsident indes die Frage nach der „kulturellen und sozialen Eingliederung des Protests“. Den Text von Professor Nolte lesen Sie unter: www.tagesspiegel.de/politik/rechtspopulismus-afd-die-chamaeleonpartei/13394398.html

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