Antisemitismus ist keine Randerscheinung einer bestimmten Ideologie oder Bevölkerungsgruppe. Er ist für verschiedenste Ideologien anschlussfähig und findet sich in der politischen Linken wie in der Rechten, aber auch im Islamismus. Antisemitismus in muslimischen Communities ist dennoch ein besonders aufgeladenes Thema und wird wahlweise instrumentalisiert, bagatellisiert oder geleugnet.
In unserer Reihe Extreme Zeiten! unternimmt der Politikwissenschaftler Cemal Öztürk auf Grundlage mehrerer Bevölkerungsumfragen und Surveys unter Musliminnen und Muslimen in Deutschland den Versuch einer Versachlichung. Er beleuchtet die Verbreitung antisemitischer Ressentiments in der deutschen Gesellschaft, die Motive hinter der Externalisierung des Antisemitismus als Problem der „Anderen" sowie die Quellen der Empfänglichkeit für antisemitische Ressentiments unter Musliminnen und Muslimen.
Öztürks Diagnose lautet: Die Antisemitismuskritik steht nach dem 7. Oktober 2023 vor einer doppelten Herausforderung. Sie muss pauschalisierenden Zuschreibungen gegenüber Muslimen widerstehen, ohne dabei in die Falle einer Bagatellisierung des „islamisierten" Antisemitismus zu tappen.
Dr. Cemal Öztürk ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen. Von 2020 bis 2024 war er im BMBF-geförderten Projekt Radikaler Islam vs. Radikaler Anti-Islam als Assistent von Prof. Dr. Susanne Pickel tätig. Seine Forschung befasst sich mit den sozialpsychologischen Grundlagen muslimfeindlicher Einstellungen und antisemitischer Ressentiments sowie deren Bedeutung für gesellschaftliche Radikalisierungsprozesse.
Extreme Zeiten! ist eine Reihe des interreligiösen Netzwerks Grenzgänge. Neben der Evangelischen Akademie zu Berlin gehören ihm die Alhambra Gesellschaft e.V., der Evangelische Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg, das Berliner Missionswerk sowie die Apostel-Paulus-Kirchengemeinde Schöneberg an.