„Die Angst sitzt tief“

„Die Angst sitzt tief“

Gedanken einer jungen Sintiza zum Holocaust-Gedenken

© Susanne M. Neumann

Aus Anlass unserer Veranstaltungen zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat eine junge deutsche Sintiza aufgeschrieben, welche Gedanken sie bei solchen Gelegenheiten bewegen:

Ich bin 16 Jahre alt, deutsche Sintiza und möchte mich nicht mehr verstecken!

Schon als Kind habe ich gelernt, meine Herkunft zu verschweigen. In der Schule wurden Fragen gestellt wie: „Woher kommst du?“ oder „Welche Sprache sprecht ihr?" – harmlose Fragen, die für mich wie Warnsignale waren. Ich wusste, wenn ich ehrlich antworte, folgen oft Vorurteile, Ausgrenzung oder Misstrauen.

Ich bin zwischen zwei Welten aufgewachsen. Ich als normaler Mensch zuhause und draußen, wo wir als „Zigeuner“galten, ein Wort, das mit so viel Hass und Unrecht beladen ist. Ich habe erlebt, wie Freundschaften zerbrachen, wenn andere erfuhren, wer wir sind. Ich habe gesehen, wie die Polizei aus Schikane gerufen wurde. Ich erinnere mich an einen Moment, als ich mit meinen Großeltern einkaufen war. Mein Opa ist gehbehindert, doch obwohl wir einen Ausweis hatten, wurde uns der Anspruch auf den Behindertenparkplatz nicht geglaubt, weil wir Sinti sind.

Diese Erfahrungen haben mich geprägt. Ich habe gelernt, vorsichtig zu sein, mich still zu machen. Bei vielen aus unserer Community sitzt die Angst tief. Sie ist ein Erbe unserer Geschichte.

Warum ist gemeinsames Gedenken so wichtig?

Meine Urgroßmutter väterlicherseits wurde mit 16 Jahren nach Auschwitz-Birkenau deportiert und überlebte die Tortur dort nur knapp. Mein Opa mütterlicherseits wurde ebenfalls nach Auschwitz verschleppt. Er überlebte, weil er als „Lagerläufer" für Dr. Mengele (Lagerarzt und Kriegsverbrecher, Anm. d. Red.) arbeiten musste. Beide verloren viele Familienmitglieder und trugen schwere seelische Wunden davon, die wir uns bis heute nur ansatzweise vorstellen können.

Mein Opa und meine Urgroßmutter waren beste Freunde. Sie wurden gemeinsam deportiert, überlebten gemeinsam und blieben ihr Leben Jang eng verbunden. Denn auch nach 1945 hielt die Abwertung und Verfolgung – auch weit entfernt von Auschwitz – weiter an. Deshalb saß ihre Angst immer tief, dass so etwas auch den folgenden Generationen passiert. Beide sind heute nicht mehr da und können ihre Geschichten nicht mehr erzählen.

© Susanne M. Neumann

Deshalb sehe ich es als meine Aufgabe – nein, als unsere Aufgabe – ihre Geschichten weiterzuerzählen. Sie waren nicht umsonst dort. Ihr Leid und das Leid der anderen darf nicht vergessen werden. Insbesondere jetzt.

Daher finde ich gemeinsames Gedenken wie im Berliner Dom am 25. Januar 2026 – zum Tag der Befreiung von Auschwitz und damit meiner Familie – so wichtig. Ich bin berührt von der Anteilnahme anderer Menschen. Und dennoch ist es aus demokratischer und christlicher Perspektive wichtiger denn je, die Geschichte nicht zu wiederholen.

Für mich als junge Sinteza gibt es noch viel zu tun, aber auch das geht nicht alleine, sondern nur gemeinsam. Geschichten, die gemeinsam geschrieben und erzählt werden wie die von Christian Pfeil, verschriftlicht von Ursula Krechel in dem Buch Geisterbahn, und die Lesung dazu zeigen mir immer wieder, dass ich nicht alleine bin. Sie zeigen mir, dass (leider) viele von uns ähnliche Geschichten erzählen, aber trotzdem nicht aufgeben.

Mein Appell an die Gesellschaft:

Wenn ich heute sage, dass ich Deutsche Sintiza bin, tue ich das oft mit Vorsicht. Zu oft habe ich erlebt, wie schnell man abgestempelt wird. Und wenn jemand sagt: „Dann geh doch dahin, wo du herkommst!“, trifft mich das tief. Denn ich bin hier geboren. Ich spreche Deutsch. Deutschland ist mein Zuhause. Sinti und Roma leben seit über 600 Jahren in Europa, auch in Deutschland. Wir sind keine Fremden. Wir sind Teil dieser Gesellschaften. Viele von uns sind christlich. Viele von uns wollen einfach nur eines: ein Leben ohne Feindschaft. Ich wünsche mir, dass sich mehr Menschen für uns einsetzen, denn unsere Geschichte ist Teil der europäischen Geschichte – und unsere Stimmen verdienen es, gehört zu werden.

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Jakob Mirwald

Projektleiter Netzwerk Sinti Roma Kirchen

Telefon (030) 203 55 - 583

Talina Connolly

Projekt Sinti Roma Kirchen (Elternzeitvertretung)

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