„Antiziganismus ist ein Mehrheitsproblem“

„Antiziganismus ist ein Mehrheitsproblem“

Jakob Mirwald über das Netzwerk Sinti Roma Kirchen

© EAzB / Karin Baumann

500.000 Sinti und Roma wurden im Nationalsozialismus ermordet. Wie Kirche und Gesellschaft Verantwortung tragen können, erklärt Projektleiter Jakob Mirwald vom Netzwerk Sinti Roma im Interview mit der evangelischen Wochenzeitung „Die Kirche“. 

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden Sinti und Roma systematisch verfolgt – etwa 500.000 wurden in Europa ermordet. Auch heute erleben viele Sinti und Roma, die in Deutschland leben, Ausgrenzung und Diskriminierung. Das Netzwerk Sinti Roma Kirchen, das die Evangelische Akademie zu Berlin koordiniert, engagiert sich gegen Antiziganismus. Jakob Mirwald, Projektleiter des Netzwerks, erzählt im Interview, warum Aufarbeitung nur gemeinsam mit Sinti und Roma gelingen kann und welche Verantwortung Kirche dabei trägt. 

Wenn wir heute über Sinti und Roma in Deutschland sprechen – von wem reden wir? 
Sinti und Roma sind in Deutschland als nationale Minderheit anerkannt. Zu ihnen zählen deutsche Sinti, die seit mehr als 600 Jahren in Deutschland leben, deutsche Roma, deren Familien länger als 100 Jahre hier leben, ebenso wie Roma, die in den 1960er Jahren als Gastarbeiter kamen, während der Balkankriege in den 1990er Jahren oder im Zuge der Osteuropa-Erweiterung. Hinzu kommen neu Zugewanderte, etwa Geflüchtete aus der Ukraine. Aus einer mehrheitsgesellschaftlichen Perspektive werden diese sehr unterschiedlichen Gruppen jedoch oft und vorschnell pauschal als „Sinti und Roma“ zusammengefasst. 

Anlässlich des Holocaust-Gedenktages laden unter anderem das Netzwerk Sinti Roma Kirchen und der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma zu einem Gedenkgottesdienst in den Berliner Dom ein. Warum trägt die Evangelische Kirche eine besondere Rolle bei der Aufarbeitung der Verfolgung von Sinti und Roma in der Zeit des Nationalsozialismus? 

Der Großteil der deutschen Sinti war überwiegend katholisch, genaue Zahlen gibt es jedoch nicht. Klar ist, dass ein Teil von ihnen evangelisch war; auch heute gibt es noch evangelische Sinti. Viele sind enttäuscht, dass sich die evangelische (wie die katholische Kirche) in der NS-Zeit nicht für ihre Kirchenmitglieder eingesetzt hat, die ausgegrenzt und verfolgt wurden. Und auch nach 1945 erlebten Sinti weiterhin massive Ausgrenzung. Die evangelische und katholische Kirche blieben weitestgehend stumm – als Konsequenz gehören viele Sinti mittlerweile Freikirchen an. Auch regierungsseitig erfolgte die völkerrechtliche Anerkennung der rassischen Verfolgung und des Völkermords an Sinti und Roma erst im Jahr 1982. 

Wo setzt das Netzwerk Sinti Roma Kirchen an? 
Vor rund acht Jahren gründete sich das Netzwerk Sinti Roma Kirchen in Kooperation der Evangelischen Akademie zu Berlin mit dem Landesrat deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg, namentlich mit Dotschy Reinhard. Die gemeinsame Arbeit hat sich relativ schnell im Rahmen einer Jahrestagung etabliert. 2019 wurde das Netzwerk offiziell von Vertretern der evangelischen Kirche und der Selbstorganisationen gegründet, um die Zusammenarbeit zu verstetigen. Seit September 2022 koordiniert die Akademie diese Arbeit. Schwerpunkte sind Sensibilisierung und Empowerment. Das Netzwerk verfolgt das Ziel, politisch agierende Akteure zusammenzubringen. Wir wollen in den Kirchen aber auch in der säkularen Mehrheitsgesellschaft mehr Sensibilität für die Situation und die Geschichte von Sinti und Roma schaffen. Antiziganismus ist ein Mehrheitsproblem – aber das Bewusstsein dafür, dass auch Antiziganismus Rassismus ist, ist sehr viel geringer ist als zum Beispiel beim Antisemitismus. 

