Erzähl von Anfang an!

Erzähl von Anfang an!

Adventsblog „Geburt und Anfang“ │ Ruth Ebach

© Eliza / photocase.de

Weihnachten und Schöpfung - Geburt und Anfang - sind in der christlichen Tradition eng mit der Symbolik des Lichts verbunden. Auch auf den Fotos zu unserem Adventsblog steht das Licht im Mittelpunkt.

An welchem Punkt man eine Erzählung beginnt, hat unmittelbaren Einfluss auf das dabei entstehende Bild. Die Verfasser des Alten Testaments wählten verschiedene Anfangspunkte ihrer Erzählungen über das Volk Israel. Diese unterschiedlichen Geschichten sagen viel darüber, in welchen Situationen sie für wen entstanden.

„Erzähl von Anfang an!“ Wenn Sie gebeten werden, Ihre Lebensgeschichte zu erzählen, wo fangen Sie dann an? Bei Ihrer Geburt oder vielleicht bei der Kennenlern-Geschichte Ihrer Eltern? Oder der Ihrer Großeltern? Die Entscheidung darüber, wo Sie Ihre Erzählung beginnen, hat unmittelbaren Einfluss auf das Bild, das Sie von sich selbst zeichnen. Setzen Sie etwa Ihren Bildungsstand mit dem Ihrer Eltern in Verbindung? Oder Ihre kulturelle Prägung mit der Einwanderung Ihrer Großeltern? Und bis zu welcher Generation (er-)zählt man zurück, um einen Migrationshintergrund sichtbar zu machen?

Was für jede einzelne Person gilt, gilt auch für Völker. Betont man aus der deutschen Geschichte zum Beispiel eher die germanischen Ursprünge oder das Heilige Römische Reich deutscher Nation, das die römische Rechtsordnung fortsetzte? Dass dies politische Implikationen hat, liegt auf der Hand.

Innerhalb der Hebräischen Bibel, des Alten Testaments, werden verschiedene Anfangspunkte der Erzählungen über Israel gewählt. Dabei gilt wie für alle biblischen Aussagen: Erstens deuten die Verfasser ihre jeweilige Gegenwart und Vergangenheit. Zweitens sind die Texte in dieser Vielstimmigkeit bewahrt worden – ein großer, polyphoner Schatz. Möchte man sie verstehen, ist es daher wichtig zu fragen, wer die entsprechende Geschichte wann und mit welcher Intention wem erzählt.

Auffällig ist, dass im Alten Testament gerade ein kollektives Trauma das Erzählen von der eigenen Herkunft beflügelt hat. Jerusalem war am Anfang des 6. Jahrhunderts vor Christus von den Neubabyloniern erobert worden, und viele Israelit*innen waren deportiert worden. Der Tempel, der zuvor theologisch die Sicherheit des Volkes garantierte, wie es gerade die älteren Teile des Jesaja-Buches betonen, war zerstört. Nun galt es, neue Perspektiven ohne Land, ohne eigenen König und ohne Tempel zu finden, um die eigene Identität nicht zu verlieren und sie neu zu prägen. Gegen die Annahme, der eigene Gott sei den babylonischen Gottheiten unterlegen, wird gerade seine Wirkmächtigkeit betont. Ihm sei der Verlauf der Welt nicht entglitten, sondern er beherrsche sie vielmehr von Anfang an:

„Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“, so lautet gleich der erste Vers der Bibel. Gottes Schöpfungsakt bildet damit den Anfang der menschlichen Geschichte. Später wird erzählt, wie die Gründungsfigur Abraham aus Babylonien in das versprochene Land zieht. Zweierlei betonen diese Verfasser mit ihrer Anfangserzählung: zum einen die unbeschränkte, universale göttliche Macht und zum anderen die Möglichkeit, wieder in das versprochene Land zu ziehen.

Anders beschreibt es das 5. Buch Mose, das Deuteronomium. Israel entstand erst in Ägypten so schildert es Dtn 26,5. Der Exodus, die Befreiung aus der Sklaverei, als kollektives Urerlebnis prägt die Texte. Diese Erinnerung an die Befreiung hat deutliche Implikationen für die Gegenwart und das geforderte soziale Verhalten. Der gute Umgang mit Abhängigen wird in Dtn 15,15 so begründet: „Du sollst daran denken, dass du auch Knecht im Land Ägypten warst und Jhwh, dein Gott, dich erlöst hat; darum gebiete ich dir solches heute.“

Als weitere Anfangspunkte des Volkes Israel werden im gleichen Buch die Übergabe des Gesetzes am Gottesberg (Dtn 4; 5; 9; 29) und der Bundesschluss im Land Moab unterstrichen. Das Gesetz als Kern der Identität! Man kann hierin – etwas anachronistisch –manche Aspekte eines Verfassungspatriotismus erkennen. Die Befreiung aus Ägypten, die Gabe des Gesetzes, der Bundesschluss – all dies sind Anfänge außerhalb des Landes. Und so kann man nun im Exil an diese Anfänge anknüpfen, den eigenen Migrationshintergrund stark machen, neu beginnen und wieder in das Land einwandern. Hält man sich an den Bund mit Gott und an die Gesetze, so betonen es diese biblischen Stimmen, wird dieser neue Versuch des Landbesitzes von Erfolg gekrönt sein.

Israel wurde von Gott in der Wüste gefunden und muss auch dahin zurück (Dtn 32; Hosea 9; 13), so heben es andere Stimmen hervor. Der Zeit des Wohlstands, in der es zur Abkehr von Gott kam, wird eine Zeit der engen Verbindung gegenübergesetzt, in der man sich in der kargen Wüste nur auf ihn verließ. Durch diese Wohlstandskritik wird der Kern der Gottesbeziehung wieder freizulegen versucht. Man ist geneigt, hier an manch konsumkritische Stimme in der Vorweihnachtszeit zu denken. Aber die Texte gehen viel weiter, erklären sie doch den realen Verlust des Wohlstandes zu einem heilsbringenden Ereignis.

Diese Anfangs-Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen, doch zeigen schon die wenigen Beispiele die Kraft des Anfangspunktes einer Erzählung. Wenn Sie in den Weihnachtstagen Zeit zum Erzählen finden, dann wählen Sie doch einmal einen anderen Anfangspunkt und schauen Sie, was mit Ihrer Geschichte passiert.

Ruth Ebach ist Professorin für historisch-philologische Exegese der Hebräischen Bibel an der Universität Lausanne (Schweiz).

 

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