Beobachtungen in einer veränderten Welt 12

Gottesdienste in einer veränderten Welt

Beobachtungen in einer veränderten Welt 12 – Jasper Althaus

Corona-Blog Althaus

© EAzB

In Berlin dürfen ab dem 4. Mai wieder Gottesdienste stattfinden, unter strengen Auflagen. Ist diese Öffnung sinnvoll? Das Bedürfnis nach „stofflicher“ gottesdienstlicher Gemeinschaft ist groß. Jasper Althaus fordert die Evangelische Kirche auf, trotzdem „nicht gleich wieder Tür und Tor aufzureißen“.

Religiöse Versammlungen werden nun, nach intensiven Gesprächen der Religionsgemeinschaften mit den politischen Entscheidungstragenden, in vielen Bundesländern unter Auflagen zugelassen. In Berlin dürfen in Kürze wieder öffentliche Gottesdienste mit maximal 50 Teilnehmenden und ausreichendem Abstand gefeiert werden.

In Gemeinden und Kirchenkreisen wird nun diskutiert, wie mit diesen Bestimmungen umzugehen ist. Wie muss ein sinnvolles Konzept aussehen, das die Abstandsregeln erfüllt? Kann dabei bedacht werden, dass Personen aus einem Haushalt verständlicherweise zusammensitzen wollen und wiederum andere einzeln kommen? Wie sehen Gottesdienste aus, in denen gar nicht oder nur mit Mund- und Nasenschutz gesungen werden darf? Und schickt man in einer großen Kirche, die Platz für hunderte Personen in ausreichend Abstand hat, die 51. Besucherin weg? Man muss es tun.

Doch die Diskussion wird häufig noch viel grundsätzlicher geführt. Ist es überhaupt sinnvoll, die Gottesdienste jetzt wieder physisch anzubieten? Ob es der evangelischen Kirche nicht gut zu Gesicht stünde, wenn sie nun zu den Bedächtigen gehörte und das Ansteckungsrisiko minimierte, wird diskutiert. Es könnte ein Zeichen gebotener Umsicht und Demut sein, wenn nun nicht gleich wieder Tor und Tür aufgerissen würden.

Gleichzeitig wäre es nicht nachvollziehbar, wenn bei deutlichen Lockerungen der Kontaktbeschränkungen religiöse Versammlungen weiterhin verboten bleiben sollten. Der Baumarktbesuch ist erlaubt, der Gottesdienst nicht? Die Angebote offener Kirchen zeigen vielerorts, dass viele Menschen gerade jetzt ein starkes Bedürfnis nach Einkehr und Gebet in einer Kirche haben. Eine Andacht am Bildschirm bietet dafür kein ausreichendes Äquivalent. Es ist außerdem spürbar, wie sehr der evangelische Gottesdienst von der Gemeinschaft lebt; Aufnahmen einer leeren Kirche nur mit Pfarrerin und Organist wirken da häufig trostlos. Da kann es nicht angemessen sein, den religiösen Bedürfnissen der Gläubigen kaum nachzukommen.

Es wird eine Gradwanderung werden. Dies gilt insbesondere, wenn man die Prognosen betrachtet, wann zur Vor-Corona-Normalität zurückgekehrt werden kann. Es treffen das Bedürfnis nach gottesdienstlicher Gemeinschaft und das Gebot menschliches Leben zu schützen aufeinander. Beide sind zutiefst vom christlichen Glauben getragen. Wie alle ethischen Konflikte lässt sich auch dieser nicht pauschal lösen. Immer muss es darum gehen, die lokalen Bedingungen vor Ort zu berücksichtigen. Dabei hilft es auf eine Konstante christlicher Ethik zu vertrauen: auf die Mündigkeit aller Beteiligten.

Jasper Althaus ist Assistent im „Projekt Digital“ der Akademie.

Eine Übersicht über die Angebote der EKBO finden Sie hier: https://www.ekbo.de/service/corona.html

Gedanken von Kristina Kühnbaum-Schmidt, der Landesbischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland finden Sie hier: https://www.nordkirche.de/ueber-uns/die-landesbischoefin/blog/nachricht/verantwortung-ist-christenmenschen-zumutbar/

Dieser Text steht unter CC-0 und darf frei geteilt und modifiziert werden.

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