Klima

Klimakrise und sozial-ökologische Transformation

Eine große Mehrheit unserer Gesellschaft erkennt im Klimawandel eine der drängendsten Herausforderungen und sieht großen Handlungsbedarf. Gleichzeitig gibt es Divergenzen und Unzufriedenheiten im Blick auf die Frage, wie wir Klimaziele erreichen können. Dabei erleben wir eine emotional aufgeladene, pauschalisierende Mobilisierung gegen vermeintlich bevormundende oder einschränkende Maßnahmen der Bundesregierung. Und nicht zuletzt ist die Klimakrise für viele Menschen auch ein Thema, bei dem sie sich ohnmächtig fühlen angesichts der Komplexität und des globalen Ausmaßes des Klimawandels.

Die Besinnung auf den eigenen Konsum kann für jede und jeden ein gutes Mittel sein, um Wirksamkeit zu erleben und zumindest „etwas zu tun“: Wo kann ich Emissionen vermeiden, meinen ökologischen Fußabdruck verringern? Kann ich auf alternative Mobilitätsformen wie die Bahn oder Carsharing umsteigen, oder ist eine Flugreise unabdingbar? Als Konsument*innen haben wir zweifellos Gestaltungsmacht. Doch reichen diese Schritte nicht aus: Aufgrund der gesellschaftlichen Brisanz des Themas besteht einerseits die große Gefahr, dass dadurch moralisierende Diskussionen eines „besseren“ oder „schlechteren“ Beitragenden zum Klimawandel verschärft werden. Und wir könnten aus dem Blick verlieren, dass in der Frage des nachhaltigen Umbaus unserer Gesellschaft auch die strukturellen Ebenen der Infrastruktur und der Rahmenbedingungen, unter denen wir produzieren und konsumieren, zentral sind.

Wie können Spielregeln, die unsere Lebensbedingungen prägen, verändert werden? Nachhaltigkeit ist eine Frage des Wirtschaftens, die nicht nur die Ebene des Konsums, sondern auch der Produktionsweise umfasst. Wie können wir eine „Wirtschaft im Dienste der Menschen“ gestalten? Welche Ressourcen sollten als Gemeingüter verhandelt und genutzt werden, und welches Potenzial hat dies für eine nachhaltige Lebensweise? Einen Weg hin zu einer Veränderung der strukturellen Bedingungen, in denen wir arbeiten und leben, hat die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) mit ihrer 2020 veröffentlichten Klimaschutzrichtlinie begonnen: Gemeindehäuser sollen bis 2024 klimaneutral umgebaut werden. Welche weiteren Ideen und Zukunftsvisionen, aber auch Streitthemen können in Gemeindekontexten zur Sprache kommen – ausgehend von einer Perspektive des Evangeliums, in dem das Leitbild Gerechtigkeit und die Hoffnung auf einen "neuen Himmel und eine neue Erde" tragend sind?

1. Niemanden zurücklassen

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen

Gewohnte Pfade und Denkmuster zu verlassen, ist schwierig und braucht Mut. Mut, auf Gott zu vertrauen und in den Widerspruch zu gehen, zum Beispiel zu Mehrheitsmeinungen oder eingefahrenen Vorstellungen nach dem Motto: „So war es schon immer und so muss es auch immer sein“. Zu diesem Mut ruft Petrus in der Apostelgeschichte auf: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg.5, 29).

Außerdem gilt: Für die Skizzierung des Wegs hin zu einer nachhaltigeren und gerechteren Welt können wir uns nicht auf eine Perspektive beschränken. Die Berücksichtigung des Umstands, dass wir aus unterschiedlichen Lebensumständen kommen, kann eine Grundlage sein, um in Gespräche mit Mitmenschen zu gehen. Es ist wichtig, denjenigen zuzuhören und mit ihnen eine gangbare Zukunftsvision zu entwickeln, für die viel auf dem Spiel steht: Sei es, weil Jobperspektiven wegfallen, Kosten entstehen, für die kein finanzielles Polster vorhanden ist, oder andere Ängste den Blick auf Chancen versperren.

Wie kann die sozial-ökologische Transformation gerecht gestaltet werden? Das ist die Kernfrage, die es zu diskutieren gilt. Dazu gehört, die gesellschaftlichen Verhältnisse mit in den Blick zu nehmen und genau hinzuschauen, wo Klimaveränderungen soziale Ungleichheiten verstärken. Es lohnt sich, Diskussionen in Gemeinden und anderen Kontexten auf ein Ringen um Lösungsmöglichkeiten zu lenken: Wie können Hauptverursacher*innen von Emissionen ihre Verantwortlichkeiten erkennen und gewohnte Pfade verlernen? Welche Regeln sind hier notwendig? Welche Perspektiven gibt es, um Menschen Zukunftsängste zu nehmen? Dazu gehört auch ein Nachdenken über die Gestaltung von Solidarität(spolitiken).

Auch auf zwischenmenschlicher Ebene kann in Gesprächen und Gottesdiensten die Erinnerung daran, dass wir aufeinander und auf die Gnade Gottes angewiesen sind, lebendig gehalten werden. Fürsorge ist der Ausgangspunkt für Freiheit. Freiheit, die nicht ohne die Verantwortung füreinander und die Welt gedacht und gelebt werden kann.

