Frieden

Leitbild Gerechter Frieden

Der Geist Gottes des HERRN ist auf mir, weil der HERR mich gesalbt hat. Er hat mich gesandt, den Elenden gute Botschaft zu bringen, die zerbrochenen Herzen zu verbinden, zu verkündigen den Gefangenen die Freiheit, den Gebundenen, dass sie frei und ledig sein sollen. (Jesaja 61,1)

Der Krieg ist uns so nah in der Tagespolitik, wie er es hier in Europa lange nicht war. Seit dem 24. Februar 2022, seit also Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine begonnen hat, ist der Krieg wieder in Europa angekommen.

Dem kann man zweierlei entgegnen. Erstens: Auch vorher schon war Krieg in der Ukraine, allerdings in einer latenten Weise, die es der Weltgemeinschaft einfacher machte, diesen militärischen Konflikt zu ignorieren. Zweitens: Die Betonung, dass Frieden und Krieg uns nun mehr angehen, weil der Krieg in Europa angekommen sei, legt eine eurozentrische Perspektive offen. Die globalen Konflikte waren bereits vorher massiv, man denke nur beispielhaft an die anhaltenden Konflikte mit unzähligen Opfern in Myanmar, Sudan und Äthiopien.

Beide Einwände sind richtig. Richtig ist aber auch: Die Zahl der gewaltvollen Konflikte weltweit nimmt seit ein paar Jahren insgesamt zu. Und: Seit dem Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 in Deutschland hat sich die Diskussion zur Sicherheitspolitik und zum geopolitischen Gefüge massiv verändert.

Damit sind auch die Diskussionen in der evangelischen Kirche intensiver geworden. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die radikal pazifistisch auf allgemeine Abrüstung dringen, jegliche Beteiligung an militärischer Gewaltausübung unabhängig von der politischen Situation ablehnen und auch bei massiven völkerrechtswidrigen Aggressionen auf nicht-militärische Mittel wie Diplomatie und zivilen Widerstand setzen. Auf der anderen Seite stehen diejenigen, die militärische Gewalt als äußerstes Mittel der Gefahrenabwehr und Selbstverteidigung als legitim ansehen. Sie argumentieren zum Beispiel, dass Waffenlieferungen an die Ukraine und unter Umständen auch eine militärische Aufrüstung Deutschlands nicht nur ethisch möglich, sondern sogar geboten sei, weil die Durchsetzung der internationalen Ordnung notfalls reaktive Gewalt verlange. Dazwischen gibt es viele Schattierungen – und auch viel Ratlosigkeit.

Was sagt die Bibel? Die biblischen Texte geben unterschiedliche Interpretationsmöglichkeiten: Wir kennen aus diesen Texten selbstverständlich das Recht auf Verteidigung. Das Volk Israel ist stets bedroht; davon erzählt die Bibel ausführlich. Waffengewalt und sogar Freude über gewonnene Kriege ist den biblischen Texten nicht fremd – man denke nur an die Psalmen. In den Evangelien kommen mehrfach Soldaten vor. Das Lukasevangelium legt nahe, dass sich christlicher Glaube und Soldatentum nicht ausschließen (vgl. Lukas 3,13-14). Demgegenüber lehnt die Bergpredigt Gewalt auch zur Selbstverteidigung ab: Christinnen und Christen sollen ihre Feinde lieben, so wie Gott den Guten wie den Bösen Sonne und Regen schenke. Bei Paulus hingegen heißt es, dass Gott dem heidnischen Staat das Schwert geschenkt habe, damit es die Bösen bestrafe (Römer 13,1-7).

Das zeigt die Grenzen der einfachen Übertragbarkeit biblischer Texte auf die heutige Situation. Denn anders als der antike Paulus leben wir heute in Deutschland in einer Demokratie. Sich zurückzuziehen und zur Durchsetzung von Recht auf den Staat zu verweisen, der gleichsam unabhängig von Christenmenschen existiert, ist damit keine Option.

