Trotzdem weitermachen

Trotzdem weitermachen

Als Unternehmer trotz Krisen getragen | Blog | Friedhelm Wachs

© Jonas Klinke / EAzB

Für viele, gerade kleine Unternehmerinnen und Unternehmer sind die eng aufeinander folgenden Krisen der vergangenen Jahre eine existenzielle Belastung. Was hilft ihnen, dennoch nicht aufzugeben, auch wenn es mitunter kaum noch eine Perspektive zu geben scheint?

Kennen Sie Enzo?

Enzo ist beliebt. Sehr beliebt. Er ist ein kleiner Mann, etwa 1,58 m groß. Wache, fröhliche Augen, weißes Haar, weiche Gesichtszüge. Ein bisschen wie eine Putte sieht er aus, in weißem, weitem Hemd und  grauer Hose. Einer, der keiner Fliege etwas zuleide tut. Zugewandt. Weiche Bewegungen. Ein freundliches, echtes Lächeln, wenn er dich sieht. Ein Mann, der sich kümmert. Italiener.

Sein ganzes erwachsenes Leben schon, hat Enzo sein Restaurant in diesem Keller hier. Gerechnet hat er nie. Er wollte einfach nur Gastgeber sein. Und irgendwie ging das immer auf. Er hat einfach immer vertraut.

Doch immer neue Krisen und Bürokratie haben ihm zugesetzt. Finanzkrise, Fachkräftemangel, Lieferkettengesetz, Corona und ständig wechselnde Verordnungen – und jetzt die Energiekrise. Er kann nicht mehr. Die Bude ist voll – endlich, nach der langen Durststrecke durch die Pandemie. Aber ob jetzt nicht doch jeder Gast ein Minus produziert angesichts noch nicht eingegangener Abschlagsrechnungen für die Energie, das weiß Enzo nicht. Gefühlt, sagt er, gräbt er sich täglich ein tieferes Loch. Er kann nicht mehr und trotzdem macht er weiter.

Wie die vielen in Berlin und Brandenburg und im ganzen Land, die inzwischen fast alles hergegeben haben für ihr Unternehmen und die eine weitere Krise kaum bewältigen können. Die Rücklagen fürs Alter sind verbraucht, das Ersparte ist weg. Aufgefressen von den Kosten der Krisen. Den Händlern hat der Onlinehandel Kunden weggenommen. Klein- und Kleinstunternehmer sowie Unternehmer mit bis zu 50 Mitarbeitern kämpfen besonders.

Wir vergessen sie oft, weil sie so stark erscheinen. Sie sind es gewohnt, die Dinge in die Hand zu nehmen, sich nicht zurückzulehnen und auf andere zu warten. Sie machen. Sie unternehmen. Gerade jetzt in der Adventszeit.

Vor genau zweieinhalb Jahren wollte Enzo das erste Mal aufgeben. Dann erinnerte er sich an einen Bibelspruch, den er von seiner Mutter gelernt hatte: „Ihr wisst doch, dass zwei Spatzen für einen Cent verkauft werden. Doch nicht einer von ihnen fällt auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt. (…) Habt also keine Angst! Ihr seid doch mehr wert als ganze Schwärme von Spatzen.“ (Matthäus 10,29.31)

Behördlich waren alle Restaurants geschlossen, aber irgendwie musste es ja weitergehen. Und so lud Enzo seine Stammgäste ein. „Hier hinten ist ein Zimmer“, lächelte er ihnen zu. „Kommt rein“, lockte er. „Ihr müsst nur über die Garage kommen. Und nicht zusammen. Schön einer nach dem anderen.“

Sie kamen. Nicht zum Essen. Sie halfen. Die einen fanden Wege, einen Lieferservice aufzubauen. Zumindest mittags und abends konnte so die Küche wieder genutzt werden. Die anderen kümmerten sich um seine Buchhaltung, denn die war eine einfache Einnahmenüberschussrechnung. In Wirklichkeit hatte Enzo keine Ahnung, wo er finanziell stand. Und wieder andere kümmerten sich um das bürokratische Gestrüpp der Corona-Hilfen. Alle halfen ein bisschen, gemeinsam war es viel. Irgendwann war klar, dass Enzo auch Geld brauchte. Und so legten sie zusammen, weil keiner auf Enzo verzichten wollte. Auf diese Weise überlebten Enzo und sein italienisches Restaurant in diesem Keller. Mit Ängsten, mit Sorgen, mit Geldmangel. Aber getragen.

