2021-04-27 Blog Paul Nolte

Weiterleben nach dem Tod: Erinnerung, Gemeinschaft, Aussendung

27.4.2021 | Blog | Paul Nolte

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

Der Mensch ist tot. Der Sarg oder die Urne sind der Erde übergeben. Gibt es Hoffnung auf ein Weiterleben in anderem Aggregatzustand? Glaubte die Verstorbene selber an eine Auferstehung in einer überzeitlichen Zukunft, in welchem Sinne auch immer? Auf dem Weg von der Kapelle, der Trauerhalle, dem Grab trifft man sich erst einmal zum Beerdigungskaffee: Eine merkwürdig profane Sitte in unserer Kultur. Aber von diesem Ritual geht eine andere Form des Weiterlebens nach dem Tode aus – das Weiterleben der anderen, der Hinterbliebenen. Bei Kaffee und Streuselkuchen konstituiert sich die Gemeinschaft der Weiterlebenden. Der geliebte Mensch ist nicht mehr da, lange erwartet oder auch ganz plötzlich. Jetzt muss es ohne ihn weitergehen, auch ganz praktisch gesehen, etwa in der Neuverteilung familiärer Aufgaben, in der Sorge für andere. Die „Hinterbliebenen“ knüpfen ihre Netze neu.

Nach dem Tod: Das Leben! Das ist der Urrhythmus, solange wir dem Ziel der irdischen Unsterblichkeit nicht wirklich nähergekommen sind. Der Abschied fällt leichter, weil andere auch schon gegangen sind – die Großeltern, die Eltern – und weil inzwischen andere geboren wurden – eigene Kinder, vielleicht auch Enkelkinder, oder überhaupt: Jüngere, die das Leben der Toten irgendwie fortsetzen, aber vor allem, und zum Glück, eigene Wege gehen. Dieses Weiterleben hat also zwei Facetten, nämlich die Weitergabe und die Erinnerung. Dass die Nachgeborenen, insbesondere die eigenen Kinder, das Leben der Eltern unmittelbar fortsetzen sollen, spielte früher eine größere Rolle als heute. Manchmal war das eine ökonomische Notwendigkeit, wie in der Weitergabe des Hofes in der ländlichen Gesellschaft. Oder es war symbolische Markierung, wie in der Namensgebung, wenn der älteste Sohn den Vornamen des Vaters „erbte“. Individualisierung, Autonomieansprüche und Mobilität haben diese Formen des beauftragten Weiterlebens seit vielen Jahrzehnten immer mehr an den Rand gedrängt.

Die andere Facette aber ist geblieben – und wenn nicht alles täuscht, sogar wichtiger geworden, individuell, aber vor allem in der kollektiven Bearbeitung des Weiterlebens nach dem Tode. Individuelle Erinnerung begann mit einer Begräbniskultur, mit dem namentragenden Grabstein, mit dem „Wohnort“ des Verstorbenen auf dem Friedhof. Diese Erinnerungsformen sind zwar erodiert, aber andere hinzu- oder an ihre Stelle getreten, auch mit Hilfe digitaler Technologien. Die kollektive Erinnerung jedoch, das Weiterleben der Verstorbenen in einer Erinnerungsgemeinschaft, hat für das Selbstverständnis gegenwärtiger Gesellschaften eine viel größere Bedeutung gewonnen als früher. Das hat gewiss mit den Schrecken und den Verbrechen des 20. Jahrhunderts zu tun. Millionen Tote sollen nicht namenlos bleiben, sondern „bei ihrem Namen gerufen werden“. Darin verknüpfen sich, christlich gesehen, göttliche Zusage (Jes 43, 1) und moralischer Auftrag an die Weiterlebenden. Beim Zentralen Gedenkakt für die Verstorbenen in der Pandemie hat der Bundespräsident zwischen Ostern und Pfingsten eindringlich zu dieser Erinnerung jenseits der Zahlen und Statistiken gemahnt.

Zwischen Ostern und Pfingsten – kein Zufall, denn in dieser Verknüpfung sind Fragen nach dem Weiterleben nach dem Tod aufgeworfen. Von Ostern nach Pfingsten werden Geschichten erzählt, nicht nur vom Tode und der Auferstehung Jesu Christi oder der Hoffnung, dass auch uns das widerfahren möge. Es sind zugleich Geschichten des Weiterlebens in irdischer Existenz. Sie erzählen von der Erinnerung an den Toten („das tut zu meinem Gedächtnis“), vor allem aber von der Weitergabe des beendeten Lebens und von der Gemeinschaft der Weiterlebenden. Den Jüngerkreis gibt es schon zu Lebzeiten Jesu – aber nach dessen Tod konstituiert er sich neu und tritt mit einer Botschaft, etwa dem von dem wieder erschienenen Christus gegebenen Missionsauftrag (Mt 28, 19), in die Welt hinaus. Aus dem Tod erwächst Gemeinschaft, nicht nur im geschlossenen Kreis der Zurückgebliebenen, sondern im Hinaustreten, in neuer Vernetzung. Die Pfingstgeschichte erzählt von solcher Vernetzung der Weiterlebenden, nicht in stiller Trauer, sondern erfüllt vom Geiste und über Sprachgrenzen hinweg, als Vorgriff auf eine weltumspannende, globale Community. Im Weiterleben klafft eine Wunde, die auch durch Erinnerung nur unzureichend geschlossen werden kann. Aber das Weiterleben ist, im Lichte von Pfingsten, keine Schrumpfform der Existenz, sondern ein Auftrag zu grenzenloser Gemeinschaft.

Paul Nolte lehrt Neuere Geschichte und Zeitgeschichte an der Freien Universität Berlin und ist Präsident der Evangelischen Akademie zu Berlin.

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