Online-Therapie für Kinder?

Online-Therapie für Kinder?

Eine Therapeutin berichtet über ihre Erfahrungen

© Adobe / New Africa

In der Corona-Pandemie sind Online-Formate zeitweise die einzige Möglichkeit für Seelsorge und psychosoziale Beratung gewesen. Inwieweit existenzielle Fragen auch künftig ihren Ort im Digitalraum haben können, ist Thema bei unserem Fachgespräch am 12. Oktober. Mit der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin Stefanie Guth haben wir vorab über ihre Erfahrungen in der psychotherapeutischen Online-Beratung gesprochen.

Welche Chancen bietet Online-Beratung für Kinder und Jugendliche?

Die Chance ist in erster Linie, dass das ein niedrigschwelliger Ansatz ist. Die meisten Kinder und Jugendlichen sind ja viel im Netz unterwegs und sind es auch gewohnt, sich dort auszutauschen. Es gibt inzwischen auch Angebote wie Krisenchats. Deshalb sind weiterführende Angebote der Beratung eine gute Möglichkeit, dort anzuknüpfen. Viele Kinder und Jugendliche wissen ja gar nicht, wo sie sich Rat holen können.

Was sind häufige Themen, die bei einer solchen Online-Beratung im Mittelpunkt stehen?

Das ist sehr vielfältig. Schule ist ein großes Thema. Da gibt es sehr viel Leistungsdruck, verbunden mit Leidensdruck. Das hat auch nochmal zugenommen in der Corona-Zeit. Familiäre Themen sind ebenfalls häufig; oft geht es um ungünstige Familienkonstellationen wie Scheidungen oder Trennungen und ihre Folgen: Wenn ein Elternteil plötzlich alleinerziehend ist und seine Zeit für Arbeit und Betreuung knapp wird, fühlen sich die jungen Menschen oft alleingelassen. Je nachdem, wie fragil ein Kind ist, reagiert es dann mit bestimmten Symptomen.

Gerade junge Erwachsene sind eigentlich auch eine zu wenig beachtete Gruppe, für die Online-Angebote eine gute Chance sind. Der Übergang von der Schule in den Beruf überfordert viele. Wenn sie vorher schon etwas Belastendes erlebt haben, so dass ihr Selbst nicht so stabil ist, dann sind sie eben auch anfälliger.

Was sind die wesentlichen Unterschiede zwischen Online-Beratung und persönlichem Face-to-Face-Kontakt?

Wenn ich einen realen Raum gestalte und begegne dort jemandem live, dann spürt man diese Person schon beim Händedruck. Das hat etwas Konkretes, Handfestes. Und in einem therapeutischen Setting ist der Raum ja auch immer der gleiche – ein sicherer Raum, in den man regelmäßig geht.

Online ist das einerseits vielleicht nicht so geschützt. Auf der anderen Seite ist es auch eine Möglichkeit, aus einem geschützten Rahmen, aus der eigenen Wohnung heraus in Kontakt zu treten und jemandem einen Einblick in das eigene Leben zu geben. Das würde in einem klassischen therapeutischen Setting so nie stattfinden – wir machen ja keine Hausbesuche. Man bekommt als Therapeut online also Einblicke, die man sonst nicht hätte.

Beides hat seinen Wert. Ich glaube, es hängt viel damit zusammen, mit welcher Haltung man als Therapeut diesen virtuellen Raum gestaltet. Das ist sicher auch nicht für jeden etwas. Mir geht es nicht so, dass ich nichts von meinem Gegenüber spüre im virtuellen Raum. Andere haben damit aber durchaus Schwierigkeiten.

Inwiefern verändert der Digitalraum die Beziehung zwischen Berater*innen und Jugendlichen?

Ein wichtiger Punkt ist die Beziehung: Kann man sich einlassen auf das Setting und auf das Gegenüber? Wenn man sich im Digitalraum kennenlernt, ist das eine andere Basis als in einer klassischen Therapie-Situation, denn man gestaltet diesen Raum gemeinsam.

Die Grenze ist da, wo sich der eine nicht wohlfühlt– weil dann dieses Authentische gestört wird, dass ich mich zeige und mich öffne. Dann ist das keine gute Beziehungsebene, um darin weiterzuarbeiten. Letztlich kommt es immer darauf an, ob das Setting im konkreten Fall passt. Wenn der Patient merkt oder ich merke, da kann ich nicht helfen, dann beenden wir das auch.

Gibt es Grenzen von Online-Beratung?

Es gibt natürlich bestimmte Diagnosen, bei denen eine Online-Beratung nicht empfehlenswert bzw. nicht indiziert ist. Ein klassisches Thema in der Kinder- und Jugendpsychologie sind Essstörungen: Da kann Online-Therapie nur ein Übergang sein. Wenn jemand zum Beispiel im Ausland lebt und dort keine Möglichkeit zu einer Therapie in der Muttersprache hat, ist es immer noch besser, erst einmal mit einem Online-Angebot zu beginnen. In solchen Fällen beziehen wir nach Möglichkeit zum Beispiel Kinderärzte vor Ort ein. Gerade im letzten Jahr hatte ich mehrere Fälle, bei denen die Betroffenen wegen Corona-Beschränkungen nicht ausreisen konnten. Dann ging das eben erst einmal nur online.

Das sind aber keine typischen Fälle. Viele junge Menschen kommen zum Beispiel wegen einer Hoch- und Höchstbegabung zu mir. Die geht oft mit erhöhter Sensibilität einher, und die Betroffenen haben dann vielfältige Schwierigkeiten.

Eine Grenze der Online-Beratung sind auf jeden Fall schwere psychiatrische Störungsbilder, so Dinge wie Wahn oder Dissoziation. Das kann ich online gar nicht auffangen und richtig begleiten. In solchen Fällen würde ich aus der Ferne überhaupt nicht therapieren, sondern nur dazu beraten, was es vor Ort für Angebote gibt.

Stefanie Guth begleitet als Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin unter anderem Familien, die im Ausland leben. Bei unserem Fachgespräch „Kann man zu existenziellen Fragen zoomen, skypen, chatten?“ am 12. Oktober wird sie über Onlineberatung für Kinder- und Jugendliche referieren. Das Fachgespräch richtet sich an Seelsorger*innen, Berater*innen sowie weitere Mitarbeitende im Gesundheits- und Sozialwesen.

2021 12 Okt

Fachgespräch

Online

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