Viele solcher Sorgen bemerken wir oft nicht, wenn wir das freundliche Lächeln sehen oder einen mürrischen, zermürbten Menschen erleben. Schnell sind wir bei einem negativen Urteil, wenn wir unternehmerisches Handeln sehen und nicht verstehen.  Wir sind skeptisch gegenüber denjenigen, die für den Fortbestand ihres Unternehmens handeln müssen. Die angesichts zurückgehender Umsätze zeitweise die Produktion einstellen und einen Teil ihrer Mitarbeiter entlassen müssen. Das ist nichts, was eine Unternehmerin oder ein Unternehmer leichtfertig tut. Schon gar nicht in diesen Zeiten, in denen Fachkräfte kaum zu finden sind. Es ist ein schmerzhafter Prozess, aber es ist nötig, um trotzdem weitermachen zu können.

Nicht nur für Enzo ist unklar, ob er die Energiekrise übersteht. Aber getragen von dem Bibelspruch seiner Mutter und dem Zuspruch seiner Stammgäste, macht er weiter. Trotzdem. Das gilt auch für jene, die sich gezwungen sehen, Arbeitsplätze abzubauen, damit die Unternehmen überleben können. Sie wissen nicht, was ihnen die Zukunft bringt, aber sie hoffen und glauben, dass sie auch jetzt trägt, was sie bislang trägt. Trotzdem. 

In einer repräsentativen Umfrage des ifo-Instituts im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen gaben kürzlich 25 Prozent der Unternehmen an, einen Abbau von Arbeitsplätzen zu planen. Bei einer vergleichbaren Umfrage im April hatten dies noch 14 Prozent angegeben. 57 Prozent der befragten Unternehmen stellen sich laut der Umfrage darauf ein, geplante Investitionen zu verschieben. Fast jeder zehnte Betrieb plant nach eigenen Angaben, Betriebsstätten ins Ausland zu verlagern. Vor einem halben Jahr waren dies nur sechs Prozent.

So erleben wir seit einiger Zeit eine schleichende Verlagerung industrieller Wertschöpfung. Die Unternehmen wollen weitermachen. Trotzdem. Viele auch hier vor Ort. Aber nicht alle können das so einfach. Manche Unternehmen fahren die Fertigung in Deutschland zurück oder verlagern ihre Produktion dorthin, wo Energiekosten, Steuern und Bürokratie-Lasten geringer sind.

Und die kleinen? Die können gar nicht auf diese Weise reagieren, um ihre Unternehmen zu retten. Aber sie zeigen es oft nicht. Viele haben kaum noch Kraft.

Fragen Sie mal die Unternehmer in ihrer Umgebung, warum sie trotzdem weitermachen. Die Bäckerin, den Mann im Zeitungskiosk, die Handwerkerin, den Gemüsehändler. Wer Ohren hat, der höre, und wer Augen hat, der sehe. Advent ist der Hörtest und die Sehschule Gottes auch und gerade in unserer täglichen Umgebung, nicht nur mit Blick auf Christi Geburt.

Wie wäre es, wenn wir in diesen Tagen besonders hingucken? Wenn wir ein Lächeln und ein Danke mehr als sonst hinterlassen und auch einmal nachfragen, wie es in dieser Zeit den Unternehmen in unserer Umgebung geht. Wie wäre es, wenn wir ihnen  Aufmerksamkeit schenken und zuhören?

Und erzählen wir ihnen von den Spatzen. Schauen wir hin und ermutigen wir die Beladenen weiterzumachen. Trotzdem. Denn sie sind gehalten.

Friedhelm Wachs ist Unternehmer in Leipzig, Vorsitzender des Arbeitskreises Evangelischer Unternehmer in Deutschland und Kuratoriumsvorsitzender der Stiftung zur Förderung der Evangelischen Akademie zu Berlin. Für die Playlist zum Blog hat er Till Brönners Interpretation des Liedes „Ach, bleib mit deiner Gnade“ ausgewählt.

Die ganze Playlist zum Adventsblog TROTZDEM!

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