In Stein gemeißelt

„Judensau“ entfernen?

Berichte zur Tagung „In Stein gemeißelt“

© Wikimedia Commons / Posi66

Bilder wirken auf unser Unterbewusstsein und wecken Gefühle. „Wenn wir antisemitische Bilder aufrufen, um aufzuklären, ist nicht garantiert, dass sie nicht gerade dadurch mit stabilisiert werden“, sagt Studienleiter Christian Staffa. Um dieses Dilemma ging es bei der Tagung „In Stein gemeißelt“ vom 26. bis 28. Mai am Beispiel des Schmähreliefs „Judensau“ in Wittenberg. Zwei Presseberichte skizzieren die Veranstaltung.

 

epd-Meldung vom 28. Mai 2019:

Schwaetzer und Kramer wollen "Judensau" zum Denkmal entwickeln

Wittenberg (epd). Hochrangige Protestanten haben sich für eine Abnahme der Spottplastik "Judensau" von der Fassade der Stadtkirche in Wittenberg ausgesprochen. Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Irmgard Schwaetzer, und der designierte Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM), Friedrich Kramer, schlugen vor, die mittelalterliche Skulptur in ein neu zu schaffendes Denkmal vor der Kirche zur integrieren.

"Meine Vision wäre ein Denkmal, das nicht nur von der christlichen Gemeinde, sondern auch von Kommune und Landkreis mitgetragen wird, in Rücksprache mit den jüdischen Institutionen die Dinge aufnimmt und ins Heute bringt", sagte Kramer am Montagabend bei einer Diskussion in Wittenberg. "Eine Beleidigung bleibt eine Beleidigung, ob man sie kommentiert oder nicht", fügte er hinzu. Schwaetzer schloss sich der Argumentation an.

Das Sandsteinrelief stammt aus dem Jahr 1280 und zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner blickt der Sau unter den Schwanz und in den After. 1570 wurde die Plastik an ihren heutigen Standort an der Südfassade der Kirche umgesetzt und mit der Inschrift "Rabini Schem HaMphoras" versehen. Der hebräische Verweis auf den unaussprechlichen Namen Gottes bei den Juden nimmt Bezug auf eine antisemitische Schmähschrift des Wittenberger Reformators Martin Luther (1483-1546), der vor allem in seinem Spätwerk gegen Juden hetzte.

Das Landgericht Dessau-Roßlau urteilte vergangenen Freitag, die Plastik stelle keine Beleidigung dar und könne hängenbleiben. Der jüdische Kläger Michael Düllmann kündigte bei der Debatte in Wittenberg an, Berufung beim Oberlandesgericht Naumburg einzulegen.

Schwaetzer sagte, die nachträglich hinzugefügte Inschrift sei ein "massiver, alles verändernder Eingriff" gewesen und drücke "reinen Judenhass" aus. Zu diesem neu hinzugekommenen Inhalt "müssen wir uns auch heute wieder verhalten", erklärte Schwaetzer. Sollte die Plastik abgenommen werden, müsse sie "in einen Lernort münden". "Wir sollten auch an die Gefühle denken, die unsere jüdischen Geschwister haben, wenn sie diesen historischen Ort sehen", erklärte Schwaetzer.

Der Generalsekretär der Evangelischen Akademien in Deutschland, Klaus Holz, sagte zu einer möglichen Abnahme der Plastik: "Es stellt sich nur noch die Frage, wie wir das tun, nicht ob." Er sei sogar für einen "demonstrativen Akt des Abhängens", um klarzumachen: "Das hat an unserem Gotteshaus nichts mehr zu suchen." Für die Zukunft plädiere er für einen "Lernort am Originalort". Alle Diskutanten waren sich einig, dass es einzig der evangelischen Gemeinde und der Wittenberger Stadtgesellschaft obliege, was mit dem Relief geschehe.

 

Mitteldeutsche Zeitung vom 29. Mai 2019:

"Eine Zumutung" - Podiumsdiskussion zur Wittenberg "Judensau"

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