2021-05-14 Blog Tamara Hahn

Kein Lockdown für die Hoffnung

14.5.2021 | Blog | Tamara Hahn

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

„Man ist nur unruhig, solange man noch Hoffnungen hat.“ Das Zitat wird dem Schriftsteller Hermann Hesse (1877 –1962) zugeschrieben. Unruhig sind wir in diesen Tagen, Wochen, Monaten. Alle. Ab wann können wir an der Evangelischen Akademie wohl wieder analoge Tagungen an real vorhandenen Orten planen? Gefühlt jeden Tag ändern sich die Regeln unseres Zusammenlebens. Impfungen kommen jetzt schon gut voran. Jeden Tag höre ich, dass jemand seinen oder ihren Impftermin immerhin schon geplant hat. Es kann also nicht mehr so lange dauern.

Dann wieder lese ich von Virus-Mutationen, die alle Impfkampagnen ins Wanken bringen könnten, von Zigtausenden, die sich immer noch oder schon wieder täglich anstecken; von überlastetem Personal auf den Intensivstationen; von Menschen, die an oder mit diesem Virus, aber in jedem Fall einsam sterben. Worauf können sie hoffen? Wie können wir jetzt von Hoffnung sprechen? Sind nicht nur wir, sondern auch unsere Hoffnungen – auf Nähe oder Gemeinschaft – im harten Lockdown?

Besser also gleich alles online planen! Dann haben Unruhe und Unsicherheit wenigstens in dieser Hinsicht ein Ende. Wie zum Trotz planen wir aber weiter zwei- bis dreigleisig: analog, hybrid, ganz online. Als gäbe es nichts Wichtigeres!

Bei den Europäischen Bibeldialogen sind es ausgerechnet die „Nicht-Deutschen“, die ihre Hoffnung auf Begegnung am deutlichsten aussprechen. Sie hoffen auf ein Beisammensein in Berlin oder anderswo; auch mit Abstand und Gesichtsmasken, auch ohne singen und umarmen. Sie hoffen darauf, einander wieder dreidimensional und mit allen Sinnen wahrnehmen zu können. Dabei sind doch ihre Reisepläne am unsichersten. Werden die Grenzen nach Deutschland offen sein? Wird es die billigen Buslinien noch geben?

Mir wird deutlich, dass die Teilnehmer*innen aus Polen, Lettland oder Rumänien sich nicht für die Sehenswürdigkeiten Berlins auf den Weg machen wollen, sondern um den Schwestern und Brüdern zu begegnen. Viele kommen aus den protestantischen Minderheitskirchen Mittel- und Osteuropas. In einigen Ländern sind Nationalismus und Rechtspopulismus am Erstarken und Minderheiten haben Grund, sich zu sorgen. Viele haben schon gewaltige Veränderungen in ihrem Land erfahren, aber trotz aller Rückschläge ihr Hoffen, ihre Unruhe und das Warten nicht verlernt.

Hier in unserem Land sind wir des Wartens müde. Auch das Hoffen wird uns allmählich zu anstrengend. Unser Leben – zumindest das der Privilegierteren im Land – schien doch vor Corona ganz gut; so hätte es gern bleiben dürfen. Die von „Fridays for Future“ geforderten Veränderungen, die Ertrinkenden im Mittelmeer … haben wir vor lauter Warten auf eine „Vor-Corona-Normalität“ verdrängt.

Begegnungen mit den Brüdern und Schwestern in Europa sind wichtig. Sie erinnern an die Notwendigkeit von grenzenloser und lebensfroher Solidarität. Sie erinnern daran, dass wir als Christen zu einer größeren Gemeinschaft gehören und dass wir nicht allein auf der Welt sind. Damit solche Hoffnung nicht nur im Kopf, sondern in unseren Herzen ankommt, braucht es echtes Zusammenleben – mehr als ein paar Stunden am Computer mit Bildern und Texten. Es braucht die persönliche Begegnung, um zu wissen, wer einen gerade zustimmend anlächelt oder wer sich gerade kritisch räuspert. Es braucht zufällige Gespräche auf dem Weg, die nicht per Breakout-Session geplant wurden. Es braucht auch das Schweigen, das nicht der Stummschaltung zu verdanken ist.

Ich muss an die Jünger Jesu auf dem Weg nach Emmaus denken: entmutigt durch den Tod Ihres Lehrers und Freunds und randvoll mit Trauer. Erst in der Begegnung mit dem Auferstandenen finden auch sie zurück ins Leben; erst beim Brotbrechen erkennen sie den Lebendigen. Auf solche Begegnungen, auf Gespräche am Weg und eine gemeinsame Mahlzeit – auf die Rückkehr ins Leben miteinander, darauf warten wir – ungeduldig, unruhig, und voller Hoffnung.

Tamara Hahn ist Anglistin und Germanistin. Die Studienleiterin organisiert die Europäischen Bibeldialoge als Begegnungstagungen für ehrenamtlich Engagierte aus ganz Europa – meist in Berlin aber auch in anderen Ländern Europas und zurzeit auch online.

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