Wie leistet das Netzwerk Empowerment-Arbeit? 
Empowerment leisten wir als evangelische Akteure bewusst nicht direkt, sondern arbeiten hier eng mit Selbstorganisationen zusammen. Unser Projektpartner, die Landesvertretung deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg-Sinti Powerclub e.V., bildet zum Beispiel bundesweit junge Minderheitsangehörige zu Bildungsbotschafter*innen gegen Antiziganismus aus. Sie besuchen Schulen, Hochschulen und Wohlfahrtsorganisationen und leisten dort Sensibilisierungsarbeit. 

Wo sehen Sie die größte Herausforderung? 
Auch bei unseren Netzwerktagungen – zuletzt im September in Freiburg – zeigt sich immer wieder, dass die Entwicklung von Vertrauen Zeit braucht. Viele hoch belastende Erfahrungen wurden lange nur innerhalb der betroffenen Minderheit in kleinen Kreisen oder in der Familie besprochen. Für Aufarbeitung und Zusammenarbeit ist daher große Sensibilität nötig. Aufarbeitung gelingt nur auf Augenhöhe, gemeinsam. Hier sehe ich gute Entwicklungen. 

Können Sie da ein, zwei Schritte nennen, die schon gemacht wurden? 
Mit einer Erklärung zur Bekämpfung von Antiziganismus vom Januar 2023 hat die Evangelische Kirche in Deutschland deutlich gemacht, dass sie solidarisch an der Seite von Sinti und Roma steht und sich kritisch mit der eigenen Geschichte auseinandersetzt. Es war ein entscheidender Schritt, dass sich die EKD als Institution positioniert. Zudem wächst unser Netzwerk zunehmend, in Tiefe und Breite. 

Gibt es eine Begegnung, eine Erfahrung, die Ihnen persönlich sehr nachgegangen ist? 
Eine Ausstellung zu Sinti und Roma in der Gedenkstätte Sachsenhausen wurde 2024 umfassend überarbeitet. Das Netzwerk hat diese Maßnahmen, die maßgeblich initiiert waren durch unseren Partner, das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma und der Gedenkstätte, unterstützt. An der Überarbeitung waren maßgeblich Minderheitsangehörige beteiligt, etwa Margitta Steinbach vom Verein Menda Yek. Im Austausch mit ihr ist mir klar geworden, wie wichtig es ist, betroffene Familien in solche Prozesse einzubeziehen. Angehörige erfahren oft erst nachträglich von der Nutzung von Bildern ihrer Verwandten in Ausstellungen oder der Presse. Viele ihrer Perspektiven sind aus einer mehrheitsgesellschaftlichen Sicht kaum bedacht. Ich kann sehr empfehlen, die Ausstellung zu besuchen. 

Netzwerk Sinti Roma Kirchen

Netzwerk Sinti Roma Kirchen

Partner im Kooperationsverbund gegen Antiziganismus

Als Mitglied des Netzwerks Sinti Roma Kirchen setzt sich die Evangelische Akademie zu Berlin dafür ein, diskriminierende Strukturen in Gesellschaft und Kirche aufzubrechen und die selbstbestimmte Interessenvertretung von Sinti*zze und Rom*nja in den Blickpunkt zu rücken. Dabei arbeitet sie mit dem …

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Jakob Mirwald

Projektleitung Netzwerk Sinti Roma Kirchen

Telefon (030) 203 55 - 583

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