Geschlecht

Geschlecht, Gender und Geschöpflichkeit

„Und Gott sah alles, was er geschaffen hatte, und siehe es war sehr gut.“ (Genesis 1,31)

Vor Kurzem haben zwei Landesregierungen das Gendern von Sprache im Schriftverkehr von Behörden, Schulen und Hochschulen verboten – also alle Versuche, Geschlechteraspekte durch Sonderzeichen in der Schriftsprache abzubilden. Eine Erleichterung sehen darin diejenigen, die gegenderte Sprache anstrengend, kompliziert, unverständlich finden. Eine Fehlentwicklung ist dies aus Sicht jener, die mit gegenderter Sprache das Eintreten für Gerechtigkeit und Gleichberechtigung verbinden.

Was meint eigentlich der Anglizismus Gender? Ursprünglich bezieht er sich auf eine aus der Wissenschaftssprache stammende Unterscheidung zwischen sozialem und biologischem Geschlecht – zwischen sex und gender. Heute wird im allgemeinen Sprachgebrauch alles mit Gender bezeichnet, was sich um Geschlechterfragen rankt: Sprache, Geschlecht, Verhaltensweisen und Charaktereigenschaften, Sexualität, Paarbeziehungen, Kinderkriegen, Elternsein, Familienformen, Lebensweisen, Begehren, Körper und vieles mehr, aufgrund dessen Menschen Ausgrenzung, Benachteiligung oder Abwertung erleben können.

Eine evangelische Perspektive auf diese Fragen ist der Glaube an die Einzigartigkeit und Würde jedes Menschen. Als Christinnen und Christen glauben wir daran, dass jeder Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen ist, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung. Die Ebenbürtigkeit der Geschlechter und die Würde aller Menschen ergeben sich aus ihrem Geschaffen-Sein im „Bilde Gottes“ (Genesis 1,27) sowie durch die Berufung in den Dienst an den Nächsten und an zukünftigen Generationen.

Das heißt auch, dass die Gottesebenbildlichkeit erst einmal keine besonderen Geschlechterrollen kennt und auch keine speziellen, an das Geschlecht gebundenen Begabungen oder Begrenzungen. Pflege und Führungsrollen, Lehre und Haushalt, Handwerk und Familie sind nicht geschlechtsspezifisch kodiert. Mit dem Gebot „seid fruchtbar und mehret euch“ wird den Menschen eine Verantwortung für die Zukunft auferlegt, die nicht nach Geschlecht, Status oder Volkszugehörigkeit unterscheidet. Es gehört zur Freiheit eines Christenmenschen, dass wir dieser Verantwortung auf unterschiedliche Arten und Weisen gerecht werden können, dürfen und müssen.

Wie lassen sich diese befreienden, öffnenden biblischen Perspektiven einbringen als Zwischentöne in der gesellschaftlichen Debatte um Gender und Co.?

Gender als diese Vielzahl gesellschaftlicher Realitäten ist Teil der göttlichen Schöpfung; die Vielfalt aller Menschen, ihrer Erfahrungen und Identitäten ist von Gott gewollt. Wer die Bibel liest, lernt diese Vielfalt menschlicher Geschöpflichkeit und die Fülle sexueller und familiärer Lebensmodelle schätzen: Dort finden sich Geschichten von Großfamilien (Abraham) und verlassenen Propheten (Hosea), von Inzest (Lots Töchter) und Jungfrauengeburt (Maria), von verbindlicher Treue (Ruth und Naomi) und leidenschaftlicher Liebe (Hohes Lied) wie auch von Gewalterfahrungen in der Familie (Tamar, Hagar). Und es finden sich Regeln, mit denen sexuelles Begehren in Grenzen gesetzt, die Schwachen geschützt und das familiäre, soziale Zusammenleben gestärkt werden sollen. Respekt für die Vielfalt menschlicher Sexualität, der Schutz inkarnierter Menschenwürde und die intergenerationelle Verpflichtung auf Fürsorge von Jung und Alt gehören damit zu den zentralen Werten der biblisch-christlichen Tradition.

Und dennoch lesen wir im Schöpfungsbericht, dass der Mensch als weiblich und männlich geschaffen wurde. Es gibt aber Menschen, die sich in keinem dieser beiden Geschlechter verorten. Dies stellt in der theologischen Reflexion eine Herausforderung dar, die mit traditionellen Bildern bricht. Die Einteilung in bestimmte Kategorien stellt für uns Menschen eine gewohnte Strukturierung unseres alltäglichen Lebens dar. Die Vielfalt von Gottes Schöpfung durch menschliche Kategorien eingrenzen zu wollen, bedeutet jedoch eine Anmaßung.

Beim Lesen der Beschreibungen zu Gottes Schöpfung im Buch Genesis fällt auf, dass die Welt in Dualismen wie Licht/Dunkel und Erde/Wasser aufgeteilt wird. Doch die Betrachtung unserer Welt zeigt eine deutlich größere Vielfalt auf dem Spektrum zwischen diesen Polen– zum Beispiel Dämmerung und Halbschatten, Watt und Moore. Oder eben Intergeschlechtlichkeit. Trans-, intergeschlechtliche oder nichtbinäre Personen stehen nicht im Widerspruch zur göttlichen Schöpfung; sie sind vielmehr Teil der komplexen Realität, in der Menschen ihre Identitäten entfalten.

Wie können wir in der gemeinsamen Bearbeitung und Reflexion biblischer Texte auch unsere eigenen Perspektiven und unser jeweiliges Geworden-Sein auf diese Vielschichtigkeiten mitdenken? Wie können wir diese persönlichen Perspektiven nicht ablösen von unserm Verständnis und unserer Auslegung?

Während die biblischen Texte oft über Gerechtigkeit sprechen, finden sich in ihnen kaum Passagen, die heutige Streitthemen wie Homosexualität, Abtreibung, Ehescheidung oder geschlechtliche Identität behandeln. Das Grundwissen über Sexualität und Fortpflanzung war in der Zeit, in der die biblischen Texte entstanden, rudimentär. Stabile Familienverbände sicherten das Überleben. Auch deshalb ist es unlauter, biblische Verse aus ihren historischen, kulturellen und materiellen Kontexten herauszureißen und sie als „Schlagworte“ für bestimmte politische oder gesetzliche Positionen einzusetzen. 

Wie gelingt es, diese komplexen und vielfältigen Themen so miteinander zu diskutieren, dass dabei das Bestreben nach einer gerechten Gesellschaft für alle im Vordergrund steht?

Weiterführend zum Thema:

Prof. em. Katharina von Kellenbach, PhD

Projektreferentin für „Bildstörungen: Elemente einer antisemitismuskritischen pädagogischen und theologischen Praxis“

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Christliche Beiträge zur Demokratie heute

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