„Auf den Frieden hin denken“
Friederike Krippner im EMW-Podcast zur neuen Denkschrift der EKD

© Karin Baumann/EAzB
Was heißt es heute, Frieden christlich-ethisch zu denken? Sind Waffenlieferungen ethisch vertretbar? Was ist ein „Gerechter Frieden“? Und wie lässt sich das Spannungsfeld zwischen Gewaltlosigkeit und Schutzverantwortung aushalten? In der aktuellen Folge des Podcast „Zeit für Mission“ der Evangelischen Mission Weltweit (EMW) spricht Akademiedirektorin Friederike Krippner über Kernthemen der neuen EKD-Friedensdenkschrift „Welt in Unordnung – Gerechter Friede im Blick“.
Was ist aus Ihrer Sicht der zentrale Impuls der Friedensdenkschrift 2025 in einem Satz?
Wir denken als Christi*innen gemeinsam auf den Frieden hin. Das ist, meiner Meinung nach, der wichtigste Impuls. Denn im Moment haben wir eine Diskurskultur oder auch eine politische Gesamtgemengelage, in der wir vor allen Dingen über den Krieg reden. Die Grundhaltung dieser Denkschrift ist es demgegenüber den Frieden als Ziel ins Zentrum zu stellen. Aber in der komplexen und auch gewaltvollen Wirklichkeit, in der wir gerade leben.
In der Denkschrift ist immer wieder von einem Gerechten Frieden die Rede. Können Sie mir das Konzept, das sich dahinter verbirgt, ein wenig erläutern? Was ist denn der Unterschied zu – überspitzt gesagt – „herkömmlichen Frieden“?
Den Begriff Gerechter Friede ist ökumenisch geprägt. Zuerst verwendet wurde er von Katholik*innen und er fand sich dann aber auch schon im Titel der EKD-Friedensdenkschrift von 2007. Inzwischen, würde ich sagen, umfasst der Begriff ein ökumenisches präzisierendes Denken darüber, was Frieden eigentlich ist. Denn das Konzept bringt zwei Begriffe zusammen, die auch wenn man sich die biblischen Texte anschaut, ganz eng zusammengehören, nämlich Frieden und Gerechtigkeit. Frieden ist eben nicht, wie man zunächst vielleicht denken könnte, die bloße Abwesenheit von Gewalt. Sondern wenn wir uns die biblischen Friedensvisionen anschauen, dann haben wir dort einen ganz umfassenden Frieden, der nur dann da ist, wenn auch Gerechtigkeit herrscht.
Der besondere Clou ist, dass hier ein Begriff entscheidend verändert wurde, der seit dem Frühchristentum präsent ist. Mit der Konstantinischen Wende, also in dem Moment, in dem Christ*innen auf einmal politische Verantwortung, aber auch Verantwortung, beispielsweise im Militär übernehmen konnten oder mussten, fangen Theolog*innen und Kirchenleute wie etwa Augustinus an, über den „Gerechten Krieg“ nachzudenken. Auch Augustinus geht es schon um Gewaltbegrenzung. Aber der Fokus ist ein anderer. Die Frage lautet: Gibt es Umständen, unter denen Christenmenschen Krieg führen dürfen? Und wenn ja: Welche Kriterien müssen hierfür leitend sein? Die Überlegungen zu solchen Kriterien des Gerechten Krieges ziehen sich bis nach dem Zweiten Weltkrieg durch. Dann kam es langsam zu einer Umbildung dieser theologiegeschichtlich äußerst prägenden Idee hin zu einer ökumenischen Vision, die den Frieden ins Zentrum stellt und diesen Perspektivenwechsel dann auch ganz deutlich macht. Man wollte damit zeigen: Ein Krieg kann nie gerecht sein. Das ist heute weitgehend ökumenischer Konsens.
Wie geht die Denkschrift mit der Spannung zwischen dem Ideal der Gewaltfreiheit und der Realität militärischer Gewalt um?
