Vortrag Paul Nolte Rolle Religion in Gesellschaft

„Religion und Staat sind kein Konsensraum“

Vortrag von Präsident Paul Nolte

© EAzB Schoelzel

Angesichts neuer Demokratiefeindschaft in Teilen der Gesellschaft sind die Kirchen in der Pflicht, den demokratischen Staat zu verteidigen, ohne sich mit ihm gemein zu machen. Diese Ansicht vertrat Professor Dr. Paul Nolte in seinem Vortrag „Religion, Zivilgesellschaft und Demokratie: Symbiose und Konflikt am Beispiel der jüngeren deutschen Geschichte“ an der Universität Göttingen am 3. Februar.

In seinem Beitrag verwies der Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin zunächst auf den Umstand, dass - nachdem der Beitrag der Religion zu Zivilgesellschaft und Demokratie eine Zeitlang überwiegend positiv, im Sinne einer konstruktiven und fördernden Leistung für eine engagierte und freiheitliche Ordnung diskutiert worden sei - sich „jetzt wieder die skeptischen Diagnosen mehren“. In Bewegungen wie Pegida artikuliere sich eine „schmutzige Seite der Zivilgesellschaft“ und berufe sich auf die Verteidigung eines christlichen Abendlandes. Der islamistische Terrorismus in Frankreich lasse säkularistische Stimmen lauter werden. Und in den USA diene der Bezug auf Religionsfreiheit zunehmend als Vehihel einer antiliberalen Abwehr von Gleichheitsansprüchen. Vor diesem Hintergrund skizzierte Paul Nolte die vielfältigen Phasen und Formen des Verhältnisses der christlichen Kirchen, vor allem des Protestantismus, zu Staat, Demokratie und Zivilgesellschaft in Deutschland seit dem 19. Jahrhundert, und besonders nach dem Zweiten Weltkrieg. „Wenn der Protestantismus vor hundert Jahren überwiegend staatsloyal und obrigkeitstreu, aber demokratiekritisch war, hat sich diese Relation um 1980, pointiert gesagt, umgekehrt“ sagte der Historiker. Nicht zuletzt unter dem Einfluss von Protestbewegungen und kultureller Revolution – die ihrerseits in Deutschland ohne protestantischen Einfluss kaum denkbar seien, in der Bundesrepublik ebenso wie in der DDR – habe der Protestantismus sich nun weithin staats- und obrigkeitskritisch gegeben und sich auf die Seite einer „basisdemokratischen“ Zivilgesellschaft geschlagen.

Heute, etwa drei Jahrzehnte später, spielten die christlichen Kirchen und ihre „öffentliche Theologie“ auf bemerkenswert geschickte und erfolgreiche Weise beide Karten, so die Diagnose Noltes: „Sie profitieren von einer engen Verbindung mit politischem System und demokratischen Eliten und wissen, dass sie dort als loyale Partner auf Augenhöhe geschätzt werden. Zugleich treten sie immer wieder als zivilgesellschaftliches Sprachrohr und als Anwalt sozialer Bewegungen auf.“ Im internationalen Vergleich sei dies durchaus eine ungewöhnliche Konstellation, und Nolte warnte, auch vor dem Hintergrund der vielfältigen Brüche in der deutschen Geschichte, davor, dies für einen stabilen Endzustand zu halten, in dem es sich die Kirchen bequem machen könnten. „Vor allem aber zeigen die historischen Erfahrungen in Deutschland ebenso wie die aktuellen globalen Entwicklungen, dass demokratischer Staat und Kirchen gleichermaßen der Versuchung widerstehen müssen, das Dreieck von Religion, Zivilgesellschaft und Staat als einen möglichst harmonischen Konsensraum zu begreifen“, unterstrich der Präsident. Religion und Kirchen ließen sich nicht auf funktionale Leistungen für Zivilgesellschaft und demokratischen Staat reduzieren. Angesichts der neuen Demokratiefeindschaft in Teilen der Gesellschaft seien sie aufgefordert, den demokratischen Staat, seine Rechtsordnung und seine Institutionen zu verteidigen, ohne sich mit dem Staat gemein zu machen. „Denn es wäre falsch, wenn nicht illusionär und gefährlich, Spannungslinien aufzulösen“. Es gehe für Kirchen und öffentliche Religion nicht um die Entscheidung zwischen säkular und religiös, zwischen affirmativ und oppositionell, zwischen „Welt“ und „Gegenwelt“. Der Streit um Religion könne ebensowenig befriedet werden wie derjenige um Demokratie. Streit um Religion und die kritische Einmischung der Kirchen bleiben, so Noltes Fazit, „Indikator einer wachen, einer dynamischen Gesellschaft“.

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