Adventsblog 20.12.2020

Das weltliche und das göttliche Weihnachten

20.12.2020 | ADVENT 2020 | Paul Nolte

Stern spiegelt sich in Glasfassade

© EAzB/A.Czekalla

Was ist Weihnachten wert? In diesem Jahr erleben wir Advent und Weihnachten gewiss nicht unbeschwerter, nicht befreiter als sonst – aber doch eindringlicher, intensiver. Was bleibt angesichts äußerer Beschränkungen – die Suche nach dem inneren, dem „eigentlichen“ Kern des Festes?

Was ist Weihnachten wert? Seit vielen Jahren drehen wir immer dieselben Schleifen in unseren Debatten in der Adventszeit: Ist das nicht bloß Kommerz, ein Spektakel? Anlass für Konsumrausch, Besäufnis am Glühweinstand? Und dann die vielen Menschen in den Kirchen am Heiligabend! Sollen sie doch zuhause bleiben, wenn sie sich auch sonst nicht um die Kirche, nicht um Gott, nicht um Christi Geburt scheren.

Also ist die Pandemie ein willkommener Anlass, die Spreu vom Weizen zu trennen. Die ernsthaften Christen feiern Weihnachten. Dazu braucht es keine Geschenkpakete, kein besonderes Essen, kein Treffen mit Verwandten. Eigentlich nicht einmal die Christvesper an Heiligabend, denn die frohe Botschaft tragen wir ja im Herzen.

Wirklich? In dieser Sichtweise irritiert nicht nur die seit dem Frühjahr immer wieder anzutreffende Neigung, Corona als Chance auf die große Reinigung einer verderbten, fehlgeleiteten Gesellschaft zu interpretieren. Solche Deutungen, so menschlich verständlich sie sind, um der Situation etwas abzugewinnen, haben keine gute Tradition, weder politisch noch theologisch. Das Virus ist kein göttlicher Befehl zur Umkehr.

Vielmehr zeigt die Adventszeit 2020, wie sehr alles zusammengehört. Weihnachten bündelt die Sehnsucht nach Nähe, zur Familie, zu lieben Menschen. Der Wunsch, jemanden zu beschenken, ist ganz ernst gemeint – dass es Gedränge gibt, wenn viele das tun, ist kaum vermeidbar. Einen normalen Sonntagsgottesdienst können sich die meisten Kirchenmitglieder schon lange nicht mehr vorstellen. Aber die Sehnsucht nach etwas Anderem geht deshalb nicht weg. Ganz Ernüchterte würden sagen: Wenn die Tage am kürzesten sind, haben bisher noch alle Kulturen irgendein Lichterfest erfunden, um den Menschen Hoffnung zu geben. Doch spüren auch Nichtchristen und Kirchenferne, dass es um mehr geht als die Hoffnung auf wieder wachsende Tageslänge. Darauf brauchen wir nämlich nicht zu hoffen, das ist ein Naturgesetz.

Der Bedeutung von Weihnachten kann keine Pandemie etwas anhaben. Und dennoch: Dieses Jahr ist Weihnachten dürrer, ärmer als sonst. Weil wir die Eltern nicht sehen, eine Patentante im Heim nicht besuchen können. Weil wir nicht mit anderen „O du fröhliche“ singen dürfen. Weil wir uns raten lassen, keine Geschenke zu besorgen, sondern Gutscheine zu verschicken, und das auch noch vernünftig finden müssen. Das schmerzt.

An Weihnachten ist Gott, so glauben Christinnen und Christen irgendwie, Mensch geworden. Gott ist in die Welt gekommen. Das weltliche Weihnachten und das göttliche Weihnachten lassen sich nicht trennen. Auch nicht die „Kernchristen“ und die „Irgendwie-Christen“. So weltlich ist die Weihnachtsbotschaft. So göttlich ist die Welt.

Paul Nolte lehrt Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin und ist Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin.

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