Der Maßstab für all dieses Reden und Handeln kann besagter Satz aus der Apostelgeschichte sein: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ Zum einen geht es darum, Bilder der Hoffnung aus dem Evangelium zu gewinnen. Zum anderen ist danach zu fragen, wie uns diese Bilder der Hoffnung zum Handeln inspirieren und unsere Entscheidungen beeinflussen. Dabei geht es auch darum, eigene Ängste zu identifizieren, sich ihnen zu stellen und sie zu überwinden. Die Apostel vor dem Gericht mussten sich entscheiden: Wähle ich den Weg der Anpassung und des geringsten Widerstandes – oder stehe ich zu dem, was ich als richtig erkannt habe? In unserer Situation geht es dabei selten um Leben und Tod, sondern um den Mut, zu formulieren, Kritik zu hören und auf sie zu antworten, Wege zu finden und zu gehen, in denen wir die Verantwortung vor Gott umgesetzt finden.

2. Die sozial-ökologische Transformation als politisches Handlungsfeld

Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt.

Das Warten auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, wie sie in der Bibel beschrieben sind (Jesaja 65,17; Offenbarung 21,1), ist ein hoffnungsvolles – und ein Warten, das Ungewissheit und Chaos aushält: Die Transformation kann nicht am Reißbrett geplant werden. Vielmehr braucht es einen Aufbruch ins Ungewisse und vielleicht auch erst einmal: ins Unangenehme.

Wir müssen Widersprüche aushalten und Komfortzonen verlassen. Die Verheißung in Jesaja auf einen neuen Himmel und auf eine neue Erde kommt inmitten von Zerstörung und Vergehen. Es ist alles schon zu spät, könnten pessimistische Stimmen sagen. Doch: Jetzt erst recht anfangen, das ist die Botschaft, die in Jesajas Verheißung/Johannes Offenbarung steckt. Das Engagement für eine nachhaltige Welt wird getragen von der Zuversicht, etwas bewirken zu können.

Das geschieht nicht im Alleingang, sondern mit anderen. Vor Kurzem hat der Internationale Menschenrechtsgerichtshof das Grundrecht auf Schutz vor Folgen des Klimawandels bekräftigt. Um dieses Recht geltend machen zu können, müssen sich Betroffene zusammentun. Beispiele aus aller Welt zeigen solche Kraft von Bündnissen und gemeinsamem Handeln (buen vivir, fridays for future). Die Kontroversen, die sich um das „richtige Tun“ in unserer Gesellschaft und Politik entfachen, können um eine neue Perspektive ergänzt werden: dem politischen Tun, dem gemeinsamen Handeln für eine neue Welt, in der alle Menschen und die gesamte Schöpfung Gottes Platz haben. Politisches Handeln ist gemeinschaftlich. Es ringt um die Rahmenbedingungen und Regeln eines gleichberechtigten und respektvollen Miteinanders.

Vielleicht lohnt es, einmal die Methode des „Handabdrucks“ mit anderen auszuprobieren. Der Handabdruck ist ein Bildungstool für transformatives Lernen, das von germanwatch entwickelt wurde, als Kontrast zum Fußabdruck, der den individuellen Konsum zentral stellt. Sich mit dem eigenen Handabdruck auseinanderzusetzen, regt zu neuen Ideen für die eigene Selbstwirksamkeit an. Wo engagiere ich mich, für welche politischen Lösungen möchte ich mich einsetzen? Für Gesprächsrunden genutzt eröffnet die Methode ein konstruktives Nachdenken über die Gestaltung von Zukunft als Gesellschaft, statt in moralisierenden und individualisierenden Perspektiven stecken zu bleiben. Das macht hoffnungsvoll.

Das Bild des neuen Himmels und der neuen Erde ist ein Bild der Verheißung, die wir nicht selbst herstellen können, aber an der wir uns orientieren und auf die wir zuleben können. Sie motiviert uns zur Tat und zum aufrechten Gang, entlastet uns aber vom Druck des Erfolges. Jede Veränderung braucht die Hoffnung, dass der Weg zum Besseren möglich ist und die Freiheit, mitten auf dem Weg innezuhalten und die Richtung zu wechseln.

Weiterführend zum Thema:

  • Verantwortung wahrnehmen für die Schöpfung. Gemeinsame Erklärung des Rates der EKD und der Deutschen Bischofskonferenz von 1985.
  • Auf dem Weg zur sozial-ökologischen Transformation. Geschichten des Gelingens zur Umsetzung der Ziele für eine nachhaltige Entwicklung in Kirche und Diakonie (EKD-Publikation von 2021).
  • Politische Jugendbildung für die sozial-ökologische Transformation. (PDF-Dokument) Positionspapier der Gemeinsamen Initiative der Träger Politischer Jugendbildung (GEMINI) im Bundesausschuss Politische Bildung, veröffentlicht 2023.
  • Logbuch Handabdruck von Germanwatch e.V., veröffentlicht 2024.
  • Transformation gestalten lernen (PDF-Dokument). Mit Bildung und transformativem Engagement gesellschaftliche Strukturen verändern. Hintergrundpapier von Marie Heitfeld und Alexander Reif für Germanwatch e.V. (Hrsg.), 2020.
  • Mathew T. Huber, Climate Change as Class War: Building Socialism on a Warming Planet, Verso Books, London 2022.
  • Gemeinsam seid ihr stark. Wolfgang Janisch (Süddeutsche Zeitung) über Urteile des Europäischen Menschengerichtshofs zu mehreren Klimaklagen, 9. April 2024.
  • Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser, Triggerpunkte. Konsens und Konflikt in der Gegenwartsgesellschaft, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2024.
Dr. Hannah Schilling 2021

Dr. Hannah Schilling

Studienleiterin für gesellschaftspolitische Jugendbildung

Telefon (030) 203 55 - 311

Hoffnung in bedrohten Zeiten

Christliche Beiträge zur Demokratie heute

Wir glauben, dass Gott uns nicht den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben hat. (2. Timotheus 1,7) Gesellschaftliche Debatten nehmen seit einiger Zeit an Schärfe und Polemik zu. Die These von der gespaltenen Gesellschaft ist zum medialen Dauerthema geworden. …

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