Genau am richtigen Ort

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Queer sein und katholisch bleiben | Blog | Rainer Teuber

© Jonas Klinke / EAzB

Sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung lesbischer, schwuler, queerer und non-binärer Menschen einsetzen und gleichzeitig in der katholischen Kirche aktiv bleiben: Wie passt das zusammen? Ein Interview mit Rainer Teuber, Museumspädagoge am Essener Domschatz und Teil der Initiative #OutInChurch.

Was bedeutet Kirche für Sie?

Rainer Teuber: Kirche bedeutet für mich trotz aller Diskriminierung und trotz aller schlimmen Erfahrungen immer noch Heimat. Ich bin als Kind katholisch sozialisiert aufgewachsen, also im Grunde katholisch durchgefärbt, und merke, dass ich das nicht ohne weiteres ablegen kann und will. Ich glaube auch immer noch, dass unsere Kirche eine Botschaft hat, die es sich lohnt zu verkünden.

Wann sind Sie zum ersten Mal wegen Ihrer Homosexualität in der Kirche angeeckt?

Teuber: Als ich meine erste Partnerschaft hatte. Schwulsein allein ist ja erst mal als Katholik nicht das Problem. Es wird immer erst dann schwierig, wenn Sexualität anfängt Spaß zu machen, sprich: wenn jemand Zweites dazukommt. Da fingen die Probleme an: ein Versteckspiel, letztendlich ein Lügengebilde.

Wie hat das Ihr Verhältnis zur Kirche beeinflusst?

Teuber: Ich habe es für mich immer geschafft und schaffe es auch bis heute, zu trennen zwischen meinem Glauben an Gott und meinem Verhältnis zur Institution Kirche. Diese Dinge haben sich bei mir komplett abgekoppelt. Ich sehe die Institution an vielen Stellen äußerst kritisch und hadere da auch, aber das hat nichts mit meinem Verhältnis zu Gott zu tun.

Und trotzdem arbeiten Sie weiter für diese Institution. Wie passt das zusammen?

Teuber: Weil ich an Gott glaube und weil ich glaube, dass unser Gott so wirkmächtig ist, dass es queere Menschen schlichtweg nicht geben würde, wären sie nicht Teil seines Schöpfungsplans. Insofern bin ich sicher, dass ich wie alle Menschen Teil von Gottes Plan und genauso geliebt und gewollt bin wie alle anderen auch.

Mich leitet zudem immer das Gleichnis von den uns anvertrauten Talenten. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich an der Stelle, wo ich seit jetzt 26 Jahren arbeite, genau richtig bin. Dass ich genau da die Talente, die ich von Gott mit auf den Weg bekommen habe, fruchtbar und wirkungsvoll einsetzen kann. Und das will ich mir nicht wegnehmen lassen.

Wann haben Sie sich gegenüber Ihrem Arbeitgeber geoutet, und wie hat die Kirche reagiert?

Teuber: In meinem Team wussten die Kolleginnen im Vertrauen schon Bescheid. 2019 habe ich dann eine Veranstaltung besucht, bei der unser Generalvikar über das weitere Vorgehen im Bistum gesprochen hat, um zukünftig sexuellen Missbrauch frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. Da waren eine ganze Reihe von Kolleg*innen aus dem Bistum anwesend, und bei ganz vielen Fragen wurde eine Vermischung hergestellt zwischen Pädophilie, Missbrauch und Homosexualität. Da ist mir dann die Hutschnur geplatzt und ich habe gesagt: „Ich möchte das nicht! Ich finde das unerträglich, dass über mich als schwuler Mann hier so gesprochen wird, als seien die schwulen Männer das Problem dieser Kirche.“

Ein ungeplantes Outing also, das aber für mich eine totale Befreiung war. Ich habe keine Konsequenzen gespürt, weder vom Generalvikar noch sonst irgendwo. Im Gegenteil: Seitdem bin ich ein bisschen das queere Gesicht des Bistums Essen geworden.

