2021-05-20 Blog Horst Seferens

Erinnerung als „absichtsvolle Selbstbeunruhigung“

20.5.2021 | Blog | Horst Seferens

Osterblog

© EAzB / Ulf Beck

Klaus Reichmuth, ein aus einem evangelischen Pfarrhaus in Stettin stammender Pfarrer, musste 1942 ein halbes Jahr Haft im Konzentrationslager Sachsenhausen erleiden. Zusammen mit einem Mitschüler hatte er die Abschrift einer Predigt verbreitet, in der sich der katholische Bischof Clemens August von Galen gegen die nationalsozialistischen Krankenmorde wandte.

Zum 76. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge des KZ Sachsenhausen in diesem April hat Reichmuth, der in diesen Tagen seinen 97. Geburtstag feiert, eine eindrucksvolle Videobotschaft beigesteuert. Darin fragt er, der schon nach drei Monaten KZ-Haft durch Hunger und ständigen Durchfall bis auf die Knochen abgemagert war, warum er dennoch überlebt hat. „Der Grund für unser Überleben“, so seine Antwort, „waren die Gebete der Bekenntnisgemeinden in Pommern und Brandenburg, die unsere Namen (…) auf ihren Fürbittlisten hatten. Der Grund für unser Überleben war, dass Gott, der Allerhöchste, diese Gebete erhört hat.“

Man muss nicht so viel Gottvertrauen haben wie Klaus Reichmuth, um von seiner Glaubenskraft und seiner Zivilcourage beeindruckt zu sein. Er ist einer der letzten Zeitzeugen, die uns aus eigenem Erleben und Erleiden an die Menschheitsverbrechen des Nationalsozialismus erinnern können. Diese Erinnerung und die stete Pflicht zur Auseinandersetzung mit diesen Staatsverbrechen, die im Zivilisationsbruch der Shoa gipfelten, ist nun endgültig an uns Nachgeborene übergegangen.

SS-Mann, KZ-Schreiber – und gläubiger Protestant

So wichtig diese Erinnerung ist, genügt es dennoch nicht, nur der Opfer in ihrer Unterschiedlichkeit zu gedenken. Wir müssen auch die Verantwortlichen für diese Verbrechen im Blick haben. Zum Beispiel Paul Jude: Er war seit 1934 – damals war er 21 Jahre alt – als SS-Mann in verschiedenen Konzentrationslagern tätig. 1938 wurde er Schreiber in der Politischen Abteilung des KZ Sachsenhausen, wo er bis 1945 an der Organisation zahlloser Verbrechen beteiligt war. Zugleich war Paul Jude gläubiger Protestant, der vor seiner Eheschließung bei seinen SS-Vorgesetzten die Genehmigung für eine kirchliche Trauung erbat.

Die Frage, wie Menschen – zumal solche, die sich als gläubige Christinnen und Christen verstanden – zu Tätern wurden, treibt nicht nur Wissenschaftler*innen und Nachfahren um, sondern viele Menschen in der ganzen Welt. Dahinter steht letztlich die Frage, wie sich ein hoch entwickeltes Land in der Mitte Europas in kürzester Zeit in ein menschenverachtendes Gewaltregime verwandeln konnte, das zuerst ungeahnten Terror nach innen entfaltete und dann die Welt mit Krieg, Raub und Vernichtung überzog.

Gerade die Beschäftigung mit der Frage nach den Ursachen, Strukturen und Mentalitäten, die den Nationalsozialismus und seine Verbrechen ermöglichten, muss ein wichtiger Bestandteil unserer Erinnerungskultur sein und dauerhaft bleiben. Es gilt, das aufklärerische Potenzial eines kritischen Geschichtsbewusstseins – die „absichtsvolle Selbstbeunruhigung an der (eigenen) Geschichte“ (Volkhard Knigge) – für die Weiterentwicklung unserer demokratischen, menschenrechtsorientierten Gesellschaft zu nutzen.

Ein Gedenken, das nur die Opfer und ihr Leid im Blick hätte und sich in emotionaler Anteilnahme erschöpft, droht, die reale, elementar beunruhigende Geschichte zu entkernen, schlimmstenfalls zu verharmlosen. Wahrhaftiges, zweckfreies Gedenken an die Opfer gibt es nur in Verbindung mit einem selbstreflexiven Blick auf die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen. Wenn wir den eindringlichen Worten von Klaus Reichmuth zuhören, sollten wir daher auch an den SS-Täter Paul Jude denken.

Horst Seferens ist Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.

 

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