Gerechter Frieden als Kerngedanke protestantischer Friedensethik

Kerngedanke protestantischer Friedensethik jüngerer Zeit in Deutschland ist das Konzept des Gerechten Friedens. Die Idee des Gerechten Friedens ist in Abgrenzung von der zwei Jahrtausende lang immer wieder neu entwickelten Lehre vom Bellum Iustum – dem gerechten Krieg – entstanden. Bei ihr ging es immer um die Frage: Wann ist ein Krieg gerecht? Mit dieser Tradition bricht das Konzept des Gerechten Friedens in zweierlei Hinsicht:

Es denkt, erstens, radikal vom Frieden her. Frieden im Sinne des Gerechten Friedens wird immer als Prozess gedacht. Dieser Prozess umfasst mindestens vier Dimensionen: Schutz vor Gewalt, den Abbau von Not, die Förderung der Freiheit und die Anerkennung kultureller Verschiedenheit. Die vier Dimensionen bedingen einander, aber sie können in der Lebenswirklichkeit verschieden weit entwickelt sein. Im Wissen darum, dass das Reich Gottes nicht auf Erden ist, sind Christinnen und Christen aber vor dem Horizont von Gottes Frieden dazu angehalten, stetig am Fortschritt dieser vier Dimensionen zu arbeiten. Die vorrangige Option ist dabei zweifellos und immer Gewaltlosigkeit.

Denn die Lehre vom Gerechten Frieden kennt, zweitens, keinen gerechten Krieg. Krieg ist immer ungerecht. Trotzdem ist nicht jede kriegerische Antwort auf einen militärischen Angriff unethisch: In einem sehr engen Rahmen kennt das Konzept des Gerechten Friedens als Ausdruck der „rechtserhaltenden Gewalt“ auch Krieg als ultimo ratio. Dies gilt aber nur im Verteidigungsfall, wenn alle anderen Optionen ausgeschöpft sind und die Antwort verhältnismäßig und dem Frieden dienlich ist.

Hier beginnen die Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt: Die Idee der „rechtserhaltenden Gewalt“ ist stark an heutige Grenzen und an die Stärke des Völkerrechts gebunden. Die nationalen Grenzen sind Produkt der Historie. Was aber, wenn deren Ergebnis nicht anerkannt wird? Drängender wohl noch die Frage: Was passiert, wenn eine Partei sich überhaupt nicht an das Völkerrecht gebunden fühlt? Und was heißt Selbstverteidigung: Umfasst sie Waffenlieferungen etwa an die Ukraine, weil die europäische Ordnung durch einen Sieg Russlands über die Ukraine grundlegend in Frage gestellt würde? Was heißt Anerkennung kultureller Vielfalt, wenn nicht nur Rechtsvorstellungen, sondern auch Interessen global sehr weit auseinander liegen?

Von der Diskussion über diese Fragen sind wir nicht befreit. Aber das Leitbild des Gerechten Friedens kann uns einen Rahmen geben, in dem (weiter)gedacht werden kann.

Gewiss ist: Arbeit am Frieden ist Pflicht aller Christinnen und Christen. Trost liegt in dem Vertrauen, dass Christinnen und Christen vor dem Horizont des Reiches Gottes daran glauben: Die Welt kann eine andere werden, und diese Veränderung kann nicht nur durch menschliche Anstrengung erreicht werden. Ein friedensfördernder Beitrag von Christinnen und Christen in dieser Welt kann daher durchaus sein, diese Hoffnung zu artikulieren. Darüber materialisiert sich diese Hoffnung auch in christlicher Friedensarbeit und Friedensförderung.

Weiterführend zum Thema:

  • Friedensdenkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (2007)
  • Friedensgutachten 2023, herausgegeben vom Bonn International Centre for Conflict Studies, dem Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg, dem Institut für Entwicklung und Frieden der Universität Duisburg-Essen und dem Peace Research Institute Frankfurt – Leibniz-Institut für Friedens- und Konfliktforschung

Frieden und Internationales

In welcher Gesellschaft wollen wir leben und wie können wir Glaubensinhalte in den politischen Diskurs einbringen? Wir unterstützen politische Entscheidungsträger auf dem Weg zur ethischen Urteilsbildung und zum verantwortlichen Handeln und wirken als evangelische Stimme in die Politik hinein. …

Krippner, Friederike 2020

Dr. Friederike Krippner

Akademiedirektorin

Telefon (030) 203 55 - 505

Hoffnung in bedrohten Zeiten

Christliche Beiträge zur Demokratie heute

Wir glauben, dass Gott uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat. (2. Timotheus 1,7) Gesellschaftliche Debatten nehmen seit einiger Zeit an Schärfe und Polemik zu. Die These von der gespaltenen Gesellschaft ist zum medialen Dauerthema geworden. …

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