epd-Interview mit Paul Nolte

„Kritiker schotten sich zunehmend ab“

epd-Interview mit Paul Nolte

Garnisonkirche Potsdam

© Wikimedia Commons: Bundesarchiv Bild 170-368, Potsdam, Ruine der Garnisonkirche.jpg

Potsdam/Berlin (epd). Seit knapp drei Jahren wird der Turm der Potsdamer Garnisonkirche wieder aufgebaut. Die evangelische Kirche will das neue Bauwerk für Friedens- und Versöhnungsarbeit nutzen. Die Kritik an dem Vorhaben reißt dennoch nicht ab. Die Befürworter setzten sich nicht genug mit der umstrittenen Geschichte der Kirche und "rechtsradikalen Einschreibungen" auch durch frühere Förderer des Wiederaufbaus auseinander, heißt es. Der Historiker Paul Nolte widerspricht. Die aktuelle Baugeschichte und die Kontroversen um den Wiederaufbau sollen in der im Turm geplanten Ausstellung aufgegriffen werden, sagte der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats der Garnisonkirchenstiftung dem Evangelischen Pressedienst (epd).


epd: Neben der Turmbaustelle in Potsdam gibt es jetzt einen kritischen Lernort zum Thema Garnisonkirche, im Internet gibt es dazu bereits seit einiger Zeit eine eigene Seite. Was halten Sie davon?
Nolte: Zunächst einmal beobachte ich mit Amüsement, dass die Kritiker um den Martin-Niemöller-Verein die Arbeit der Stiftung und des Wissenschaftlichen Beirats zu duplizieren versuchen: Sie rufen ebenfalls einen Beirat ins Leben, und sie übernehmen die Idee des "Lernorts" von dem Projekt, das sie kritisieren, denn als Lernort deutscher Geschichte soll der wiederaufgebaute Garnisonkirchturm bekanntlich "gefüllt" werden. Daran wird im Moment intensiv gearbeitet. In diesen Tagen berät der Wissenschaftliche Beirat erneut das Ausstellungskonzept mit der Stiftung und dem Kuratorenteam. Mit Sorge freilich sehe ich, dass derselbe Kritikerkreis sich gegen die Wahrnehmung der Wirklichkeit zunehmend abschottet. Die Friedensarbeit der Nagelkreuzgemeinde, die Begleitung durch die Schirmherrschaft des Bundespräsidenten und nicht zuletzt eindeutige Positionierungen der kirchlichen Träger zugunsten eines Friedens- und Versöhnungsprojekts werden konsequent ignoriert. Stattdessen ist verschwurbelt von "rechtsradikalen Einschreibungen" die Rede. Das grenzt an das, was wir momentan als Verschwörungsmythen diskutieren: Realitätsleugnung plus Überzeugtheit von geheimnisvollen bösen Kräften. Traurig, und kaum diskursfähig.

epd: Die Kritiker werfen der evangelischen Kirche auch vor, sich zu wenig mit der Geschichte der Garnisonkirche und der aktuellen Baugeschichte auseinanderzusetzen. Wie sehen Sie das?
Nolte: Die evangelische Kirche - und das heißt ja immer eine Vielzahl nicht nur von Menschen, sondern auch von institutionellen Zusammenhängen - hat sich intensiv und sehr kontrovers mit der Garnisonkirche beschäftigt, vor dem Hintergrund ihrer schwierigen Geschichte, was denn sonst? Am Ende fielen, wie in der Landessynode der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, Mehrheitsentscheidungen. Und wie in der Demokratie zum Glück üblich, wird die unterlegene Position im Projekt mitgetragen, als kritischer Impetus, den Finger noch mehr in die Wunden des Militarismus, des Nationalismus, des Antisemitismus, des Bündnisses von Thron und Altar zu legen. All das repräsentiert die Garnisonkirche ja nicht nur in einem diffusen Sinne, sondern das ging von ihr aus. Die aktuelle Baugeschichte, die Kontroversen um den Wiederaufbau werden in der Ausstellung ihren Platz finden.
epd: Gibt es aus Ihrer Sicht Versäumnisse bei der Baustiftung mit Blick auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte der früheren preußischen Militärkirche? Wenn ja, welche?
Nolte: Wenn Sie falsch von der "Baustiftung" reden, spiegelt das vielleicht das Selbstverständnis der Stiftung Garnisonkirche Potsdam, sich zunächst auf den Bau, auf die Wiedererrichtung der Kirche beziehungsweise des Turms zu konzentrieren. Das war verständlich und ist normal. Beim Humboldtforum ging es auch zunächst um den Bau, und bis heute ist umstritten, was darin gezeigt werden soll. Im Rückblick hätte die Stiftung den Hebel früher umlegen und sich intensiver mit dem beschäftigen sollen, wofür die Garnisonkirche steht und was darin später einmal stattfinden soll, in der Ausstellung, in der Bildungsarbeit, aber auch mit dem, was mit diesem Gebäude eigentlich erinnert werden soll.

