Aufgaben in der Gesellschaft nicht vergessen

Aufgaben in der Gesellschaft nicht vergessen

Akademiedirektorin Krippner zur EKD-Synode

Krippner Gendarmenmarkt 2021

© EAzB / Karin Baumann

„Kirche sein heißt, Kirche für Menschen zu sein“, betont Akademiedirektorin Friederike Krippner im Interview der Wochenzeitung Die Kirche vor der EKD-Synode. Deshalb dürfe die EKD bei allen Strukturdebatten ihre Aufgaben in der Gesellschaft nicht vergessen. „Mit aller Macht“ müsse sie sich dem Umgang mit sexualisierter Gewalt in der Kirche stellen. Angesichts von Fluchtbewegungen und Entwicklungen wie aktuell in Afghanistan brauche zudem die kirchliche Friedensarbeit neue Impulse.

Die Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) vom 7. bis 10. November steht im Zeichen der Neuwahl von Rat und Ratsvorsitz. Die Kirche hat Krippner, die Mitglied der Synode ist, vorab über ihre inhaltlichen Erwartungen sowie zur Wahl des oder der neuen Ratsvorsitzenden befragt.

Die Kirche: Die Kirche befindet sich im Umbruch, stellt sich für die Zukunft auf. Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen, die die EKD in Angriff nehmen muss?

Friederike Krippner: Kirche existiert nie für sich. Das gilt auch für die EKD als Zusammenschluss aller evangelischen Landeskirchen: Kirche sein heißt, Kirche für Menschen zu sein. Wir haben eine Botschaft und wir haben Aufgaben in der Gesellschaft, in der Welt. Dies nicht zu vergessen über allen Sparplänen, Verwaltungsrestrukturierungen und sinkenden Mitgliedszahlen, scheint mir manchmal die größte Herausforderung.

Der am meisten mit Spannung verfolgte Tagesordnungspunkt wird wohl die Wahl der oder des Ratsvorsitzenden sein. Welche Eigenschaften sollte Ihrer Meinung nach die Person mitbringen, um die anstehenden Zukunftsprozesse gut voranzubringen? Und ist es Zeit für eine Frau?

Eines ist klar: Das Amt der oder des Ratsvorsitzenden ist kein leichtes. Was ich mir wünsche: eine Person die begeistert und sich begeistern lässt; einen Mensch mit einer Vision für unsere Kirche und für die EKD; jemanden mit einem klaren theologischen und gesellschaftspolitischen Profil; eine gleichzeitig intellektuelle wie den Menschen zugewandte Person; eine diplomatische Person mit integrativer Kraft, die zugleich Konflikte aushält. Ich gebe mich aber auch mit ein bisschen weniger zufrieden. Bloß eines darf in dem Amt wirklich nicht fehlen: eine gehörige Portion Optimismus!

Zu ihrer zweiten Frage: Während wir dieses Interview führen, nehme ich an einer internationalen Konferenz teil und stelle wieder einmal als eine der wenigen Frauen im Raum fest, dass die globale Christenheit und auch der Protestantismus in ihrem Führungspersonal ausgesprochen männlich dominiert ist. Das Traurige ist, dass ich mich für diese Feststellung nicht in internationale Gefilde begeben muss, sondern dass ein Blick in die Runde deutscher evangelischer Akademiedirektoren oder in die der Superintendenten in der EKBO reicht. Insofern ist meine Antwort ein klares und lautes: Ja!

Erwarten Sie einen neuen Tagungsstil durch die Sitzungsleitung der neuen 25-jährigen Präses Anna-Nicole Heinrich?

Natürlich erwarte ich einen neuen Tagungsstil, aber nicht, weil Anna-Nicole Heinrich 25 ist, sondern weil sie eine andere Person als Irmgard Schwaetzer ist und daher anders leiten wird. Ich bin gespannt und freue mich darauf!

Neue Finanzstrategie, Haushalt, Einsparungen von 17 Millionen, wie weiter mit dem Betroffenenrat beim Thema sexuelle Gewalt in der Kirche, der Bericht des Friedensbeauftragten – wichtige Aufgaben stehen an. Welche Fragen, die sich für Sie aus den Themen der Tagesordnung ergeben, nehmen Sie mit im Gepäck?

Sie haben die zwei Themen, die mich am meisten beschäftigen, schon benannt. Wie gehen wir weiter um mit dem Thema sexualisierter Gewalt in der Kirche? Welche konkreten Pläne gibt es? Wir müssen uns diesem Thema mit aller Macht stellen – und das noch deutlicher, als bisher geschehen. Wir müssen verbindliche Standards im Umgang mit Betroffenen entwickeln; diese müssen überprüft werden können. Wir müssen an der Prävention arbeiten. Und all dies wird nicht ohne die konsequente Einbeziehung von Betroffenen gehen.

Und dann die Frage, wie es mit dem Thema Frieden in unserer Kirche weitergeht. Niemand wird bestreiten, dass Frieden eine der zentralen christlichen Botschaften ist. Aber was heißt das konkret in unserer Welt? Wie ist Friedensarbeit zu denken angesichts der Geschehnisse in Afghanistan, angesichts von Flüchtlingsbewegungen mit ihren vielschichtigen Gründen, angesichts des Zusammenhangs von Konflikten und Klimawandel – um nur wenige Aspekte zu nennen. Wo verorten wir uns als Kirche, in welchen Kontexten sind wir sprachfähig, wie können wir unseren Teil für eine friedlichere Welt leisten? Diese Fragen stellen sich für mich auch vor dem Hintergrund, dass die Friedensarbeit in der Kirche junge Menschen nach meinem Eindruck derzeit eher nicht hinter dem Ofen hervorlockt. Große Fragen also, denen sich die Synode hoffentlich stellt.

Und dann bin ich Co-Leiterin des Zukunftssauschusses der Synode, in dem wir uns unter anderem mit einem, wie ich finde, sehr spannenden Thema beschäftigen: Papiere schreiben ist das eine. Handlungen daraus folgen zu lassen, ist aber etwas anderes. Wie können wir eine „Kultur der Umsetzung“ in unserer Kirche etablieren?

Bringen Sie ein Thema aus der EKBO oder der Arbeit der Akademie mit, das Sie einbringen möchten?

Als Akademiedirektorin bin ich schon qua Amt neugierig auf alle zivilgesellschaftlichen Themen. Außerdem versuche ich als jemand, der zumindest beruflich erst ganz kurz in unserer Kirche tätig ist, stets meinen ungebremsten Optimismus einzubringen: Ich sehe uns als Kirche in einer sich stetig wandelnden, auch immer säkularer werdenden Gesellschaft, die gerade daraus aber große gesellschaftliche Wirkkraft entfalten kann. Packen wir’s also an!

Das Interview veröffentlichen wir mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitung Die Kirche. Die Fragen stellte Die Kirche-Redakteurin Sibylle Sterzik.

Krippner, Friederike 2020

Dr. Friederike Krippner

Akademiedirektorin

Telefon (030) 203 55 - 505

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