Was geht in Ihnen vor, wenn Sie die offiziellen Lehräußerungen der katholischen Kirche zu Homosexualität und zu queeren Menschen hören?

Teuber: Es ist ja beschämend für die Kirche und für Verantwortungsträger in dieser Kirche. Denn seit dem Start unserer Kampagne #OutInChurch ist eigentlich nicht allzuviel passiert. Die Forderungen liegen zum großen Teil immer noch unbearbeitet auf dem Tisch. Gerade hat der Ständige Rat der Bischofskonferenz zumindest die neue Grundordnung für Mitarbeitende im kirchlichen Dienst verabschiedet. Gleichgeschlechtliche Partnerschaften werden jetzt im kirchlichen Arbeitsrecht nicht mehr als Loyalitätsverstoß gewertet, sind also kein Kündigungsgrund mehr. Vielfalt wird als Bereicherung anerkannt. Das ist sicherlich ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, aber wer nach wie vor unbenannt bleibt, sind alle non-binären, alle trans-identen Menschen. Die kommen im Sichtfeld dieser Kirche kaum vor. Für trans-idente, für non-binäre Menschen birgt die nun überarbeitete Grundordnung immer noch Unsicherheiten.

Haben Sie jemals überlegt, aus der Kirche auszutreten wegen dieser ganzen Spannungen und Widersprüche? Oder zumindest den Arbeitgeber zu wechseln?

Teuber: Ich könnte mit meiner Erfahrung natürlich in jedem Museum arbeiten. Aber ich glaube, ich könnte meine Arbeit dort längst nicht so gut machen wie in der Kirche, weil mir die innere Nähe fehlt. Ich brenne einfach für die kirchliche Kunst und für die kirchliche Architektur, die durch die Jahrhunderte immer wieder ein Ausdruck des Glaubensverständnisses der Menschen war.

An Austritt denke ich noch nicht. Aber ich merke, wie das einstmals dicke Tau, das mich mit dieser Kirche verbunden hat, immer dünner wird. Auf der anderen Seite erlebe ich durch so eine Initiative wie #OutInChurch eine unglaubliche Energie – und das ist ja auch Kirche! Was diese mittlerweile rund 500 Menschen auf die Beine gestellt haben, das ist gelebtes Christentum. Das ist das, was mich trägt, was mir Kraft gibt und wo ich merke: Es lohnt sich, dabei zu bleiben. Wenn ich austrete, habe ich im Grunde keine Gestaltungsmöglichkeiten mehr. Dann kann ich mit dem Finger von außen draufzeigen, aber ich kann nicht mehr aktiv mitgestalten. So sind wir ein wenig Stachel im Sitzfleisch der einen oder anderen Leitungsfunktionäre.

Rainer Teuber arbeitet seit 1996 beim Domkapitel des Bistums Essen für den Essener Domschatz. Seit 2017 leitet er dort den Bereich Museumspädagogik und den Besucherservice. Privat engagiert er sich in seiner Kirchengemeinde St. Josef in Essen-Frintrop. Mit seinem Mann Karl-Heinz ist er seit 18 Jahren verheiratet. In der Initiative #OutInChurch, die im Januar 2022 zeitgleich mit der Ausstrahlung der ARD-Dokumentation „Wie Gott uns schuf“ an die Öffentlichkeit trat, engagiert er sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung queerer Menschen in der katholischen Kirche.

Für die Playlist zum Blog hat Rainer Teuber den Titel „Lass sie reden“ von Rosenstolz ausgewählt. Seine Begründung: „Rosenstolz haben mich mit ihren Liedern durch mein Coming-Out begleitet und sie tun es bis heute. Gerade die Textzeile ‚Lass sie reden, und wir lieben dafür laut‘ finde ich ganz wunderbar, da es uns allen ganz egal sein sollte, wer wen oder wer wie liebt.“

Die Fragen stellte Christoph Dreyer.

Die ganze Playlist zum Adventsblog TROTZDEM!

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