Zunächst muss man sagen, dass wir mit der Bergpredigt, mit Jesus‘ Tod und mit der gesamten Kreuzestheologie eine ganz klare Botschaft der Gewaltlosigkeit haben. Und das ist sehr stark und auch sehr radikal. Zweierlei ist dabei aber zu beachten: Erstens muss man, wenn man sich die biblischen Texte anschaut, feststellen, dass Jesus das in einer faktisch gewaltvollen Welt denkt. Zweitens haben wir in diesen Texten eine ganze Menge an Geboten und auch Ideen, die mit dieser absoluten Gewaltlosigkeit mindestens in eine Spannung treten können. Und diese Spannung ist in der Denkschrift aufgenommen worden.
Ich will das mal konkretisieren. Wir haben in der Bergpredigt einerseits die klare Botschaft der Gewaltlosigkeit, äußerst fordernd beschrieben mit der Feindesliebe. Wir haben aber auch die Nächstenliebe. Das muss zwar nicht, aber kann durchaus in einer Spannung zueinander stehen. Das gilt besonders dann, wenn wir das Ganze auf eine staatliche Ebene übertragen (was ja übrigens aber nicht der Fokus der Bergpredigt ist): Wenn ich Russlands völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine nehme, dann habe ich einen ganz klaren Aggressor. Was heißt denn dann eigentlich Feindesliebe? Und was heißt Nächstenliebe? Nächstenliebe umfasst unbedingt auch den Schutz des Nächsten. Und da kann eben das Schutzgebot, das in der Nächstenliebe zum Ausdruck kommt, durchaus in eine Konkurrenz zur Forderung der Gewaltfreiheit stehen. Gewaltfreie Lösungen müssen immer Priorität haben, das ist klar. Wenn aber jedes andere Mittel erschöpft ist, wenn Diplomatie und ziviler gewaltfreier Widerstand nicht wirken, dann kann also Gegengewalt in einem sehr eng begrenzten Maße ethisch legitim sein – eben, weil es unter Umständen dem Schutz des Nächsten dienst. Denn was würde eine andere Entscheidung bedeuten? Das würde heißen, wir bitten den Aggressor quasi herein. Denn es gibt ermutigende Beispiele zivilen Widerstands, Gottseidank. Aber Beispiele, die zeigen, dass es funktioniert, einem wie Russland auftretenden Aggressor in einem internationalen Konflikt ausschließlich mit zivilem Widerstand entgegenzutreten, die müssen erst noch erbracht werden.
Welche Rolle möchte die Kirche mit dieser Friedensdenkschrift denn einnehmen und an wen richtet sie sich denn eigentlich? Möchte sie beraten oder mahnen und wenn ja, wen?
Ich glaube, mahnen steht nicht im Fokus. Das ist jedenfalls nicht die Sprechhaltung. Sie richtet sich an Menschen, die in Verantwortung für Frieden sorgen können und das meint erst mal alle Christ*innen, weil das an ihren je eigenen Positionen ihre Verantwortung ist. Denn das will ich noch einmal sagen: Im Zentrum der christlichen Botschaft steht der Frieden.
Die Arbeit für den Frieden betrifft also erst einmal alle. Darum hat die Denkschrift zunächst einmal die grundsätzliche Zielrichtung auf Gewissensbildung hinzuwirken. In diesem Sinne ist sie eine sehr protestantische Denkschrift. Das zeigt sich auch gerade in den ersten Kapiteln, die immer so aufgebaut sind, dass sie erst einmal versuchen, die jeweiligen Themen in ihrer Komplexität wahrzunehmen und sie anschließend zur Ordnung des Gerechten Friedens in Verhältnis setzen. Am Schluss finden sich dann ganz praktische Handlungsvorschläge, die sich einerseits an die Politik, andererseits an die Zivilgesellschaft und dann noch mal speziell an die Kirchen wenden. Es geht also um Reflexion und Handlung aus dieser Reflexion heraus.
Erschienen am 02.03.2026
Aktualisiert am 02.03.2026


