2021-05-17 Blog Jan-Peter Braun

Die Würde des Menschen auf der Intensivstation

17.5.2021 | Blog | Jan-Peter Braun

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

Im März 2020 kamen die ersten Covid-19-Patient*innen aus dem Urlaub in Tirol auf unsere Intensivstation. Jeden Tag nahmen wir neue Patient*innen auf, die nicht mehr atmen konnten. Wir mussten schnell handeln, um Leben zu retten. Da sich diese Szenen in vielen Krankenhäusern gleichzeitig ereigneten, wurden die Verbrauchsmaterialien knapp, es gab zu wenig Schutzkleidung und Medikamente. Bei Pflegekräften und Ärzt*innen wuchs die Angst, sich selbst zu infizieren.

Die ersten Corona-Erlebnisse und die dramatischen Bilder aus Italien ließen uns befürchten, wir müssten bald Entscheidungen gegen das Leben treffen, falls die Intensivbetten knapp werden sollten. Verschiebbare Operationen wurden neu terminiert, geplante Behandlungen verschoben. Kritisch kranke Patienten, die nicht unmittelbar nach Luft rangen, mussten in Krankenhäuser verlegt werden, die noch Kapazität hatten. Der Begriff „Triage“ geisterte herum, blieb aber nur eine Befürchtung. Auch in der zweiten Infektionswelle, als sich die Patientenzahlen schlagartig verdoppelten, konnten wir die Patient*innen versorgen, die in die Krankenhäuser gebracht wurden. Wie viele zu Hause geblieben sind, denen nicht geholfen wurde, können wir nur erahnen.

Sterben ohne Abschied

Wir erlebten dramatische Krankheitsverläufe, die wir in dieser Art noch nicht gesehen hatten. Täglich versetzten wir Menschen ins künstliche Koma, beatmen sie und nahmen ihnen so die Möglichkeit, vielleicht zum letzten Mal mit ihren Liebsten zu sprechen. So starben in der ersten Welle viele der Covid-19-Patient*innen allein, ohne sich von ihren Angehörigen verabschieden zu können. Diese lagen meist selbst an Corona erkrankt im Krankenhaus oder waren in Quarantäne. Patient*innen, die sich bewusst entschieden hatten, nicht beatmet zu werden, konnten sich über Tablet-PCs oder Smartphones in Videotelefonaten von ihren Angehörigen verabschieden.
Wir selbst waren vollständig in Schutzkleidung gehüllt und hatten keinen unmittelbaren Hautkontakt zu unseren Patient*innen. Die nicht mit SARS-CoV-2 infizierten Intensivpatient*innen mussten wir vor den Corona-Patient*innen schützen. Einige von uns Pflegekräften und Ärzt*innen infizierten sich und wurden selbst Patient*innen. Die Kolleg*innen mussten sich nach dem Ablegen der Schutzkleidung voreinander schützen, jeder konnte infiziert sein. Wir fingen an, Dienstpläne für Gruppen zu schreiben, damit das Virus sich nicht unkontrolliert im Personal ausbreiten konnte.

Solidarität, Mut und Augenmaß

In diesem apokalyptischen Umfeld entwickelte sich eine starke Solidarität zwischen Pflegenden und Ärzt*innen. Kolleg*innen aus anderen Bereichen arbeiteten sich auf der Intensivstation ein und lernten, im Team die neuen Aufgaben zu meistern. Wir Intensivmediziner*innen schlossen uns in einem Netzwerk zusammen, hielten engmaschig Videokonferenzen ab, stellten uns gegenseitig die neuen Krankheitsverläufe vor und lernten gemeinsam, aus aktuellen Studien die optimalen Therapien gegen Covid-19 zu entwickeln. Mutige Patholog*innen widersetzten sich der Empfehlung, die mit Sars-CoV-2 infizierten Leichen keinesfalls zu untersuchen. Diese Kolleg*innen lehrten uns, die neue Krankheit richtig zu verstehen. Die Ungewissheit wich der Erkenntnis. Gemeinsam wurden wir immer besser in der Behandlung dieser Seuche, Kranke konnten häufiger geheilt werden.

Aus der Pandemie haben wir gelernt, die neuen Probleme gemeinsam zu lösen. Gemeinsam prüften wir noch gründlicher, als wir es gewohnt waren, ob ein Mensch Aussicht auf Heilung auf der Intensivstation hatte – oder ob er schon so schwer krank war, dass es nur noch darum gehen konnte, Schmerz, Durst und Luftnot zu lindern. Das ethische Bewusstsein war dafür gereift, die Sterbenden vor Übertherapie zu schützen. Die Würde des Menschen hatte ihren Platz auf der Intensivstation behauptet. Im Rahmen der Abstandsregeln haben wir Besuche und Sterbebegleitung ermöglicht, haben die Hygieneverordnungen mit Augenmaß neu geschrieben und sind uns menschlich nähergekommen.

Am Ende bleiben uns viele Bilder, die wir nie mehr vergessen werden: der 42-jährige Familienvater, der nach zwei Monaten Beatmung seine Lebensfreude neu entdeckt hat, obwohl er ein Dialysepatient geworden ist; die 63-jährige chronisch lungenkranke Patientin, die uns gesagt hat, den weiteren Weg nicht mehr gehen zu wollen, und friedlich eingeschlafen ist; der 60-jährige Sänger, der nach drei Monaten Beatmung vor Glück weinte, seine Stimme wieder zu hören; der 69-jährige Manager, der uns vor seiner Intubation das Vertrauen aussprach und uns bat, in seinem Sinne zu entscheiden, wann das Leben zu Ende sei.

Der Glaube an das Vernünftige, das Gute, das Menschliche hat seinen Platz mitten auf der Intensivstation.

Der Anästhesist und Intensivmediziner PD Dr. med. Jan-Peter Braun ist Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin und Schmerztherapie sowie Sprecher des klinischen Ethikkomitees  am Martin Luther Krankenhaus in Berlin-Wilmersdorf.

 

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