2021-05-10 Blog Gilda Sahebi

Das Mitgefühl-Paradox

10.5.2021 | Blog | Gilda Sahebi

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

Wie weit reicht der Gewöhnungseffekt einer Gesellschaft? Diese Frage stellte ich mir, als im Januar zum ersten Mal mehr als eintausend Menschen an einem einzigen Tag infolge einer Corona-Infektion starben. Ich dachte: Müsste jetzt nicht irgendetwas passieren? Etwas unternommen werden? Wäre ein Mensch, der mir nahe ist, unter diesen eintausend Verstorbenen, würde ich dann einfach weiter meinem Tag nachgehen? Würde ich nicht denken, dass die Welt aufhören müsste sich zu drehen? Und: Ist das jetzt alles normal?

Nein, ist es nicht. Aber es fühlt sich so an, für viele von uns. Auch für mich. Die hohen Todeszahlen und die hohen Zahlen an Erkrankten berühren uns nicht mehr wie vor einem Jahr. Wir nehmen sie wahr. Wir sind vielleicht schockiert. Aber wir spüren kein Mitgefühl mehr. Dabei hat sich nichts geändert. Wobei, eigentlich doch, zum Schlimmeren: Es grassiert ein neues Virus, das noch ansteckender und tödlicher ist als das alte. Mehr Menschen erkranken, mehr Menschen sterben.

Der Gewöhnungseffekt bei uns Menschen, er kann sehr weit gehen. Es gibt unzählige Studien dazu. In vielen ist die Rede von einem „Nachlassen des Mitgefühls“. In seiner Studie aus dem Jahr 2015 spricht der führende Psychologie-Forscher Paul Slovic sogar von einem „Kollaps des Mitgefühls“: Und zwar umso deutlicher, je mehr Menschen betroffen sind. Es fällt uns leichter, mit einem einzigen Menschen Mitgefühl zu haben als mit eintausend. Das liege daran, so Slovic, dass wir diesen einen Menschen, mit Namen und Gesicht, als „kohärente Einheit“ wahrnehmen, als Individuum – anders als eine große, nicht zu identifizierende Masse.

In einer anderen Studie aus dem Jahr 2014 untersuchten US-amerikanische Wis­sen­schaft­le­r*in­nen die Spendenbereitschaft für kranke Kinder. Das Ergebnis: Je mehr Kinder betroffen waren, umso stärker sank die Bereitschaft, ihnen zu helfen. Schon bei zwei kranken Kindern anstatt einem kranken Kind ließ die Spendenbereitschaft nach. Das Leid nimmt zu, unser Mitleid ab. Ein gefährliches Paradox.

Ein Paradox, dessen Auswirkungen wir in der Pandemie sowohl in der Gesellschaft als auch in der Politik beobachten: Standen vor einem Jahr noch Menschen an Fenstern und klatschten für das medizinische Personal, sehen wir heute davon nichts mehr – obwohl viele Pflegekräfte und Ärzt*innen nach einem Jahr Pandemie an ihre Grenzen kommen. Wurden politisch vor einem Jahr bei viel niedrigeren Infektionszahlen strikte Maßnahmen beschlossen und durchgesetzt, wird heute gewartet. Obwohl mit jedem Tag Warten mehr Menschen erkranken und sterben. Wir reagieren anders als vor einem Jahr. Wir haben uns daran gewöhnt.

Man kann das Mitgefühl-Paradox umgehen. Man kann sich immer wieder bewusst machen, dass die täglichen Infektionszahlen eben das nicht sind: Zahlen. Es klingt banal. Aber es sind Menschen. Ich habe in den vergangenen Monaten immer wieder mit Betroffenen gesprochen, zum Beispiel mit Pfleger*innen, die das Leid auf den Intensivstationen täglich miterleben. Ich habe Berichte über Covid-Kranke gelesen. Ich habe mitgefühlt. Nicht um Angst zu verspüren. Mit Angst hat Mitgefühl nichts zu tun. Ich wollte mitfühlen. Ganz bewusst. Weil ich merkte, dass ich mich an das Leid der anderen gewöhnt hatte.

Nun betrifft das Mitgefühl-Paradox nicht nur die Corona-Pandemie; wir erleben dasselbe bei Geflüchteten, bei der Klimakatastrophe, bei Hungersnöten. Aber wenn es uns nicht einmal gelingt, dieses Paradox zu umgehen, wenn es um Menschen geht, die so nah sind – wie soll es erst bei Menschen funktionieren, die viel weiter weg sind?

Der Gewöhnungseffekt betäube uns, heißt es in Paul Slovics Studie. Nur ist gerade, mitten in einer Pandemie, der ungünstigste Zeitpunkt gefühlstaub zu sein. Also müssen wir uns daran erinnern, was es heißt Mitgefühl zu haben. Mitgefühl für Angehörige, für Erkrankte, für sozial isolierte Kinder und Schüler*innen, für überforderte Eltern, für Selbständige mit Existenzängsten.

Mitgefühl kommt nicht immer von allein. Manchmal muss man sich anstrengen, es aufrechtzuerhalten. Anders geht es nicht. Wozu Gewöhnung an Leid führt, wissen wir inzwischen: zu noch mehr Leid. Also strengen wir uns an.

Gilda Sahebi ist Ärztin und Politikwissenschaftlerin. Sie arbeitet als freie Journalistin und Projektleiterin bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen. Der hier veröffentlichte Text erschien zuerst in der tageszeitung (taz) in Gilda Sahebis Kolumne „Krank und Schein“.

nach oben

Unsere Webseiten verwenden Cookies zur Verbesserung der Bedienung und des Angebots sowie zur Auswertung von Webseitenbesuchen. Mit Ihrer Zustimmung erteilen Sie die Erlaubnis, Daten an Drittanbieter, wie z.B. Google Maps und Youtube, zu übertragen. Einzelheiten über die von uns eingesetzten Cookies und die Möglichkeit, diese abzulehnen, finden Sie in unseren Datenschutzhinweisen.