epd: Warum hat die Stiftung selbst noch keine speziellen Forschungsprojekte zu umstrittenen Aspekten der Kirchengeschichte initiiert und überlässt das den Kritikern?
Nolte: Welche wissenschaftlichen Forschungsprojekte haben die Kritiker denn initiiert oder betrieben? Forschungsprojekte brauchen Zeit, Geld und Unabhängigkeit. Und im Kern haben wir kein "Wissensproblem", in vieler Hinsicht noch nicht einmal eine Kontroverse um die Bewertung - die Stiftung ist ja nicht entzückt über antisemitische Prediger im Kaiserreich -, sondern eine Debatte über den Umgang mit schwieriger Vergangenheit und ihren Platz in einer offenen und demokratischen Gesellschaft, die gerade deshalb keine selbstgerechte Gesellschaft sein darf. Aber davon mal abgesehen, ist viel geforscht und publiziert worden. Ich erwähne nur das Buch von Anke Silomon oder das frühe und dezidiert kritische Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats zu dem Glockenspiel.

epd: Was halten Sie von dem Vorschlag unter anderem der Niemöller-Stiftung, statt des Kirchenschiffs ein modernes Bauwerk mit ausreichend Platz für eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Geschichte der Garnisonkirche und des Wiederaufbauprojekts zu errichten?
Nolte: Auch dieser Vorschlag, mit Verlaub, kam nicht zuerst von den Kritikern, die vor kurzem noch den Turm wieder abtragen wollten. Der Wissenschaftliche Beirat hat sich von Anfang an dagegen ausgesprochen, auch das Kirchenschiff in historistischer Rekonstruktion zu errichten. Wenn der Turm nicht erst einmal alleine stehen bleibt - auch das wäre gewiss ein eindrucksvolles Bauwerk und Erinnerungszeichen -, dann muss es eine Brechung geben, auch unmittelbar in der Architektur. Wie man das füllt, ist eine andere Frage. Kritische Auseinandersetzung ist eine Frage des Konzepts, nicht der Quadratmeter. Ausstellung ist nicht alles. Auch Bildungs- und Begegnungsarbeit, zum Beispiel mit Jugendgruppen, braucht Raum.

epd: Was empfehlen Sie der Stiftung mit Blick auf die Auseinandersetzung mit der Geschichte?
Nolte: Größtmögliche Offenheit und ein sehr kritisches Hinschauen. Selbstverständlich steht die Garnisonkirche für schlechte Traditionen der preußischen Geschichte, die sollen ja gerade sichtbar und diskussionsfähig werden, damit wir auch später noch wissen: Preußen, das waren nicht nur Traumschlösser und wertvolle Kulturgüter. Wir reden doch viel von "Ambiguitätstoleranz", das kann man hier ganz praktisch umsetzen: Preußen war Aufklärung, war am Ende der Weimarer Republik ein demokratisches Bollwerk gegen die Nationalsozialisten - und war zugleich Staatsvergottung und Militarismus. Die Garnisonkirche soll uns einen Spiegel vorhalten, der vielfach gebrochen, zersplittert ist. Die Stiftung muss sich der schwierigen Geschichte dieser Kirche stellen, darf sich darauf aber nicht beschränken. Sie sollte, nicht zuletzt in der Ausstellung, die Garnisonkirche in den Kontext preußischer und deutscher Geschichte stellen. Und die Geschichte in ein Lernen für die demokratische Gegenwart und Zukunft transformieren, bei dem die Wunden sichtbar bleiben.

Das Gespräch führte Yvonne Jennerjahn.

Nolte, Paul 2020

Prof. Dr. Paul Nolte

Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin

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