„Gefühle sind kein privates Gut“
Aleida Assmann über die politische Dimension von Emotionen

© Corinna Assmann
Ausgehend von zwei Kurzfilmen, beleuchten wir an einem Abend mit den Regisseurinnen Danielle Schwartz und Anna Brass Erinnerungskulturen und Erzählungen, die an konkrete Dinge gebunden sind. An der Diskussion wird auch Aleida Assmann teilnehmen, die für ihre Beiträge zur Erinnerungs- und Gedächtnisforschung bekannt ist. Für das Kurzinterview-Format „Nur ganz kurz“ unseres Newsletters Streitlust haben wir ihr vorab ein paar Fragen gestellt.
Was bewegt Sie derzeit besonders?
Aleida Assmann: Ein Thema, das mich zunehmend beschäftigt ist die politische Bedeutung von Emotionen. Gefühle sind nicht, wie wir lange glaubten, ein privates Gut, denn sie sind ansteckend und verstärken sich gegenseitig. Über digitale Kanäle breiten sie sich aus und werden massenhaft geteilt. Wir wissen inzwischen auch, dass sich negative Gefühle viel besser ausbreiten als positive Gefühle. Wie kann man diesem Trend etwas entgegensetzen? Mein Rezept: sich informieren und vernetzen, lesen, Gespräche führen, gute Nachrichten weitergeben, optimistisch bleiben.
Worüber müssen wir streiten?
Assmann: Dass wir streiten müssen, haben wir Deutsche inzwischen gelernt, denn in der Demokratie zählt jede Stimme, jede(r) soll sich artikulieren und hat ein Recht auf die eigene Meinung. Aber der Streit allein tut‘s nicht, er lebt vom Argument. Und Argumente wiederum leben von Erfahrung, Information, Wissen und Bildung. Für mich bedeutet das: lebenslanges Lernen. Das ist der beste Schutz gegen negative Gefühle und einfache Parolen. Ich sehe meine wichtigste Aufgabe derzeit vor allem darin, dieses lebenslange Lernen an verschiedenen Orten in den jeweils lokalen Gruppen zu praktizieren.
Was sollen wir hören?
Assmann: Seit Jahren sendet der Deutschlandfunk jeden Sonntag morgen eine 10-minütige Folge der Serie Denk ich an Deutschland. Da kommen Menschen des öffentlichen Lebens zu Wort, die sich als Sportler oder Künstler, Wissenschaftler oder Autoren einen Namen gemacht haben. Im Anschluss an den ersten Vers von Heinrich Heines Gedicht haben sie Raum, über ihr Verhältnis zu diesem Land zu sprechen. Die großen Fragen: „Was ist deutsch? Was ist unsere Geschichte? Wie verändert sie sich? Was fürchten oder hoffen wir mit Blick auf die Zukunft?“ werden hier ganz individuell und unterschiedlich beantwortet. Jede Stimme ist ein kleiner Mosaikstein in einem großen Bild, das gar nicht festzuhalten ist, weil es sich ja ständig verändert und weiterentwickelt. Die Sendung ist eine Einladung zum Mit- und Weiterdenken, ein kontinuierlicher Verständigungsprozess über den Zustand unserer Demokratie.
Die Anglistin und Literaturwissenschaftlerin Aleida Assmann ist emeritierte Professorin der Universität Konstanz. Die Fragen zur Veranstaltung Kriegssouvenirs am 12. März haben wir ihr für die aktuelle Ausgabe des Akademie-Newsletters „Streitlust“ gestellt, der alle zwei Monate über Veranstaltungen und Themen der Akademie informiert.
Erschienen am 24.02.2026
Aktualisiert am 24.02.2026

