2021-05-06 Blog Niklas Schenck

Re:Resettlement

6.5.2021 I Blog I Niklas Schenck

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

Vor einem Jahr suchte unser Pflegesohn Hasib das Gespräch mit meiner Partnerin Ronja und mir. 2015 hatten wir ihm auf dem letzten Abschnitt seiner Flucht aus Afghanistan geholfen; einige Monate später zog er aus einer Hamburger Sammelunterkunft als Pflegesohn zu uns – gemeinsam setzten wir das danach gegenüber den Behörden durch. „Ich will mir einmal beweisen, dass ich wirklich auf eigenen Beinen stehen kann, dass ich es geschafft habe“, sagte Hasib uns an diesem Tag, „ich will in eine eigene Wohnung ziehen“. Es folgten emotionale Wochen. Bis zu Hasibs Auszug haben wir häufig gemeinsam zurückgeschaut. Auf die Hürden, die er in diesen fünf Jahren überwunden hatte, von der Flucht und dem zähen Asylverfahren über rassistische Polizeikontrollen und den Schulabschluss gegen den Widerstand einiger Lehrer*innen bis zu den Auseinandersetzungen mit Jugendamt und Jobcenter. Aber noch mehr blickten wir auf Momente des Glücks zurück. Darauf, wie wir in der Zeit als Familie zusammengewachsen waren, auf gemeinsame Reisen, darauf, wie eng Hasib mit unseren beiden großen Familien verwachsen war – so sehr, dass einer unserer Neffen auf dem Schulhof fast die Faust erhob, als jemand schlecht über Menschen sprach, die aus ihrer Heimat fliehen müssen.

Diese Gedankenreisen machten uns bewusst, wie wenig von unserem gemeinsamen Weg wir abgebildet sahen im medial vermittelten Diskurs über junge Männer, die allein hierher geflohen sind. Junge Männer, die ohne Familie flohen, waren spätestens seit 2015 Projektionsfläche für Hass und wurden politisch instrumentalisiert, man sprach anders von ihnen als von allen anderen Menschen auf der Flucht, und vor allem: Man sprach über sie, nicht mit ihnen. Also baten wir Hasib und sechs weitere junge Männer, uns aus ihrer Sicht von diesen ersten Jahren in Deutschland zu erzählen. Das Ergebnis, den Dokumentarfilm “Wir sind jetzt hier”, zeigen wir nun fast täglich in Online-Vorführungen – meist beantworten die Protagonisten danach in einem Filmgespräch Fragen.

Eines der ersten Gespräche zu dem Film hat unseren Blick auf die Krisen der letzten Jahre stark verändert. Auf die Pushbacks an den europäischen Außengrenzen und im Mittelmeer, auf Lager wie Moria, in denen Menschen als Faustpfand benutzt werden und unter qualvollen Umständen leben müssen, damit andere von einer Flucht abgeschreckt sein mögen – ein zynisches Vorgehen im Blickfeld aller EU-Staaten. Diese Krisen werden einzeln bewältigt, meist schmerzvoll langsam – und zugleich instrumentalisieren Rechtspopulisten die Bilder dieser Krisen, um Angst zu schüren. So wird der Gedanke der Genfer Flüchtlingskonvention im Jahr 70 nach ihrer Unterzeichnung schleichend ausgehöhlt. Das müsste nicht so sein, erklärte uns der Soziologe und Autor Gerald Knaus, nachdem er „Wir sind jetzt hier“ gesehen hatte: „Der zentrale Widerspruch in eurem Film ist doch, dass alle sieben Protagonisten hier Schutz zugesprochen bekamen – aber sechs von ihnen mussten erst auf irregulärem Weg hierher fliehen, damit ihr Anspruch überhaupt geprüft wird.“ Das stimmt: Sechs der Männer hatten ihr Leben auf dem Mittelmeer riskiert, schreckliche Erlebnisse überstanden, das Ersparte ihrer Familien verbraucht – dabei hatten sie das Recht auf Schutz ja schon BEVOR sie in ein Boot stiegen. Es stand ihnen zu, das wurde jedem von ihnen seither vom BAMF oder von einem Gericht bestätigt.

Seither begleitet unsere Filmgespräche die Frage: Warum prüfen deutsche Behörden den Anspruch auf Schutz künftig nicht schon im Heimatland oder in einem Transitland, etwa in der Türkei? Dann könnten Menschen mit der Anerkennung im Gepäck sicher hierher reisen, ohne sich weiteren traumatischen Erlebnissen auszusetzen. Sie hätten ab dem ersten Tag Zugang zu Deutschkursen und dem Arbeitsmarkt – und im Idealfall einen Unterstützerkreis, der sie bereits kennt.

Kanada geht schon seit Jahrzehnten so vor, Resettlement nennt man das, auf Deutsch etwas sperrig “Neuansiedlung”. Die Regierung Trudeau lässt jedes Jahr allein 20.000 Menschen für das Resettlement über ein Programm zu, bei dem private Paten vorab die Verantwortung übernehmen – Gruppen von Privatpersonen, Kommunen, Vereine, Kirchen- und Moscheegemeinden. Studien zeigen, dass Menschen auf diesem Weg meist schon nach einem Jahr keine staatliche Hilfe mehr benötigen.

Auf Deutschlands Einwohnerzahl gerechnet entspräche das 42.000 Menschen pro Jahr – 0,05% der Bevölkerung. Das wären 42.000 Menschen pro Jahr, die nicht in ein wackliges Schlauchboot steigen müssten. Die Aufnahme dürfte für deutsche Kommunen leicht zu stemmen sein: Eine Stadt wie Hamburg, mit 1,84 Mio. Einwohnern, müsste nach diesem Verfahren jährlich 920 Menschen absorbieren. Regensburg, wo die Gruppe „Unser Veto“ für Resettlement wirbt, hätte 74 Menschen aufzunehmen.

Das Wahljahr 2021 bietet die Chance, eine solche simple, aber grundlegende Reform in Wahlprogramme und in Koalitionsverträge zu schreiben. Dann könnte Deutschland vorangehen beim Resettlement, zusammen mit Kanada und den USA, die unter Joe Biden ihr Resettlementprogramm wiederbeleben und jährlich 125.000 Menschen aufnehmen wollen. Andere europäische Länder würden dem Beispiel folgen.

Warum schreibe ich über Resettlement in diesem Blog, der unter dem Leitthema “Am Ende: Das Leben!” steht? Weil flüchtende Menschen nach den bisherigen Verfahren ihr Leben riskieren müssen, um auch nur die Chance auf ein Menschenrecht zu erlangen: Ohne Angst vor einem vorzeitigen, gewaltsamen Ende leben zu können.

Niklas Schenck ist freiberuflicher Journalist und produziert Dokumentarfilme gemeinsam mit seiner Partnerin, der Journalistin und Autorin Ronja von Wurmb-Seibel. Mehr über den Film „Wir sind hier!“ finden Sie unter: https://www.fes.de/wirsindjetzthier.

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