Rüdiger Sachau zur Zukunft der Akademien in Deutschland

Kooperation statt Konkurrenz

Rüdiger Sachau zur Zukunft der Akademien in Deutschland

© EA/EAzB

Wo geht es hin mit den Evangelischen Akademien in Deutschland? Welche Trends sind erkennbar, welche gesellschaftlichen Veränderungen drücken der Akademiearbeit ihren Stempel auf? Welche Bedeutung hat die verfasste Kirche, welche Rolle spielt Spiritualität? Akademiedirektor Dr. Rüdiger Sachau wirft einen Blick über die aktuelle Situation der Akademien hinaus in die Zukunft. Er ist zugleich Vorsitzender des Dachverbandes der 17 Evangelischen Akademien in Deutschland (EAD), die an 18 Standorten mit rund 140 Studienleiterinnen und Studienleitern arbeiten (www.evangelische-akademien.de).

 

Herr Sachau, gibt es Trends im Blick auf die zukünftige Ausrichtung der Akademien?

In meinen Augen ist die gestiegene Bereitschaft zur Zusammenarbeit der Akademien untereinander ein solcher Trend, der in die Zukunft weist. Natürlich haben wir schon immer kooperiert. Aus meiner Sicht hat es hier aber eine interessante Entwicklung gegeben: Bis vor etwa 15 Jahren war trotz aller Kollegialität untereinander auch eine gewisse Konkurrenz zwischen den Häusern zu spüren. Das hat sich verändert. Ich nehme eine größere Wertschätzung unter den Kollegen wahr, und eine sehr deutlich gewachsene Kooperationsbereitschaft der Akademien auf allen Ebenen. Diese findet ihren Niederschlag zum Beispiel in den inzwischen regelmäßig stattfindenden Netzwerk-Projekten, die wir akademien-intern „kleine Netze auf Zeit“ nennen: Das sind Projekte mit mehreren Veranstaltungen an unterschiedlichen Orten zu einem Themenschwerpunkt. Grundsatz ist, dass immer mehrere Akademien mitwirken. Aktuell gibt es beispielsweise ein Projekt, das das Verhältnis von Antisemitismus und Protestantismus in den Blick nimmt; ein anderes beschäftigt sich schon seit einigen Jahren unter der Überschrift „… dem Frieden der Welt zu dienen…“ mit Herausforderungen an die ethische Reflexion und die demokratische Legitimation deutscher Außen- und Sicherheitspolitik. Die entsprechende Seite des Internetauftritts der Evangelischen Akademien in Deutschland zeigt, wie fruchtbar sich die Zusammenarbeit der Akademien in den vergangenen Jahren entwickelt hat:http://www.evangelische-akademien.de/angebote/netzwerkprojekte. Hier wird deutlich, dass alle Seiten gewinnen, wenn jeder seine Stärken einbringt, weil sich die Kontaktfläche der Akademien in Deutschland insgesamt vergrößert. Ich gehe fest davon aus, dass die Zusammenarbeit zwischen den Häusern in Zukunft weiter wachsen und sich intensivieren wird.

 

Welche Veränderungen erwarten Sie außerdem im Blick auf die Arbeit der Akademien?

Ich glaube, die Ausdifferenzierung der Akademien in verschiedene „Typen“ wird sich weiter ausprägen. Es wird weiterhin die im besten Sinne traditionelle Akademie geben, die ihre Themen mit großen, oft sogar mehrtägigen Tagungen bearbeitet. Sie sendet die Botschaft, dass wir uns für große Fragestellungen Zeit nehmen wollen und sollen, um sie sorgfältig zu bearbeiten. Und zugleich ist deutlich, dass eine solche vertiefende Auseinandersetzung nicht nur Zeit, sondern  auch gemeinsame Präsenz in einem einen realen Raum braucht. Daneben wird es Häuser geben, die stärker fokussierte, pointierte Angebote machen, die kürzere Zeiträume umfassen. Aus meiner Sicht kann dabei nicht darum gehen, den einen Typus gegen den anderen auszuspielen. Die unterschiedlichen Angebote konkurrieren nicht, sie ergänzen sich. Und es ist auch nicht so, dass eine Akademie nur einen Tagungstyp anbietet. Ich beobachte seit Jahren eine Vervielfältigung der Tagungsformen in allen Akademien. Sicherlich gibt es Schwerpunkte, und wir in Berlin haben das Privileg aber auch die Verpflichtung, in besonderer Weise die Verantwortungseliten der Bundeshauptstadt anzusprechen. Das geht in der Regel am besten in kleinen kurzen Formaten, die es auch erlauben, in einer Sitzungswoche des Deutschen Bundestages erfolgreich zum Gespräch einzuladen.

 

Welche gesellschaftlichen Entwicklungen werden die Akademiearbeit vorrangig prägen?

Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird das Thema der nächsten Jahre. Wie gelingt unser Zusammenleben in einer Gesellschaft mit sehr unterschiedlichen kulturellen und religiösen Prägungen? Wie kommen wir zu einer fruchtbaren und fairen Auseinandersetzung über gegensätzliche Interessen? Und wie schaffen wir einen sozialen Ausgleich, wenn die Chancen zur Teilhabe an unserer Gesellschaft für einige Menschen geringer werden? Wie gelingt Integration, wie gestalten wir die sozialen Systeme besonders im Gesundheitsbereich weiter? Haben wir aus der Bankenkrise etwas gelernt? Was ist mit Verrohung der Menschen im Alltag und der Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden? Angesichts härter werdender Auseinandersetzungen wird das Gespräch, die echte und ernsthafte Begegnung zwischen unterschiedlichen Menschen, immer wichtiger. Das klingt altmodisch, ist aber elementar. Und das ist auch unsere Kernkompetenz, damit haben wir als Akademien Erfahrungen.

Aber wir müssen uns weiter entwickeln. Warum gibt es kaum Studienleiterinnen und Studienleiter mit Migrationshintergrund? Es gibt in 17 Akademien nur zwei Direktorinnen – was sagt uns das? Und welches Gewicht hat die Generation der 25 bis 35-Jährigen?

Damit bin ich bei einer anderen großen Herausforderung. Nur mit den Digital Natives werden wir unsere Antworten auf die zunehmende Digitalisierung aller Lebenswelten finden können. Als ich 1993 in der Akademie Bad Segeberg als Studienleiter anfing, gab es zwei Computer für 60 Mitarbeitende. Wer heute in der Studienleitung tätig ist, kennt die Welt nicht ohne Internet und Mobilfunk, Vernetzung und digitale Daten. Natürlich hat jede Akademie eine Website, einige Häuser sind vorbildlich beim Einsatz von Sozialen Medien, da werden andere, auch wir in Berlin, noch nachziehen müssen. Pioniercharakter kommt der Evangelischen Akademie im Rheinland zu, die kein festes „Mutterhaus“ mehr hat, und ihre Diskursbeiträge in Netzprojekten organisiert. Die Digitalisierung wird alle unsere Lebensbereiche weiter umgestalten und wir müssen uns der Frage stellen, wie die Kommunikation im digitalen Raum Teil der Wirklichkeit von Akademien werden kann.

 

Welche Rolle spielt die verfasste Kirche für die Gestaltung der künftigen Akademiearbeit?

Wir können die Entwicklung der Akademien nicht losgelöst von der Zukunft der Kirche insgesamt betrachten. Hier wird sich immer wieder die Frage stellen, welchen Stellenwert die Akademien in der Art und Weise, wie sie Kirche repräsentieren und sind, in der Kirche selbst haben. Im Augenblick, meine ich, wird unser Beitrag sehr deutlich wahrgenommen. Das, was heute als „Öffentliche Theologie“ bezeichnet wird, ist immer ein Anliegen und Wesensmerkmal der Evangelischen Akademien gewesen. Ich frage mich, ob es überhaupt eine Theologie geben kann, die nicht öffentlich ist? Denn auch, was in geschützten Räumen stattfindet, hat immer eine nach außen gerichtete Dimension. Unser Auftrag wird bleiben: Themen zu erkennen, sie präzise zu beschreiben und dann diskursiv zu erörtern. Und zwar so, dass Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten eingeladen sind, zur konstruktiven Diskussion beizutragen. Aber die geringer werdende Bedeutung der verfassten Kirchen, verbunden mit der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft, werden die Akademien in Deutschland zwingen, ihren Standort neu zu bestimmen.

 

Wichtig wird dabei auch die „spirituelle Ausstrahlung“ der Akademien sein….

Ich bin überzeugt, dass Akademien Orte sind, an denen Menschen nach Antworten auf Sinnfragen suchen, die sich gesellschaftlich und auch persönlich auswirken. Ich verstehe geistliches Leben und geistliche Impulse der Akademien und in den Akademien nicht als Elemente, die im Privaten oder Verborgenen wirken, sondern immer als etwas öffentlich und gesellschaftlich relevante Kräfte. Die Botschaft des Evangeliums lässt sich nicht auf bestimmte Formeln und Begriffe reduzieren, sie muss sich vielmehr im Verstand und im Herzen des Empfängers entfalten. Es gehört für mich zu den glücklichen Erfahrungen in der Arbeit in einer Evangelischen Akademie, dass uns Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer wieder sagen, dass sie viel mehr mitnehmen als die Ergebnisse eines Diskurses über ein bestimmtes Thema. Der christliche Glauben ist wie ein Gravitationsfeld, der Kurs, der Blick wird in eine andere Richtung abgelenkt. Wenn Menschen bei uns zu neuen Einsichten kommen, gesellschaftlich und persönlich, dann hat das natürlich etwas mit uns zu tun, die wir in den Akademien arbeiten. Wie gelingt es uns, geistliche Impulse und theologische Reflektionen in die Sachdebatten mit einzubeziehen? Die Spiritualität an den Evangelischen Akademien ist wie eine Tiefendimension in allen Themen und Sachfragen, diese Arbeitsweise wird vielleicht mehr in der Gesellschaft als in der Kirche geschätzt. Aber wenn Menschen aus Politik und Gesellschaft, aus Wirtschaft und Forschung dieses bei uns entdecken, dann haben wir doch alles gut gemacht.

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